Wo das Corona-Infektionsrisiko am größten ist Bloß raus hier

Längst nicht jeder Kontakt mit einem Corona-Infizierten endet mit einer Ansteckung. Eine Forscherin hat zusammengetragen, in welchen Situationen besondere Vorsicht geboten ist.
Leere Innenräume sind wohl der beste Corona-Schutz

Leere Innenräume sind wohl der beste Corona-Schutz

 

Foto: Martin Schutt/ dpa

Wer sich mit dem neuen Coronavirus infiziert, steckt ohne Schutzmaßnahmen im Schnitt zwei bis drei weitere Personen an. Diese Zahl aus der Anfangsphase der Pandemie haben sich viele Menschen gemerkt. Allerdings kann es im Zusammenhang damit leicht zu Missverständnissen kommen, denn es handelt sich um einen Durchschnittswert. Im Alltag kann der Wert im Einzelfall viel niedriger oder viel höher liegen.

Das Risiko, das neue Virus weiterzugeben oder sich selbst anzustecken, ist in verschiedenen Situationen unterschiedlich groß. Entscheidend ist die Virusdosis, also die Menge an Viren, mit der eine Person in Kontakt kommt. Forscher beginnen gerade erst im Detail zu verstehen, unter welchen Voraussetzungen und in welchen Situationen besondere Vorsicht geboten ist.

Infektionsrisiko eigener Haushalt

Dabei helfen ihnen sogenannte Kontakt-Verfolgungs-Studien. In diesen wird untersucht, mit wie vielen Menschen ein Infizierter Kontakt hatte und wie viele davon sich angesteckt haben. Demnach bergen vor allem andauernde, enge Kontakte mit Infizierten und das Zusammentreffen in geschlossenen Räumen ein hohes Ansteckungsrisiko.

Auf Twitter hat die Virologin Muge Cevik von der britischen University of St. Andrews Anfang Mai in einem von Fachkollegen gelobten Thread Studien zum Thema zusammengetragen, die bis zum 4. Mai veröffentlicht wurden. Die Forscherin weist explizit darauf hin, dass sich die Einschätzung mit neuen Daten im Detail noch einmal ändern könne. Doch es zeichneten sich einige Trends ab, zitiert "Bloomberg.com"  die Fachfrau.

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So haben Wissenschaftler in einer Studie aus China  2147 enge Kontakte von 157 Corona-Infizierten untersucht. Insgesamt steckten sich sechs Prozent der Kontaktpersonen an.

Wer allerdings mit einem Infizierten befreundet war oder im selben Haushalt lebte, hatte ein deutlich höheres Risiko von im Schnitt 18 beziehungsweise 22 Prozent. Ungefähr ein Familienmitglied von fünf steckte sich also im Mittel an.

Untersuchten die Forscher, an welchen Orten es am häufigsten zu Übertragungen kam, waren Haushalte und Transportmittel mit 13 und elf Prozent vorn dabei. Beim gemeinsamen Essen lag das Risiko bei sieben Prozent.

In einer weiteren Studie  in China, in der Forscher Hunderte Ansteckungen zurückverfolgten, waren Infektionen zu Hause und in Verkehrsmitteln noch deutlich häufiger. Alle bis auf eine Ansteckung fanden in Innenräumen statt.

Der Ehepartner infiziert sich am ehesten

Zwei andere Studien aus Asien kommen im Kern zu ähnlichen Ergebnissen. Demnach liegt das Risiko, sich bei einer infizierten Person im Haushalt anzustecken, im Schnitt bei 16 oder 17 Prozent (Studie hier  und vorab veröffentlichtes PDF ).

Allerdings gibt es auch innerhalb von Familien Unterschiede - je nachdem, wie nah sich einzelne Mitglieder kommen. So infizierten sich in einer der Untersuchungen im Schnitt ungefähr drei von zehn Ehepartnern (28 Prozent), wenn der andere das Virus in sich trug. Der Partner hatte also ein deutlich höheres Infektionsrisiko als die Familie insgesamt.

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

Wenn Menschen intensiv Zeit miteinander verbringen oder im selben öffentlichen Verkehrsmittel sitzen, erleichtere das dem Virus offenbar die Ausbreitung, erklärt Cevik. Ein kurzer Besuch auf dem Markt oder eine vorübergehende Begegnung, wenn etwa ein Infizierter an einem vorbeilaufe oder jogge, berge dagegen wohl ein geringes Risiko. Allerdings könnte Maskentragen das Infektionsrisiko bei langen Aufenthalten in Innenräumen, etwa in öffentlichen Verkehrsmitteln, reduzieren.

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Die meisten Menschen übertrügen das neue Coronavirus auf weniger als die durchschnittlichen zwei bis drei Personen, eine Minderheit infiziere aber deutlich mehr in sogenannten Superspreading-Ereignissen. Dies müsse verhindert werden, indem die Gesellschaft Situationen mit hohem Infektionsrisiko vermeidet.

