Weltweite Entwicklung von Covid-19 Die Pandemie in Grafiken

Wuhan ist längst nicht mehr die von Corona am schlimmsten betroffene Region weltweit. Wo das Virus besonders wütet, wo die Todesrate am höchsten ist und was Deutschland daraus lernen kann.
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Zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels wurden weltweit mehr als eine halbe Million Menschen positiv auf das neuartige Coronavirus getestet. Rund 25.000 Infizierte sind bereits verstorben. (Fortlaufend aktualisierte Zahlen finden Sie in diesem Artikel.)

Kamen die Bilder vollständig lahmgelegten öffentlichen Lebens und hoffnungslos überforderter Krankenhäuser anfänglich noch aus dem fernen Wuhan, so folgten später erst Norditalien, dann Madrid  und nun New York. Und auch in Deutschland steigt die Zahl der Infizierten und Todesopfer. Im Folgenden wollen wir die aktuelle Lage weltweit anschaulich in Zahlen und Grafiken beleuchten:

Bei der Gesamtzahl der bestätigten Infektionen liegen China, Italien und die USA nahezu gleichauf bei jeweils knapp über 80.000. Große Unterschiede gibt es allerdings im zeitlichen Ablauf. In China ist die tägliche Wachstumsrate der Neuinfektionen bereits seit grob einem Monat nahe null. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie werden dort wieder gelockert. Wenn auch mit aller Vorsicht, um ein erneutes Ansteigen der Zahl der Neuinfektionen zu verhindern.

In Italien ist es gerade jüngst erst gelungen, den Anstieg der Neuinfektionen deutlich zu bremsen und in den USA gibt es dafür, wenn überhaupt, nur erste vorsichtige Anzeichen. Besorgniserregend ist die Entwicklung in der Türkei. Nachdem dort sehr lange kaum Fälle gemeldet wurden, weist das Land in der tabellarischen Übersicht aktuell den mit Abstand schnellsten Anstieg der Neuinfektionen auf. Und zwar sowohl bei den tagesaktuellen Werten, die meldebedingten Schwankungen unterliegen können und der Realität oftmals einige Tage hinterherhinken, als auch beim aussagekräftigeren Mittelwert über die Zeitspanne von sieben Tagen.

Generell gilt: Die Vergleichbarkeit der Infiziertenzahlen zwischen den Ländern ist eingeschränkt. Zwar fordert die WHO möglichst flächendeckende Tests, in der Realität sind die Testkapazitäten von Land zu Land jedoch unterschiedlich. Auch die Testpraxis variiert, so ist nicht einheitlich geregelt, wer überhaupt getestet wird. Und nur wer Tests durchführt, kann auch Infizierte finden. Zudem gab es in Deutschland jüngst Zweifel, ob angesichts der begrenzten Testkapazität eine zunehmende Zahl der Infizierten überhaupt noch erfasst werden kann . Ein Blick auf die Zahl der Todesfälle bietet daher ein zwar stärker verzögertes, aber im internationalen Vergleich verlässlicheres Bild.

Die meisten Todesfälle sind bislang mit Abstand in Italien zu verzeichnen. Wie auch bei den Fallzahlen ist hier das tägliche Wachstum in China gestoppt und in Italien wenigstens rückläufig. In vielen anderen Ländern, darunter auch Spanien, den USA und Deutschland ist dies nicht der Fall. Täglich steigt hier die Zahl der vermeldeten Todesfälle aktuell um circa 30 Prozent.

Zuerst erreichte die Pandemie ihren Höhepunkt in China. Am 13. Februar meldete das Land mit 252 Toten seinen höchsten Tageswert. Seit Ende Februar sinken die Opferzahlen. In Europa und den USA ist der Scheitelpunkt jedoch noch nicht erreicht. Im Corona-Brennpunkt Norditalien pendelt die tägliche Zahl der Todesfälle seit einer Woche grob zwischen 600 und 700. In Spanien, den USA und Deutschland nehmen die Zahlen weiter zu. Italien hatte am 27. März erstmals fast tausend Covid-19-Tote zu beklagen - bislang mehr als jedes andere Land an einem einzigen Tag. Betrachtet man die Zahl der Fälle und den zeitlichen Verzug, so kann man vermuten, dass auf die USA ähnliches zukommt.

