Corona-Ausbreitung Risikofaktor Fleischbetrieb

Fast alle infizierten Mitarbeiter bei Tönnies arbeiten in der Fleischzerteilung, wo geschlachtete Tiere im Akkord zerlegt werden. Dort ist es kühl, laut - offenbar der ideale Ort für eine Verbreitung des Coronavirus.
Schlachthaus in Fürstenfeldbruck: Erhöht der Lärm in den Hallen das Infektionsrisiko?

Schlachthaus in Fürstenfeldbruck: Erhöht der Lärm in den Hallen das Infektionsrisiko?

Foto: Michaela Rehle/ REUTERS

In den Hallen ist es kalt und laut, die Arbeit anstrengend: Das neuartige Coronavirus fühlt sich offenbar an nur wenigen Orten so wohl wie in Fleischbetrieben. Die Spur führt vor allem in die Zerteilung, wo geschlachtete Tiere im Akkord in ihre Einzelteile zerlegt werden. Fast alle der 1553 positiv getesteten Mitarbeiter der Fleischfabrik Tönnies in Gütersloh arbeiten dort.

Schnell gerieten die prekären Arbeitsverträge unter Verdacht, den Ausbruch begünstigt zu haben, weil sie die Mitarbeiter in beengte Wohnverhältnisse zwingen. Laut Berichten teilen sich schon mal zehn Tönnies-Mitarbeiter eine Dreizimmerwohnung.

Doch auch die Fleischbetriebe selbst befeuern offenbar die Pandemie. Allein in den USA lassen sich 14.000 Corona-Infektionen auf Ausbrüche in 181 Fleischfabriken zurückführen, mindestens 54 der Betroffen starben. Auch in Großbritannien und Frankreich hat es größere Ausbrüche gegeben. Laut einer Analyse von Wissenschaftlern der London School of Hygiene and Tropical Medicine  sind Fleischfabriken neben Schiffen und Massenunterkünften die größten Treiber der Pandemie.

Vor allem drei Faktoren scheinen bei der Ausbreitung eine Rolle zu spielen:

  • Die Hallen, in denen die Tiere zerlegt werden, sind heruntergekühlt. Eigentlich soll das den Keimbefall des Fleisches verhindern, doch dem neuartigen Coronavirus machen niedrige Temperaturen offenbar wenig aus, im Gegenteil. Bei Temperaturen um die vier Grad tummelten sich die Viren besonders lange in Nasen- und Rachensekret, zeigen Untersuchungen der US-Seuchenschutzbehörde CDC. Zudem ließ sich das Erbgut der Viren bei einstelligen Temperaturen bis zu sieben Tage lang auf Oberflächen nachweisen - siebenmal länger als bei üblichen Raumtemperaturen. Das heißt nicht, dass man sich über einen so langen Zeitraum über kontaminierte Flächen anstecken kann, aber offenbar erträgt das Virus niedrige Temperaturen deutlich besser als hohe.

  • In den Hallen herrscht zudem oft Lärm. Die Mitarbeiter müssen deshalb laut miteinander sprechen oder sogar schreien. Untersuchungen haben gezeigt, dass dabei besonders viele Atemtröpfchen in die Luft geschleudert werden. Durch die anstrengende Arbeit atmen die Mitarbeiter auch schwerer, ebenfalls ein Infektionsrisiko.

  • In geschlossenen Räumen können sich wahrscheinlich leichter Aerosole bilden - winzige Tröpfchen, die sich möglicherweise sogar über Stunden in der Luft halten und infektiöse Viren enthalten können. Selbst ein Sicherheitsabstand von zwei Metern könnte da nicht ausreichen, um eine Infektion zu verhindern.

Auch das Robert Koch-Institut vermutet, dass die Ausbrüche in Fleischfabriken auf mehrere Faktoren zurückgehen. Zum einen sei sicher ein Grund in den beengten Wohnverhältnissen zu suchen, sagte RKI-Chef Lothar Wieler. Aber auch die niedrigen Temperaturen sowie die leichtere Bildung der Aerosole spielten eine Rolle: "Wahrscheinlich wird beides dazu beitragen."

Tönnies ist nicht der erste Fleisch-Corona-Hotspot in Nordrhein-Westfalen. Mitte Mai waren auch bei Westfleisch in Coesfeld mindestens 260 Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet worden. Der Kreis musste die geplanten Lockerungen um eine Woche verschieben.

Die Landesregierung stellte daraufhin alle Fleischbetriebe unter Generalverdacht. Alle 18.271 Beschäftigten der Fleischindustrie in NRW wurden getestet, 418 von ihnen hatten sich nachweislich mit dem Coronavirus infiziert, teilte das Landesgesundheitsministerium auf SPIEGEL-Anfrage mit. Sieben von ihnen arbeiteten bei Tönnies. Der Konzern habe daraufhin auch eigene Tests durchgeführt, um Infektionen zu erkennen. Warum der Ausbruch trotzdem unerkannt blieb, ist unklar.

Auch Kontrollen und Hygienekonzepte konnten Ausbruch nicht verhindern

Zudem ordnete die Landesregierung Kontrollen in allen Unternehmen der Fleischindustrie an. Darunter war auch Tönnies, teilte das zuständige Dezernat für Arbeitsschutz in Detmold auf Anfrage mit. Bei Kontrollen zwischen dem 11. und 18. Mai war aufgefallen, dass Tönnies gegen das eigene Hygienekonzept verstieß. So hatten Mitarbeiter in der Produktion nicht ausreichend Abstand gehalten, auch in der Kantine saß man zu dicht und nicht jeder Mitarbeiter trug seinen Mund-Nasen-Schutz korrekt. Bei einer Nachkontrolle am 29. Mai waren jedoch alle Vorgaben eingehalten worden.

Dass sich trotz aller Sicherheitsmaßnahmen der Ausbruch offenbar nicht verhindern ließ, der nun den ersten Landkreis Deutschlands in den erneuten Lockdown zwingt, lässt aufhorchen. Fleischbetriebe gibt es längst nicht nur in Nordrhein-Westfalen. Bei Müller Fleisch im baden-württembergischen Birkenfeld waren im Mai mehr als ein Drittel der Belegschaft positiv auf das Coronavirus getestet worden, etwa 400 Menschen waren betroffen.

Ob sich der lokale Ausbruch bei Tönnies zu einer zweiten Welle auswächst, hängt davon ab, wie gut sich die Infektionsketten nachvollziehen lassen. Noch geht Ministerpräsident Laschet davon aus, dass das Virus von der Fleischfabrik nicht in die allgemeine Bevölkerung getragen wurde. Der erneute Lockdown sei deshalb eine Vorsichtsmaßnahme.

Sollte sich bei den nun geplanten Massentests dennoch zeigen, dass sich auch Menschen angesteckt haben, die keinen direkten Kontakt zum Tönnies-Konzern hatten, müsste der Lockdown wahrscheinlich deutlich länger gelten als die erst mal veranschlagten sieben Tage.

Mitarbeit: Janne Kieselbach