Hohes Risiko bei langem Kontakt auf engem Raum

Auch im Zusammenhang mit dem Ausbruch in Deutschland gab es mehrere solcher Ereignisse. So infizierte ein Barmitarbeiter im österreichischen Ischgl im abendlichen Party-Getümmel unwissend zig Urlauber, die das Virus daraufhin in ihre Heimatländer einschleppten.

In der Gemeinde Gangelt im nordrhein-westfälischen Landkreis Heinsberg steckten sich nach einer Karnevalssitzung rund 15 Prozent der Bevölkerung an, zeigen Antikörpertests.

Auch Fußballspiele stehen im Verdacht, zur großflächigen Ausbreitung des Virus in Europa beigetragen zu haben. Derzeit breitet das Virus sich in den Unterkünften von Schlachthof-Mitarbeitern aus (mehr dazu lesen Sie hier).

In den USA berichten Forscher  von einem Infizierten in Chicago, der bei einer dreistündigen Beerdigung, einem zweistündigen gemeinsamen Essen und einer Feier im Familienkreis wahrscheinlich fünfzehn Menschen angesteckt hat. Zudem infizierten sich in einer Obdachlosenunterkunft in Boston  unter 408 Personen 36 Prozent bei einem zweitägigen Aufenthalt mit einem Infizierten.

Eines haben all diese Ereignisse gemein: Immer handelt es sich um Zusammentreffen vieler Menschen auf engem Raum. Das deckt sich mit aktuellen Untersuchungen, nach denen kleine Schwebeteilchen in der Luft, sogenannte Aerosole, eine wichtige Rolle bei der Übertragung des Virus spielen könnten.

Superspreader im Fitnessstudio

Sie gelangen nicht nur beim Niesen und Husten, sondern auch beim Atmen und Sprechen in die Luft. Ist ein Infizierter in einem geschlossenen Raum ohne Luftzirkulation und Austausch, können sich virushaltige Tröpfchen ansammeln, bis die Konzentration für eine Infektion ausreicht. Abstandhalten böte in solch einem Fall nur bedingt Schutz. Mund-Nasen-Masken vermindern die Zahl der Partikel, die in die Luft gelangen.

Darauf deuten auch Erfahrungen mit einem Ausbruch in Fitnessstudios in Südkorea hin. Gleich zwölf Einrichtungen  waren nach einem Fitness-Workshop mit mehreren infizierten Trainern betroffen. Von gut 200 Schülern steckten sich etwa 26 Prozent an. Allerdings spielte auch hier die Anzahl der Personen in einem Raum sowie dessen Größe eine Rolle. Und die Intensität des Work-outs.

So gab es keine Ansteckungen in Kursen mit weniger als fünf Teilnehmern. Außerdem verglichen die Forscher die Kurse von zwei infizierten Trainern, die über die gleiche Dauer im selben Raum stattgefunden hatten - der eine Trainer unterrichtete einen schweißtreibenden Solotanz zu lateinamerikanischer Musik (vermutlich etwas wie Zumba), der andere gab Yoga- und Pilates-Stunden. Im Zusammenhang mit den Tanzkursen steckten sich 60 Prozent der Kontaktpersonen an, bei Yoga- und Pilates war es niemand.

"Wir nehmen an, dass die geringere Intensität von Pilates und Yoga nicht die gleichen Übertragungseffekte auslöste wie die der intensiveren Fitness-Tanzkurse", schreiben die Forscher. Die Details müssen aber noch genauer untersucht werden.

Infektionsrisiko um den Tag der ersten Symptome herum am höchsten

Die Kontakt-Verfolgungs-Studien zeigen auch, dass das Infektionsrisiko offenbar um den Tag herum, an dem sich die ersten Covid-19-Symptome zeigen, am höchsten ist. Es sind Fälle dokumentiert, in denen sich Personen wenige Tage, bevor der Infizierte Symptome entwickelt hat, das Virus einfingen.

Wer sich um den Symptombeginn herum also in einer größeren Gruppe trifft, steckt mit größter Sicherheit eine oder mehrere Personen an. Anschließend sinkt das Risiko rapide. In einer Untersuchung in Taiwan  mit hundert Fällen infizierten diese nach mehr als fünf Tagen niemanden mehr. Welche Rolle Verhaltensänderungen der Infizierten dabei spielten, lässt sich im Detail nicht sagen.

Welche Rolle bei der Ausbreitung des Virus Infizierte spielen, die zu keinem Zeitpunkt der Infektion Symptome zeigen, sei dagegen noch unklar, sagt Cevik. Grundsätzlich seien Personen mit klaren Symptomen wahrscheinlich ansteckender als Infizierte mit leichten oder keinen Krankheitszeichen.

"Vermeiden Sie engen, anhaltenden Kontakt in Innenräumen und im öffentlichen Verkehr", schreibt Cevik in ihrem Fazit auf Twitter. Zudem müssten für einen langfristigen Umgang mit dem neuen Virus bessere Lüftungskonzepte entwickelt werden für Menschen, die auf engem Raum zusammenleben oder arbeiten.