Covid-19 auf der "Diamond Princess" Das Kreuzfahrtschiff - eine Brutstätte?

Nach dem Ende der Quarantäne wollen Forscher analysieren, wie sich das Coronavirus auf dem Kreuzfahrtschiff "Diamond Princess" ausgebreitet hat. Ein japanischer Infektiologe spricht von chaotischen Zuständen.
Passagiere verlassen die "Diamond Princess" im Hafen von Yokohama

Passagiere verlassen die "Diamond Princess" im Hafen von Yokohama

Foto: Alessandro Di Ciommo/ picture alliance / NurPhoto

Nach Beendigung der strengen Quarantäne auf dem Kreuzfahrtschiff "Diamond Princess" in Japan fordern Experten, Lehren aus dem Fall zu ziehen. Ein Kreuzfahrtschiff könne sich unter solchen Umständen als Inkubator für Infektionen erweisen, sagte Peter Walger von der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene. "Das verlangt eine gute Aufarbeitung." Die Passagiere seien seiner Einschätzung nach einem erhöhten Ansteckungsrisiko ausgesetzt gewesen.

Bei den insgesamt rund 3700 Passagieren und Crewmitgliedern der 290 Meter langen "Diamond Princess" wurden bis Mittwoch 621 Infektionen mit dem neuen Coronavirus Sars-CoV-2 nachgewiesen. Alle Infizierten wurden in örtliche Krankenhäuser gebracht - zwei von ihnen sind nun gestorben, wie der japanische Fernsehsender NHK unter Berufung auf Regierungskreise in Tokio berichtet. Die ersten der übrigen Passagiere und Crewmitglieder des Kreuzfahrtschiffes durften am Mittwoch nach 14 Tagen Quarantäne in Yokohama an Land gehen. Zugleich meldete das Gesundheitsministerium, dass an Bord 79 weitere Infektionsfälle aufgetreten seien.

"Völlig chaotische" Zustände

Begonnen hatte alles mit einem 80-jährigen Passagier, der kurz nach Ende seiner Reise in Hongkong positiv auf Sars-CoV-2 getestet worden war. Daraufhin war die "Diamond Princess" im Hafen von Yokohama unter Quarantäne gestellt worden. Fast täglich gab es in der Folge neue Berichte über Virusnachweise von Mitreisenden, darunter auch bei Crewmitgliedern.

Generell sei der Hygienestandard auf Kreuzfahrtschiffen hoch, sagt Emil Reisinger, Tropenmediziner und Infektiologe an der Universitätsmedizin Rostock. Und auch die japanische Regierung betonte, es seien auf der "Diamond Princess" von Anfang an "strikte Maßnahmen" angeordnet worden, um eine Weiterverbreitung des Virus an Bord zu verhindern. Dazu zählten vor allem "das Tragen von Masken, das regelmäßige Händewaschen und die Nutzung von Desinfektionsmitteln", berichtete Regierungssprecher Yoshihide Suga und versicherte: "Wir tun unser Bestes."

Ein anderes Bild zeichnet der japanische Infektionsmediziner Kentaro Iwata von der Fakultät für Infektionskrankheiten der Universität Kobe in einem nicht verifizierten YouTube-Video. Er habe am Dienstag von den Behörden die Erlaubnis bekommen, das Schiff zu inspizieren. Die Zustände seien "völlig chaotisch", er habe bei seinem Besuch "Angst" gehabt wie noch nie im Laufe seiner Karriere.

"Es gibt keine klare Abgrenzung zwischen den grünen Zonen, die für die Gesunden sind, und den roten Zonen, die für die potenziell Infizierten gelten", so Iwata. Das Personal etwa laufe hin und her, Atemschutzmasken seien nicht korrekt angelegt, und eine Ärztin habe keine Maske getragen, weil sie ohnehin schon infiziert sei. Der Umgang mit der Coronavirus-Krise an Bord der "Diamond Princess" sei fälschlicherweise Bürokraten überlassen worden und nicht Experten.

"Detektivische Kleinarbeit und Suche nach Mustern"

Iwatas Aussagen sind bislang nicht von anderen Experten bestätigt worden und es erscheint noch unklar, wie genau die Maßnahmen aussahen, die auf dem Schiff ergriffen wurden - und wie gut sie eingehalten wurden. Die Fachgesellschaft für Krankenhaushygiene in Deutschland hält es jedoch ganz allgemein für "unmöglich", in der Quarantäne auf einem Kreuzfahrtschiff Hygienebedingungen zu gewährleisten, die eine Übertragung des Erregers auf weitere Passagiere und Crewmitglieder sicher ausschließen.

