Psychologe zum Corona-Lockdown "Wir stecken in einem Experiment mit 82 Millionen Teilnehmern"

Nicht jeder will seine Privatfeier wegen Corona absagen: Im Interview erklärt Psychologe Ralph Hertwig, wie man Skeptiker überzeugt und warum die Pandemie zu einem zweiten Sommermärchen werden könnte.
Wegen der Corona-Pandemie sind viele Spielplätze vorübergehend gesperrt

Wegen der Corona-Pandemie sind viele Spielplätze vorübergehend gesperrt

Foto: Oded Balilty/ DPA

SPIEGEL: Herr Hertwig, wie erleben Sie die aktuelle Corona-Pandemie?

Hertwig: Die Dynamik der Situation hat mich überrollt, so wie alle anderen Menschen auch. Als ich in den letzten Wochen begriffen habe, dass die Fallzahlen exponentiell wachsen, ist mir der Ernst der Lage voll bewusst geworden. Wenn jeder Erkrankte im Schnitt zwei andere ansteckt und die wiederum zwei andere und immer so weiter, kann ein Einzelner indirekt Hunderte oder gar Tausende weitere Fälle auslösen. Deshalb sind wir nun alle gefragt. Ich arbeite von zu Hause und halte möglichst Abstand zu meinen Mitmenschen.

Zur Person
Foto: Arne Sattler

Ralph Hertwig, Jahrgang 1963, ist Direktor des Forschungsbereichs Adaptive Rationalität am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

SPIEGEL: Die Maßnahmen zur Eingrenzung der Pandemie sind zuletzt deutlich verschärft worden. Wie lange glauben Sie, nehmen Menschen solche Einschnitte hin?

Hertwig: Wir, also alle Menschen in Deutschland, stecken gerade in einem völlig neuartigen Experiment mit 82 Millionen Teilnehmern. So etwas hat es in unserer Geschichte bisher nicht gegeben. Deshalb ist es schwierig abzuschätzen, wie lange Menschen gravierende Einschnitte in ihr Privatleben hinnehmen. Das hängt vor allem davon ab, ob sie verstehen, warum die Maßnahmen notwendig sind und ob sich Erfolge zeigen.

SPIEGEL: Wie ist Ihr Eindruck, wie viele halten sich an die Vorgaben?

Hertwig: Mich hat es überrascht, dass eine komplexe und hochentwickelte Gesellschaft wie unsere in der Lage ist, das soziale Leben innerhalb von zwei Wochen radikal herunterzufahren, um Menschenleben zu schützen. Ich habe den Eindruck, dass sich die meisten an die Vorgaben halten. Ob das so bleibt, wird davon abhängen, welche Normen sich durchsetzen. Wenn die Mehrheit Abstand hält und Partys absagt, nimmt der Einzelne das als gesellschaftlich erwünschtes Verhalten wahr und ist eher geneigt, sich selbst daranzuhalten.

SPIEGEL: Wie unterscheidet sich die Corona-Pandemie von anderen potenziell bedrohlichen Situationen?

Hertwig: Wir sind dauernd Risiken ausgesetzt - im Straßenverkehr, in der eigenen Wohnung, denn dort passieren die meisten Unfälle. Hinzu kommen noch relativ abstrakte Bedrohungen wie der Klimawandel. Daran haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Die aktuelle Pandemie ist jedoch eine völlig neue Situation. Gerade Kontrollverlust nehmen wir als besonders bedrohlich wahr, das zeigte sich beispielsweise nach den Anschlägen vom 11. September. Wenn wir konsequent zu Hause bleiben, soziale Kontakte meiden, können wir damit auch ein Stück weit das Gefühl von Kontrolle zurückbekommen, weil wir aktiv etwas gegen die Krise tun können - paradoxerweise, indem wir weniger als sonst tun.

SPIEGEL: Setzt irgendwann ein Gewöhnungseffekt ein?

Hertwig: Das lässt sich momentan noch schwer abschätzen. Wenn sich herausstellt, dass das Virus weniger tödlich ist als befürchtet, weil nicht mehr als sechs Prozent wie derzeit in Italien  an den Folgen der Infektion sterben, sondern vielleicht 0,1 Prozent, wird die Krankheit weniger bedrohlich wirken. Aber das ist momentan noch Spekulation.

DER SPIEGEL

SPIEGEL: Wie überzeugt man Corona-Skeptiker, die weiterleben wie bisher?

Hertwig: Ich würde versuchen, die abstrakte Bedrohung auf die persönliche Ebene herunterzubrechen. Wenn jemand eine Corona-Party feiern will, würde ich fragen: "Lädst du deine Mutter auch ein?" Die meisten würden wohl mit nein antworten, weil ältere Menschen als Risikogruppe gelten. Ich würde dann versuchen, dem anderen begreiflich zu machen, dass die Feier dafür sorgen kann, dass sich das Virus schneller ausbreitet und dadurch die Mutter gefährdet, selbst wenn sie nicht selbst dabei ist. Außerdem macht es einen Unterschied, wie man Botschaften sendet. "Experten empfehlen, sich regelmäßig die Hände zu waschen", entwickelt weniger Handlungsdruck als: "Sehr viele Menschen waschen sich jetzt regelmäßig die Hände."

SPIEGEL: In mehreren Städten haben sich Menschen verabredet, von ihren Balkonen aus denjenigen zu applaudieren, die die medizinische Versorgung am Laufen halten. Steckt in der Pandemie auch etwas Positives?

Hertwig: Absolut. Unserer Gesellschaft ist fragmentierter geworden, aber dieses Virus bringt uns alle in dieselbe Situation. Und weil wirklich alle betroffen sein können, wird niemand stigmatisiert. Das Virus ist unserer gemeinsamer Feind. Wenn es uns gelingt, ihn zu bekämpfen und dafür zu sorgen, die Ausbreitung möglichst zu verlangsamen und Menschenleben zu retten, kann das ein positives Gefühl der Gemeinschaft und des gemeinsamen Erfolgs auslösen.

SPIEGEL: Das erinnert an das Sommermärchen der Fußballweltmeisterschaft im Jahr 2006.

Hertwig: Genau. Der Anlass ist natürlich ein ganz anderer, das will ich in aller Deutlichkeit sagen. Es geht hier um Menschenleben und nicht um eine Sportveranstaltung. Aber nach der WM kam ein positives Wir-Gefühl auf und das kann durch die Epidemie auch entstehen, wenn wir sie eindämmen können. Denn es zeigt, dass wir eben nicht in einer konsumgetriebenen, egoistischen Gesellschaft leben, sondern uns solidarisch verhalten, um andere zu schützen.