Coronavirus Wie wahrscheinlich ist es, dass resistente Varianten aufkommen?

Britische Wissenschaftler haben vor der Entstehung resistenter Coronaviren gewarnt. Wie wahrscheinlich ist es, dass Impfstoffe nicht mehr wirken? Und wie sieht der Ausweg aus?
Wo viele Viren kursieren, ist das Risiko von Mutationen hoch

Wo viele Viren kursieren, ist das Risiko von Mutationen hoch

Foto: Fabian Bimmer / REUTERS

Im Kampf gegen das Coronavirus sind Impfungen nach wie vor das effektivste Werkzeug. Doch angesichts der Mutationen des Virus wächst auch die Sorge, dass irgendwann eine Variante entstehen könnte, gegen die die zugelassenen Impfstoffe nicht mehr wirken.

In Großbritannien warnte nun die Scientific Advisory Group for Emergencies der Regierung, also die Wissenschaftliche Beratungsgruppe für Notfälle, vor genau diesem Fall: In einem Paper benannten die Forscherinnen und Forscher die »realistische Möglichkeit«, dass eine Variante auftreten könnte, gegen die die bisher eingesetzten Impfstoffe wirkungslos sind. So berichtete es die britische Zeitung »Guardian«. Ein Mitglied des Gremiums sagte der Zeitung, dies sei »eindeutig etwas, das die Planer und Wissenschaftler sehr ernst nehmen sollten, da es uns weit zurückwerfen würde«.

Auch Anthony Fauci, Immunologe und Berater der US-Regierung, sprach in der vergangenen Woche über die Gefahr neuer, möglicherweise resistenter Mutanten.

Sind diese Sorgen berechtigt? Wie groß ist das Risiko, dass Coronaviren in den kommenden Wochen und Monaten so mutieren, dass sie gegen Impfstoffe resistent sind?

Noch ist der Anlass zur Sorge nicht allzu groß, meint Peter Kremsner, Infektiologe am Universitätsklinikum Tübingen. Er leitet dort das Institut für Tropenmedizin, Reisemedizin und Humanparasitologie.

Dem SPIEGEL sagte Kremsner: Zwar gibt es Fälle, in denen eine einzige Punktmutation bereits eine hundertprozentige Unwirksamkeit auslösen kann. Das gilt zum Beispiel für manche Antibiotika – eine kleine Veränderung im Erreger führe dazu, dass er vollständig resistent ist. »Aber: Das gibt es bei Impfstoffen nicht.«

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Impfstoffe wirken nicht nur über eine Schnittstelle

Impfstoffe seien in der Regel komplexer und zielten meist auf mehrere sogenannte Epitope ab – auf Molekülabschnitte, an die Antikörper binden oder T-Zellen ansetzen können und eine Immunabwehrreaktion auslösen. Wenn sich einer dieser Ansatzpunkte durch eine Mutation verändert, kann das die Immunantwort eventuell leicht abschwächen, der Schutz ist aber immer noch da.

»Je mehr Viren zirkulieren, desto mehr wird mutiert.«

Prof. Dr. Peter Kremsner, Spezialist für Infektionskrankheiten

Wenn allerdings mehrere Veränderungen im Virus-Erbgut zusammenkommen, kann nicht vollständig ausgeschlossen werden, dass die Wirksamkeit bisher eingesetzter Impfstoffe merklich sinkt. Auch Kremsner warnt: »Es wird weitere Varianten geben. Je mehr Viren zirkulieren, desto mehr Mutationen gibt es.«

Die Masse an Viren, die sich bei jeder Vermehrung verändern können, ist entscheidend dafür, wie schnell Mutationen auftreten. Das heißt auch: Dort, wo sich viele Menschen mit dem Coronavirus infizieren, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sich mutierte Viren verbreiten. Und dort, wo sich viele Menschen infizieren, sind viele Menschen ungeimpft.

Die Verbreitung von Impfstoffen erhöht den Druck auf die Viren

Für das Risiko neuer Virusmutationen ist die Zahl der Ungeimpften also maßgeblich. Die Zahl der Geimpften hat allerdings auch einen Einfluss. Kremsner sagt: Die Verbreitung von Impfstoffen erhöhe den Druck auf die Viren. Sind einige Menschen geimpft, haben die Erreger einen Vorteil, die sich einer Abwehrreaktion des Immunsystems entziehen können.

Durch Mutationen, die eine Übertragung auf Geimpfte möglich machen, wird das Virus aber nicht zwingend lebensgefährlicher: »Es setzen sich die Erreger durch, die sich am besten weiterverbreiten. In der Regel sind das nicht die Viren, die sehr letal sind – also nicht die, die besonders schnell und häufig zum Tod führen«, sagt Kremser.

Viren können nicht ohne einen Träger überleben, sie brauchen fremde Zellen, um sich zu vermehren, also um ihr Erbgut weiterzugeben. Wenn der Wirt zu früh stirbt, hat das Virus davon nichts.

Langfristig sei es unwahrscheinlich, dass das Virus gefährlicher werde, sagt Kremsner, aber: »Kurzfristig kann es auch schlimmer werden.«

Wann das passieren kann – dazu will er keine Vermutungen äußern. Seriöse Vorhersagen für die weitere zeitliche Entwicklung von Sars-CoV-2 ließen sich nicht treffen, sagt der Wissenschaftler.

Die Lösung für beide Fälle ist dieselbe

Beide Probleme, die ungebremste Virusentwicklung unter Ungeimpften und die evolutionsbiologische Anpassung in einer teilweise geimpften Gesellschaft, lassen sich mit derselben Lösung bekämpfen: Impfen, und zwar schnell. Und überall. Wenn das Virus keine neuen Wirte mehr findet, kann es nicht weiter mutieren.

In einigen Ländern ist der Anteil der Geimpften an der Bevölkerung aber noch sehr gering. Weltweit kommen derzeit auf 100 Einwohner knapp 60 Impfdosen  – das bedeutet statistisch gesehen, dass gerade einmal 30 Prozent einen vollen Impfschutz haben. In Deutschland kommen auf 100 Einwohnerinnen und Einwohner 115 Dosen, in Indien etwa sind es nur 38. Auf dem afrikanischen Kontinent  waren Ende Juli nur 1,5 Prozent der Menschen vollständig geimpft.

Das hat mit der Verfügbarkeit der Impfstoffe und einer fairen Verteilung genauso zu tun wie mit der Infrastruktur, die für die Impfungen genutzt werden kann.

»Das ist keine Deutschlandemie«

Peter Kremsner, Tübinger Institut für Tropenmedizin

Wenn sich das Virus aber in einem Teil der Welt weiter ausbreitet, wenn es Zeit und Gelegenheit hat, dort zu mutieren und Resistenzen zu bilden, dann gefährdet das auch die Staaten, deren Bewohnerinnen und Bewohner gegen aktuelle Varianten geimpft sind. Kein Land der Welt wird die Pandemie allein beenden können.

»Das ist keine Deutschlandemie, sondern eine Pandemie«, sagt auch Peter Kremsner. »Covid-19 lässt sich nur global bekämpfen.«

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