In Deutschland gab es bisher maximal 61 Todesfälle binnen eines Tages - hat es die Bundesrepublik also gar nicht so schlimm erwischt? Haben wir in Deutschland mit einer hohen Zahl an Infizierten, aber einer geringen Zahl an Todesfällen, eine außergewöhnlich niedrige Sterblichkeit? Dieser Schluss ist voreilig. Welche Entwicklung die Zahl der Todesfälle noch nehmen könnte, lässt sich erahnen, wenn man die Entwicklung in verschiedenen Ländern ab Erfassung des zehnten Todesfalls übereinanderlegt:

Was die tägliche Entwicklung der Todesfälle angeht, zeigen sich in dieser Darstellung einige Parallelen zwischen Italien und Deutschland. Elf Tage nach Überschreiten der Schwelle von zehn Todesfällen sind in Deutschland zum Erscheinungszeitpunkt dieses Artikels 267 Todesfälle bekannt. In Italien waren es zum vergleichbaren Zeitpunkt 233 Fälle und auch das tägliche Wachstum ist auf einem ähnlichen Niveau. Aber: in Deutschland wurde früher, sehr viel umfassender getestet als in vielen anderen Ländern. Dies lässt nun zwei ganz verschiedene Schlussfolgerungen zur weiteren Entwicklung in Deutschland zu: 

  • Deutschland könnte es durch frühzeitiges Testen außerordentlich gut gelungen sein, Infektionen zu erkennen und durch Quarantänemaßnahmen weitere Übertragungen zu verhindern. Die Zahl der täglichen Todesfälle in Deutschland könnte schon bald ihren Scheitelpunkt erreichen und der Kurvenverlauf sich abflachen.

  • Auch in Deutschland könnte eine erhebliche Dunkelziffer an unerkannten Infektionen stehen. Trotz früher und umfangreicher Tests hätte das Virus sich dann relativ lange unkontrolliert verbreiten können. Die erkannten Fälle würden nur die Spitze des Eisbergs darstellen. Bei der Zahl der Todesfälle, die verlässlicher zu ermitteln ist, könnte auch ein ähnlicher Verlauf wie in Italien nicht ausgeschlossen werden.

Unabhängig davon gibt es einen Faktor, der Hoffnung macht und starken Einfluss auf den Kurvenverlauf ausüben dürfte: Die Gegenmaßnahmen zur Eindämmung der Pandemie wurden, gemessen an der Zahl der zum Zeitpunkt gemeldeten Todesfälle, in Deutschland früher ergriffen als beispielsweise in Spanien oder Italien (auch im Säulendiagramm weiter oben im Text zu erkennen). Wenn die Kontaktsperre in Deutschland ähnlich wirksam sein sollte wie die Ausgangssperre in Italien, dürfte Hoffnung bestehen auf ein früheres Abflachen der Kurve.

Was die Corona-Statistik verrät – und was nicht

Die offiziell gemeldete Zahl der Infizierten bezieht sich ausschließlich auf mit Labortests nachgewiesene Infektionen. Wie viele Menschen sich tatsächlich täglich neu infizieren und bislang infiziert waren, ohne positiv getestet worden zu sein, ist unklar. Antikörperstudien zeigen, dass es eine erhebliche Dunkelziffer an unentdeckten Infektionen gibt.

Die offizielle Zahl der Toten beschreibt, wie viele Menschen mit dem Virus gestorben sind. In wie vielen Fällen die Infektion ursächlich für den Tod war, lässt sich daraus nicht unmittelbar ablesen. Obduktionsstudien zeigen aber, dass bei den meisten Toten die Covid-19-Erkrankung auch die Todesursache war.

Mehr Informationen dazu, was im Umgang mit Corona-Daten zu beachten ist und welche Quellen der SPIEGEL nutzt, lesen Sie hier.

Ob es so kommt, wird sich leider erst in dem kommenden Tagen bis Wochen zeigen. Denn Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie zeigen sich bei der Zahl der Infizierten erst mit grob zehn Tagen Verzögerung (Inkubationszeit, plus Test-Auswertung und Meldeverzug), bei den Todesfällen erst nach grob 20 Tagen (Inkubationszeit plus durchschnittliche Krankheitsdauer bei tödlichen Verläufen).

Abschließend noch ein Aspekt, der bei datenbezogenen Auswertungen dieser Art oft vergessen wird: Wir können nur vermessen und visualisieren, wofür Daten vorliegen. Wer nicht über die technische Infrastruktur verfügt, um größere Mengen an Tests durchzuführen, der kann aktuell auch keine hohen Infektionszahlen melden und arbeitet beim Ergreifen von Gegenmaßnahmen im Ungewissen. Länder mit einer schlechteren Gesundheitsversorgung sind womöglich bereits aktuell stärker von der Corona-Pandemie betroffen, als der Blick in die Zahlen offenbart und verfügen zudem nicht über vergleichbare Mittel, um schwere Krankheitsverläufe zu behandeln.

Hinweis: dieser Artikel gibt die Situation zum Stand 27. März 2020 wieder. Laufend aktualisierte Zahlen finden Sie in diesem Artikel.

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