Chef des Robert Koch-Instituts "Wir gehen davon aus, dass es ein Stresstest wird für unser Land"

In Deutschland ist die Zahl der Corona-Infizierten innerhalb eines Tages um 50 Prozent gestiegen. RKI-Chef Lothar Wieler hält regionale Schulschließungen für sinnvoll, Krankenhäuser müssten sich nun gezielt vorbereiten.
Lothar Wieler bei der Pressekonferenz: "Hier ist auch Nachbarschaftshilfe gefragt"

Lothar Wieler bei der Pressekonferenz: "Hier ist auch Nachbarschaftshilfe gefragt"

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Jörg Carstensen/ dpa

In Deutschland waren Stand Donnerstagabend 2369 Menschen  mit dem Coronavirus infiziert. Dies sei ein starker Anstieg um etwa 10 Prozent im Vergleich zum Vortag, berichtete der Chef des Robert Koch-Instituts (RKI) Lothar Wieler beim Pressebriefing am Freitag (Anmerkung: Wieler hat sich bei der Angabe vertan, tatsächlich lag der Anstieg bei 50 Prozent. Wir haben den Wert im Teaser korrigiert. Mehr zum Thema lesen Sie hier) . Die meisten Fälle gibt es weiterhin in Nordrhein-Westfalen mit 688 Infektionen, in Bayern sind es 500 Fälle, in Baden-Württemberg 454. Sechs Menschen sind in Deutschland bislang am Virus gestorben.

"Die Pandemie wird uns noch lange beschäftigen", so Wieler. Es lasse sich auch nicht ausschließen, dass es in Deutschland zu einer ähnlichen Situation komme wie in Italien. Aber: "Ich hoffe es nicht, und wir tun alles dafür, um das zu verhindern", so der Experte. Deutschland habe den Vorteil, dass es mehr Zeit habe, sich auf das Virus vorzubereiten (welche Unterschiede es zu Italien gibt, lesen Sie hier).

Das betreffe insbesondere die Krankenhäuser. "Es ist sehr wichtig, dass wir es schaffen, die Zahl der Beatmungsplätze so hoch wie möglich zu halten, sodass stark von der Infektion Betroffene versorgt werden können", sagte Wieler. Dazu gebe es in Deutschland bereits ein Erfassungssystem, das anzeige, in welchen Krankenhäusern wie viele Plätze zur Verfügung stehen. Im Ernstfall könnten so alle verfügbaren Plätze genutzt werden.

"Wir hoffen, dass diese Situation in Deutschland nicht auftreten wird"

Wieler forderte Krankenhausbetreiber dazu auf, sich verstärkt darum zu kümmern, geplante Operationen zu verschieben, um Kapazitäten zu schaffen. In Italien seien einige Krankenhäuser inzwischen zur Triage gezwungen: Sie müssten sortieren, welche schwer kranken Patienten beatmet werden, weil es nicht genug Plätze gibt. "Wir hoffen, dass diese Situation in Deutschland nicht auftreten wird. Wir gehen aber davon aus, dass es ein Stresstest wird für unser Land und die Gesundheitsversorgung."

Ungefähr fünf Prozent der nachweislich Infizierten erkranken laut dem Fachmann so stark, dass sie beatmet werden müssen. Das betrifft vor allem alte Menschen und chronisch Kranke. Die entscheidende Frage dazu, ob das Gesundheitssystem überlastet sein wird, ist, wie viele gleichzeitig betroffen sein werden.

Bei vier von fünf Infizierten verläuft eine Infektion mit dem Coronavirus dagegen ohne oder mit leichten Symptomen. "An ihnen wird die Krankheit mehr oder weniger spurlos vorbeigehen", so Wieler. Er sieht eine wichtige Chance darin, die Ausbreitung des Virus bei den harmlosen Fällen einzudämmen und so auch die Zahl der schwer Kranken, die gleichzeitig medizinische Hilfe benötigen, zu verringern.

"Wer die Infektion überstanden hat, ist erst einmal immun", sagte Wieler. Er könne sich nicht mehr infizieren. Je häufiger es gelinge, eine Ansteckung zu verhindern, desto langsamer breite sich das Virus aus. Deshalb werde aktuell auch jeder Übertragungsweg verfolgt und Menschen würden unter Quarantäne gestellt. "Je mehr Infizierte es gibt, desto schwieriger wird es, das System aufrechtzuerhalten. Wir werden es aber trotzdem weiter versuchen."

