Forschungsprojekt in Schleswig-Holstein "Wir vermuten, dass Covid-19 zu Folgeerkrankungen führt"

Das Uniklinikum Schleswig-Holstein will in einer "Biobank" Erkenntnisse über Covid-19-Infizierte sammeln. so sollen Folgeerkrankungen überwacht werden. Der Kieler Medizindekan Joachim Thiery erklärt das Konzept.
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein: "Über Ursachen und Bekämpfung der Folgeschäden wissen wir praktisch noch nichts"

Universitätsklinikum Schleswig-Holstein: "Über Ursachen und Bekämpfung der Folgeschäden wissen wir praktisch noch nichts"

Foto: Michel Mittelstaedt/ rtn/ picture alliance

SPIEGEL: Professor Thiery, die Bundesregierung ruft derzeit ein Covid-19-Forschungsnetz der deutschen Universitätsmedizin ins Leben. Ihr Klinikum hat dafür den Aufbau einer Corona-Biobank konzipiert. Um was geht es da?

Thiery: Wir vermuten, dass Covid-19 nicht nur zu fürchterlichen Akutschäden, sondern auch zu Folgeerkrankungen führt. Wir wollen daher möglichst alle Patienten aus Schleswig-Holstein mit überstandener Corona-Infektion über einen Zeitraum von mindestens zehn Jahren nachuntersuchen, sie um Blutproben bitten, um mit moderner Bildgebung, Funktionstests und Biomarkeranalytik Spätfolgen der Infektion frühzeitig erkennen und behandeln zu können.

SPIEGEL: Wie kommen Sie an die Teilnehmer?

Thiery: Die Gesundheitsämter in Schleswig-Holstein sollen alle Infizierten bitten, sich bei unserer bereits bestehenden Biobank "popgen" zu melden. Parallel dazu sollen spezielle Covid-19-Fälle aus anderen deutschen Unikliniken verfolgt werden.

SPIEGEL: Mit welchen Folgeschäden müssen Corona-Patienten rechnen?

Thiery: Wir wissen, dass Covid-19 eine Systemerkrankung ist; es mehren sich Berichte beispielsweise zu neurologischen Störungen und Schädigungen des Herzens. Über die Ursachen und die Bekämpfung dieser Folgeschäden wissen wir praktisch noch nichts.

SPIEGEL: Heißt das, wenn ich Jahre nach einer Corona-Infektion einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall erleide, könnte das Virus dahinterstecken?

Thiery: Das ist zu befürchten. Die überschießende Entzündung verursacht bei manchen Covid-19 Patienten schwere Schädigungen der inneren Aderhaut, die Mikrogerinnsel auslösen könnten, auch Blutdruckregulation und Leber sind betroffen.

SPIEGEL: Die Biobank konzentriert sich auf Schleswig-Holsteiner. Warum?

Thiery: Die Bevölkerung hier eignet sich besonders für solche hochstandardisierten Sammlungen, da wir mit Dänemark im Norden, den Meeren im Westen und Osten natürliche Barrieren bei der Krankenversorgung und wenig Abwanderung von Patienten haben. Unser einziger Maximalversorger ist das UKSH in Kiel und Lübeck; es ist nach der Charité das größte Universitätsklinikum Deutschlands. Wir haben zudem jahrzehntelange Erfahrung in der Abbildung chronischer Krankheiten auf Populationsebene mit der international bekannten Biobank "popgen".

SPIEGEL: Was kostet das Projekt?

Thiery: Verglichen mit den unübersehbaren Kosten von Corona-Folgeerkrankungen - möglicherweise in Milliardenhöhe, wenn wir zu spät kommen - liegt unser Projekt im Bereich weniger Millionen pro Jahr. Wir sind in der Abstimmung über die passende Förderung.

SPIEGEL: Wie ist das Projekt auf Bundesebene verzahnt?

Thiery: Dazu soll das Forschungsnetz dienen. Das, was wir hier in Schleswig-Holstein machen werden, läuft nicht isoliert, sondern in enger Kooperation mit allen deutschen Universitätskliniken - koordiniert von der Berliner Charité. Nur wenn es uns gelingt, die gesamte Expertise der Ärztinnen und Ärzte, Forscherinnen und Forscher über die Fachgrenzen der Medizin hinweg zu gewinnen, werden wir die dringend notwendigen Erfolge gegen die Pandemie erzielen. Ich bin hier optimistisch.