Auch wie die Infektionswege genau aussehen, auf denen sich die vielen Hundert Passagiere und Crewmitglieder angesteckt haben, ist noch ungewiss. "Da wir uns noch immer innerhalb der angenommenen Inkubationszeit befinden, ist durchaus denkbar, dass alle Infektionen auf einen oder mehrere Infizierte zurückgehen", sagte Bernd Salzberger, Leiter der Infektiologie am Universitätsklinikum Regensburg, dem SPIEGEL. Wie bei anderen Erkältungskrankheiten oder der Grippe sei es zwar denkbar, dass sich Gesunde an einer von einem Infizierten frisch angehusteten Türklinke angesteckt haben. "Noch ist es aber zu früh, solche Rückschlüsse zu ziehen."

Bei der Sars-Pandemie 2002/2003 etwa waren einige der Infizierten in der Businessclass eines Jumbos geflogen, wie sich allerdings erst bei der nachträglichen Analyse zeigte. Was war passiert? "Eine Stewardess, die den Fluggästen ihre Getränke und Speisen serviert hatte, war infiziert und hatte das Virus verbreitet", so Salzberger. "Wie sich das Virus auf dem Schiff verbreitet hat, wird man nur durch detektivische Kleinarbeit und Suche nach Mustern herausfinden."

Spekulationen über Belüftung 

Eine solche detaillierte Aufarbeitung halten internationale Experten daher für dringend notwendig. Im Hinblick auf künftiges Risikomanagement sollten Spezialisten prüfen, inwieweit möglicherweise Fehlverhalten von Passagieren und Crew, beengte Verhältnisse sowie Klima- und Sanitäranlagen das Infektionsgeschehen an Bord beeinflusst haben, fordert Krankenhaushygieniker Walger.

So herrscht auch Unklarheit über die Belüftung des Schiffes - was wiederum Raum für Spekulationen lässt. Der Kapitän der "Diamond Princess" hatte in Durchsagen an Bord und via Twitter versichert, dass nur Frischluft und keine zirkulierte Luft in die Kabinen gelange.

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Experten diskutieren nun aber darüber, ob spezielle Filter notwendig wären, um die Krankheitserreger zurückzuhalten. Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin an der München Klinik Schwabing, sagt etwa, dass mangels der speziellen Filter in den Klimaanlagen Infektionen auf solchen Schiffen auch über geschlossene Räume erfolgen könnten. Der Infektionsexperte Salzberger meint hingegen: "Bislang können wir Vermutungen nicht bestätigen, dass sich die Viren über Belüftungsanlagen verbreiten. Solche Aussagen werden erst in der Rückschau möglich sein."

Ebenso ist weiterhin unklar, wie lange Sars-CoV-2 auf Oberflächen überdauert und welche Rolle Fäkalien bei der Übertragung spielen. Zwar wurden Virusfragmente in Stuhlproben von Betroffenen nachgewiesen. Ob sich aber auch krankmachende Erreger im Magen-Darm-Trakt vermehren und sich andere Menschen über Schmierinfektionen etwa beim Toilettengang anstecken können, ist ungewiss. "Ein echter Virusnachweis müsste mit Virenkulturen erfolgen", sagt Salzberger, "aber das ist viel zu aufwendig."

In China, wo die derzeitige Epidemie ihren Ursprung hat, stieg die offizielle Zahl der Todesopfer durch das neuartige Coronavirus derweil auf mehr als 2000, die offizielle Gesamtzahl der Infektionen lag am Mittwoch bei gut 74.000. Die meisten neuen Fälle wurden weiter in der Provinz Hubei verzeichnet, von der die Epidemie im Dezember ihren Ausgang genommen hatte. Am Mittwoch wurden die ersten zwei Fälle von Sars-CoV-2-Infektionen in Iran gemeldet.

Im Kampf gegen das Virus will Russland ab Donnerstag keine chinesischen Staatsbürger mehr ins Land lassen. Dies wurde am Dienstagabend per Dekret verkündet.

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Mit Material von dpa, AFP
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