Covid-19-Patienten im Krankenhaus Wenn das Gehirn Schaden nimmt

Gedächtnisschwund, Aufmerksamkeitsstörungen, Koma: Einige Covid-19-Patienten entwickeln neurologische Beschwerden. US-Forscher haben untersucht, wie häufig diese Leiden vorkommen.
Covid-19-Patient im Krankenhaus: "Enzephalopathie ist ein Oberbegriff dafür, dass etwas mit dem Gehirn nicht stimmt"

Covid-19-Patient im Krankenhaus: "Enzephalopathie ist ein Oberbegriff dafür, dass etwas mit dem Gehirn nicht stimmt"

Foto: Ondrej Deml / CTK Photo / imago images

Menschen, die mit Covid-19 im Krankenhaus behandelt werden, leiden häufig unter neurologischen Problemen. Zu diesem Schluss kommen Forscher um Igor Koralnik vom Klinikbetreiber Northwestern Medicine in Chicago. Laut ihrer Auswertung entwickelten ungefähr vier von fünf Corona-Infizierten (82 Prozent), die stationär im Krankenhaus behandelt werden mussten, zu irgendeinem Zeitpunkt entsprechende Beschwerden.

Das Team um Koralnik hat die Akten von 509 Infizierten geprüft, die vom 5. März bis 6. April in zehn Krankenhäusern in Chicago behandelt worden waren. Rund ein Viertel der Patienten musste beatmet werden. Die meisten neurologischen Leiden der Patienten waren vergleichsweise mild und vorübergehend. Fast 45 Prozent der Patienten klagten etwa zwischenzeitlich über Muskelschmerzen, rund 38 Prozent berichteten von Kopfschmerzen.

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

Als dritthäufigstes Symptom registrierten die Experten allerdings krankhafte Zustände des Gehirns, sogenannte Enzephalopathien. Sie traten bei knapp einem Drittel der untersuchten Covid-19-Patienten im Krankenhaus auf, berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin "Annals of Clinical and Translational Neurology" . Wie häufig diese Störungen unter allen Corona-Infizierten sind, haben die Fachleute nicht untersucht.

Von Aufmerksamkeitsstörungen bis Koma

"Enzephalopathie ist ein Oberbegriff dafür, dass etwas mit dem Gehirn nicht stimmt", sagte Koralnik der "New York Times" . Bei einigen Covid-19-Patienten führe das Krankheitsbild den Forschern zufolge zu Aufmerksamkeitsstörungen, andere hatten Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis oder der Konzentration. Auch Verwirrung, Stupor - ein Zustand, bei dem wache Patienten wie erstarrt wirken und nicht mehr auf Ansprache reagieren - und Koma seien vorgekommen.

Offenbar sind Enzephalopathien auch ein Indikator für den Verlauf einer Covid-19-Erkrankung. Patienten mit diesen Erscheinungen erkrankten häufiger schwer und mussten laut der Analyse dreimal länger im Krankenhaus behandelt werden als Covid-19-Patienten ohne entsprechende Befunde. Auch lag ihr Risiko zu sterben, siebenmal höher als in der Vergleichsgruppe.

Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus seien zudem nur 32 Prozent der betroffenen Patienten in der Lage gewesen, ihren Alltag selbstständig zu bestreiten, etwa zu kochen, berichten Koralnik und Kollegen. Zum Vergleich: Unter den im Krankenhaus behandelten Covid-19-Fällen ohne Enzephalopathie war dies bei 89 Prozent der Fall.

Die Forscher fanden die Beschwerden vor allem bei älteren Patienten über 65 Jahren und Männern. Die Betroffenen hatten außerdem öfter Vorerkrankungen, etwa andere neurologische Störungen, Krebs, Nierenerkrankungen, Diabetes, Herzinsuffizienz, Bluthochdruck oder einen hohen Cholesterinspiegel.

Unklar, was das Hirn beeinträchtigt

Was die Enzephalopathien bei den Covid-19-Patienten auslöst, ist noch nicht geklärt. Verschiedene Krankheiten können die Ursache sein. Die meisten Experten gehen bislang davon aus, dass Entzündungen und damit die Reaktion des Immunsystems auf das Coronavirus Sars-CoV-2 die Ursache sind.

Darauf deutet auch eine aktuelle Analyse aus Deutschland hin. Forscher aus Hamburg und Freiburg haben 43 Verstorbene untersucht, die mit Sars-CoV-2 infiziert waren. Bei 21 Toten fanden sie das Virus im Hirnstamm oder den dort entspringenden Nerven.

Die Virusmengen seien allerdings sehr gering gewesen, schreiben die Forscher im Fachblatt "The Lancet Neurology" . Die Patienten mit der höchsten Viruslast hätten zudem nicht mehr Veränderungen im Gehirn gezeigt als jene Verstorbenen, bei denen kein Virus gefunden wurde. Bei den Toten, deren Gehirne infiziert waren, wiesen die Forscher aber eine Immunreaktion nach.

Auch sie gehen daher davon aus, dass Entzündungszellen für neurologische Symptome von Riechstörungen über Kopfschmerzen bis hin zu Schlaganfällen verantwortlich sein könnten. "Wir konnten zeigen, dass nicht das neuartige Coronavirus selbst das Gehirn schädigt, sondern die neurologischen Symptome vermutlich eine indirekte Folge der Virusinfektion sind", sagte Markus Glatzel vom Institut für Neuropathologie am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE).

Andere Studien, etwas andere Ergebnisse

Experten beginnen gerade erst zu verstehen, wie sich Sars-CoV-2 auf das Nervensystem auswirkt, auch längerfristig. Nach Enzephalopathien gehörte in der Untersuchung von Koralnik in Chicago auch Schwindel zu den häufigeren neurologischen Symptomen. 30 Prozent der Patienten klagten darüber.

Geschmacks- und Geruchsstörungen traten bei rund 16 beziehungsweise 11 Prozent auf. Schlaganfälle, Bewegungsstörungen, motorische und sensorische Defizite waren dagegen sehr selten mit einem Anteil zwischen 0,2 und 1,4 Prozent.

Neben dem Team um Koralnik haben bislang zwei andere Gruppen untersucht, wie häufig derartige Leiden im Zusammenhang mit einer Sars-CoV-2-Infektion sind. Eine Studie aus China  wurde bei rund 36 Prozent der Patienten fündig (mehr dazu lesen Sie hier), eine Untersuchung aus Europa  bei rund 57.

Zur Erinnerung: Die Forscher aus den USA kamen auf einen Wert von 82 Prozent. Die unterschiedlichen Ergebnisse führen sie unter anderem darauf zurück, dass die Krankenhäuser in Chicago nicht überlastet waren und neurologische Beschwerden möglicherweise präziser erfasst wurden. Klarheit können nur größere Untersuchungen liefern, in denen die Symptome systematisch dokumentiert werden.

Mit Material von dpa
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