Covid-19-Neuinfektionen Steigen die Fallzahlen, weil wir mehr testen?

Die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland nimmt wieder zu. Einige sehen darin keine zweite Welle, sondern führen es auf die erhöhten Testkapazitäten zurück. Stimmt das?
Lange Schlangen vor dem Corona-Testzentrum am Flughafen Frankfurt

Lange Schlangen vor dem Corona-Testzentrum am Flughafen Frankfurt

Foto: Ralph Peters / imago images

Gut 2000 neue Coronavirus-Fälle meldete das Robert Koch-Institut (RKI) am Wochenende . So viele Neuinfektionen binnen 24 Stunden gab es in Deutschland zuletzt im April, als die Corona-Pandemie aufgrund der Maßnahmen gerade wieder etwas abflachte. Seitdem sanken die Fallzahlen und blieben den Sommer über auf einem konstant niedrigen Niveau. Doch seit Ende Juli steigen sie wieder bedenklich.

Woran liegt das? Könnte es sein, dass die deutlich vermehrten Tests die steigenden Zahlen erklären? Nach dem Motto: Wer mehr testet, findet auch mehr? Oder bringen Urlauber das Virus aus dem Ausland mit nach Deutschland? Und: Wie unterscheiden sich die Infektionen heute von denen zu Beginn der Pandemie? Der Überblick:

Steigen die Fallzahlen nur, weil wir mehr testen?

Im März und April, als sich das Coronavirus in Deutschland rasant verbreitete, setzten die Behörden viel daran, die Testkapazitäten hierzulande auszuweiten. Doch damals musste die Infrastruktur erst noch geschaffen werden: Die Labors mussten ihre Arbeitskräfte umschichten, PCR-Testkits beschafft und Schutzkleidung organisiert werden. Teilweise gab es Engpässe. Anfang April hieß es, in Deutschland könne man etwa eine halbe Million Tests pro Woche durchführen.

Inzwischen haben die Hersteller und Labors ihre Kapazitäten an den gesteigerten Bedarf angepasst, pro Woche sind rund eine Million Tests möglich. Vor allem mit der Einrichtung von Testzentren an Flughäfen oder Autobahnraststätten ist das Aufkommen in den vergangenen Wochen deutlich gestiegen, die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen in den meisten Fällen die Kosten für den Test.

Die Vermutung liegt also nahe: Wenn mehr Menschen getestet werden, werden auch mehr Infektionen gefunden. Doch ganz so einfach ist es nicht. Zwar werden mittlerweile wesentlich mehr Menschen auf Sars-CoV-2 getestet. In der Kalenderwoche 33 waren es laut dem wöchentlichen Bericht des RKI  875.524 Menschen, davon 8407 mit positivem Ergebnis. Im März wurden nur knapp die Hälfte der Tests durchgeführt, nämlich 408.000. Dennoch fielen 36.000 der Tests positiv aus.

Um die Zahlen einordnen zu können, muss man die Testkapazitäten mit der Anzahl der Neuinfektionen ins Verhältnis setzen. Als Wert dient die Positivenrate.

Was ist die Positivenrate und warum ist sie wichtig?

Die Positivenrate gibt an, wie viel Prozent der Getesteten ein positives Ergebnis erhalten haben. Steigt die Zahl, ist das ein Indikator dafür, dass die Pandemie wieder Fahrt aufnimmt. Denn mit der Erhöhung der Testkapazitäten kann zwar die Zahl der entdeckten positiven Tests steigen - aber auch die Zahl der negativen Testergebnisse.

In der zuletzt berechneten Augustwoche betrug die Rate 0,96 Prozent. Am höchsten war diese Rate in der Kalenderwoche 14: In rund neun Prozent der eingeschickten Proben konnten die Labormitarbeiter das Coronavirus nachweisen. Da die Testkapazitäten damals noch nicht so ausgebaut waren wie jetzt, deutet das eher auf eine hohe Dunkelziffer hin. Anhand der Positivenrate lässt sich also auch der Pandemieverlauf ablesen.

Betrachtet man die Positivenrate der vergangenen Wochen, sieht man, dass sie vor drei Wochen leicht gestiegen und seitdem relativ stabil geblieben ist. Die Fallzahlen hingegen sind stetig gestiegen, ebenso wie die Zahl der Tests.

Testkapazitäten in Deutschland

Kalenderwoche

Anzahl Testungen

Positiv getestet

Positivenrate

11

127.457

3892

5,95

12

348.619

23.820

6,83

13

361.515

31.414

8,69

14

408.348

36.885

9,03

15

380.197

30.791

8,10

16

331.902

22.082

6,65

17

363.890

18.083

4,97

18

326.788

12.608

3,86

19

403.875

10.755

2,66

20

432.666

7.233

1,67

21

353.467

5.218

1,48

22

405.269

4.310

1,06

23

340.986

3.208

0,94

24

326.645

2.816

0,86

25

387.484

5.309

1,37

26

466.459

3.670

0,79

27

504.082

3.080

0,61

28

510.103

2.990

0,59

29

538.229

3.483

0,65

30

570.746

4.464

0,78

31

578.099

5.634

0,97

32

730.300

7.256

0,99

33

875.524

8.407

0,96

Robert Koch-Institut, Stand: 20. August 2020

Was bedeutet das für die Eindämmungsstrategie?