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"Jeder möge für sich überlegen, wo er noch dringend hingehen muss"

Wieler betonte, dass es sinnvoll sei, Großveranstaltungen abzusagen und Menschenansammlungen zu meiden. Natürlich gebe es aber Veranstaltungen, die stattfinden müssten. "Jeder möge für sich überlegen, wo er noch dringend hingehen muss", sagt Wieler. Das Ziel, die Ausbreitung zu verlangsamen, diene vor allem dazu, chronisch Kranke und alte Menschen zu schützen. "Hier ist auch Nachbarschaftshilfe gefragt."

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

Schulschließungen grundsätzlich sinnvoll

Schulschließungen hält Wieler grundsätzlich für ein sinnvolles Mittel. Allerdings müssten die Bundesländer hier individuell abwägen. In Europa zählen aktuell Italien und die Region Grand Est in Frankreich zu den Risikogebieten. "Es ist klar, dass Bundesländer, die an solche Regionen angrenzen oder enge Beziehungen zu ihnen pflegen, zu einer anderen Risikobewertung kommen als andere Regionen."

Derzeit werden in Bayern, Berlin, Niedersachen, Nordrhein-Westfalen und dem Saarland Schulen und Kitas geschlossen, andere Bundesländer beraten noch (mehr dazu lesen Sie hier). "Wir reden hier über eine Epidemie, die noch Wochen und Monate geht und sich zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Regionen unterschiedlich stark ausbreiten wird", sagte Wieler. Es gelte abzuwägen, wann und für wie lange Schulschließungen in verschiedenen Regionen sinnvoll seien. Dabei müsse auch beachtet werden, dass im Gesundheitswesen viele Frauen arbeiteten, die ausfielen, wenn sie, wie in vielen Familien üblich, die Kinderbetreuung übernehmen müssten.

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In ein bis zwei Jahren 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung betroffen

Wieler ging auf Nachfrage einer Journalistin auch darauf ein, dass das Virus letztlich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung treffen werde. "Das ist normal für leicht übertragbare Erreger, gegen die es noch keine Immunität in der Bevölkerung gibt, keine Impfung und kein Medikament", erklärte er.

Die Prozentwerte hatte der Virologe Christian Drosten von der Charité in Berlin vor einiger Zeit in einem Interview genannt. Auf einer Pressekonferenz vom 2. März erklärte er, wie sie zustande kommt: Im Schnitt steckt jeder Corona-Infizierte ungefähr drei weitere Personen mit dem Virus an, die wiederum drei neue Menschen infizieren. Dadurch breitet sich der Erreger exponentiell aus (mehr dazu lesen sie hier).

Diese exponentielle Ausbreitung stoppt, sobald jeder Infizierte nur noch höchstens eine weitere Person ansteckt. Das ist der Fall, wenn zwei von drei Personen, die potenziell von einem Infizierten angesteckt werden könnten, das Virus schon hatten und immun sind. Zwei von drei immunen Personen entsprechen zwei Dritteln oder 67 Prozent. Anders gesagt: Solange es kein anderes Gegenmittel gibt, kann nur die Immunität der Menschen das Virus stoppen - und dieser Punkt ist erreicht, sobald 60 bis 70 Prozent eine Infektion überstanden haben.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

In Deutschland werden sich demnach etwa 50 Millionen Menschen mit dem Virus infizieren, bis die Epidemie vorbei ist. Wann das der Fall sein wird, lässt sich schwer vorhersagen. "Es gibt schon jetzt zahlreiche Menschen, die sich infiziert haben, einen harmlosen Verlauf hatten und es deshalb nicht gemerkt haben", sagt Wieler. "Je mehr das sind, desto besser." Er schätzt, dass es ein bis zwei Jahre dauern wird, bis die 70 Prozent erreicht sind - zumal ein langsamer Verlauf derzeit oberstes Ziel ist.

Achtung vor einem Fehlschluss: Von diesen 50 Millionen Menschen sind nicht bei fünf Prozent schwere Verläufe zu erwarten. Diese fünf Prozent beziehen sich auf die registrierten Fälle, der tatsächliche Anteil wird vermutlich deutlich darunter liegen.

Wieler verwies außerdem auf eine Neuerung bei den Meldezahlen , die das RKI derzeit einmal täglich abends veröffentlicht. Künftig wird die Behörde nur noch die Fälle nennen, die ihm am jeweiligen Tag von den örtlichen Gesundheitsämtern an das Institut übermittelt wurden. "Weil die Daten händisch in eine Übermittlungssoftware eingegeben werden müssen, gibt es da einige Tage Verzögerung", sagt Wieler. Wenn in den kommenden Tagen plötzlich geringere Zahlen zu lesen seien, bedeute das also nicht, dass die Zahl der insgesamt in Deutschland gemeldeten Fälle plötzlich zurückgegangen sei.

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