Die steigenden Infektionszahlen in Deutschland und weltweit zeigen, dass sich das Virus auch in Zukunft nicht stoppen lässt. Zwar halten viele Wissenschaftler einen erneuten Lockdown für unwahrscheinlich, allerdings müssen dann bestimmte Schutzmaßnahmen weiterhin konsequent verfolgt werden. Neben Abstandhalten ist nach wie vor etwa das korrekte Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes wichtig. So empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation WHO in ihrer überarbeiteten Richtlinie, dass Kinder ab einem Alter von zwölf Jahren ebenso wie Erwachsene eine Atemmaske tragen sollten - und zwar über Mund und Nase.  

Die kostenlosen Corona-Pflichttests für Reiserückkehrer aus Risikogebieten hingegen soll es nach der Sommerreisesaison nach dem Willen der Gesundheitsminister von Bund und Ländern nicht mehr geben. Einer der Gründe ist, dass die Labors derzeit stark ausgelastet sind und an ihre Grenzen geraten. Anstelle der Pflichttests soll eine Quarantänepflicht gelten. Aufgrund der inzwischen erworbenen Kenntnisse über das Virus scheint eine Quarantäne von 14 Tagen, wie zu Beginn der Pandemie angesetzt, aber nicht mehr notwendig zu sein, sondern kann deutlich kürzer ausfallen. Das erleichtert die Maßnahmen sowohl individuell als auch gesellschaftlich und wirtschaftlich erheblich.  

Bekannt ist auch, dass einzelne Infizierte das Virus an zahlreiche Personen weitergeben können, während andere den Erreger kaum verbreiten. Durch erstgenannte Superspreader entstehen Cluster, also kleinere lokale Ausbrüche. In einem Gastbeitrag für die "Zeit"  definierte der Virologe Christian Drosten eines der wichtigen Ziele für den Herbst: "Die gezielte Eindämmung von Clustern ist anscheinend wichtiger als das Auffinden von Einzelfällen durch breite Testung." Jeder Bürger solle daher ein Kontakttagebuch führen, in dem er dokumentieren sollte, wen er wo und wann getroffen hat.

Um eine Überlastung von Kinderarztpraxen zu verhindern, die in den Erkältungsmonaten auch ohne Corona schon oft überlaufen sind, könnte der Aufbau von Teststationen für Kinder unter zehn Jahren helfen, schlägt etwa der Kinderarzt Klaus Rodens vor .

Inwiefern unterscheidet sich die aktuelle Situation von der im März?

Am 28. März meldete das RKI 6294 Neuinfektionen, fünf Monate später, am 25. August, berichtete das Institut von 1278 bestätigten neuen Corona-Fällen. Die Dynamik der Ausbreitung hat sich wesentlich verändert: Zu Beginn der Pandemie in Deutschland führten einzelne Ausbrüche wie etwa in Heinsberg nach einer Karnevalssitzung oder in Alten- und Pflegeheimen zu einem starken Anstieg der Fallzahlen, auch weil Schutzmaßnahmen noch nicht vorgeschrieben waren.

Die Gesundheitsämter hatten zunächst noch versucht, jede Infektionskette nachzuvollziehen, waren damit aber zunehmend überfordert. Im Februar und März war das Virus insbesondere von Skifahrern aus Österreich eingeschleppt worden. Mittlerweile hat sich der Erreger in ganz Deutschland ausgebreitet, viele kleine lokale Ausbrüche gehen auf Familienfeste und Feiern zurück. Auch Reiserückkehrer bringen das Virus mit, laut RKI sind die steigenden Fallzahlen überwiegend auf Rückkehrer aus dem Ausland zurückzuführen. Inzwischen hat Deutschland zahlreiche Länder und Regionen zu Risikogebieten erklärt und mitunter auch Reisewarnungen ausgesprochen.  

Welche Rolle spielt die Qualität der Tests?

Die PCR-Tests, mit denen nach einer Sars-CoV-2-Infektion gesucht wird, können eine Infektion nicht mit hundertprozentiger Sicherheit nachweisen oder ausschließen. Ob das Testergebnis richtig oder falsch ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie etwa dem Zeitpunkt und der Qualität der Probenentnahme und den Transportbedingungen.

Direkt nach der Infektion etwa ist ein Nachweis der Viren noch nicht möglich, kurz vor Ausbruch der Symptome wiederum lassen sich die Viren oft im Nasen-Rachen-Raum nachweisen. Bei manchen Infizierten befallen die Viren eher die tiefen Atemwege, was trotz Infektion zu einem negativen Testergebnis des Materials aus Nase und Rachen führen kann. Ein Testergebnis muss daher immer in seinem Kontext beurteilt werden: Hatte die Person Kontakt zu Infizierten, kommt sie aus einem Risikogebiet, hat sie Symptome?  

Massentests sind dem RKI zufolge ungeeignet, um das Infektionsgeschehen abzubilden und die vorhandenen Ressourcen effektiv zu nutzen. Das Institut schreibt : "Von einer ungezielten Testung von asymptomatischen Personen wird aufgrund der unklaren Aussagekraft eines negativen Ergebnisses (lediglich Momentaufnahme) in der Regel abgeraten."

Allerdings kann es Ausnahmen geben: Um Ausbrüchen etwa in Alten- und Pflegeeinrichtungen vorzubeugen, "kann es sinnvoll sein, Pflegepersonal und Heimbewohner ohne Beschwerden in Abstimmung mit der lokalen Gesundheitsbehörde periodisch hinsichtlich Sars-CoV-2 zu testen um prä-/asymptomatisch infizierte Personen zu identifizieren und Infektionsketten zu unterbrechen", so das RKI .

Mit Material von dpa
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