Neue Theorie zu Covid-19 Sorgen Masken unbemerkt für Immunität?

Alltagsmasken schützen vor Infektionen, in diesem Punkt sind sich Mediziner einig. Jetzt geht jedoch eine neue Theorie von US-Forschern um die Welt, die den Masken noch ein ganz anderes Potenzial attestiert.
Stoffmasken sollten am besten bei mindestens 60 Grad gewaschen werden

Stoffmasken sollten am besten bei mindestens 60 Grad gewaschen werden

Foto: Jdidi Wassim / dpa

Die ganze Welt, und das ist in diesem Fall keine Übertreibung, wartet darauf, dass ein Impfstoff gegen das Coronavirus gefunden wird. Nun präsentieren zwei US-Forscher eine überraschende neue Theorie, wie bis dahin immer mehr Menschen gegen Sars-CoV-2 immun werden könnten: durch das Tragen von Alltagsmasken - einem Mund-Nasen-Schutz also, wie er im Supermarkt und bei Busfahrten längst Pflicht ist.

Der Zusammenhang klingt zunächst absurd, die Wissenschaftler haben jedoch eine plausible Erklärung: Trägt ein Infizierter eine Stoffmaske, kann diese zwar einige, aber nicht alle mit Viren beladenen Tröpfchen abfangen, die er über Mund und Nase ausscheidet. Ein kleiner Teil also dringt mit der Atemluft nach außen. Im besten Fall ist die Zahl der Erreger so gering, dass sich der Mensch, etwa auf dem Nachbarplatz im Bus, ebenfalls geschützt durch eine Maske, nicht infiziert.

Daneben könnte jedoch noch ein zweites, unterm Strich positives Szenario existieren, schreiben die Forscher in einem Meinungsbeitrag im "New England Journal of Medicine" . Ihrer Theorie zufolge könnten sich andere Menschen zwar anstecken, ihr Immunsystem könnte die wenigen Erreger jedoch so gut bekämpfen, dass die Betroffenen nichts von der Infektion merken. Trotzdem, so die Hoffnung, könnte die Reaktion des Immunsystems ausreichen, um eine Immunität gegen das Virus aufzubauen, die vor weiteren Infektionen schützt.

Laut der Theorie würden Masken also die Zahl der Menschen erhöhen, die zwar infiziert sind, aber keine Beschwerden entwickeln. Dennoch wären diese Menschen anschließend immun. Bestätige sich diese Hypothese, könnten Alltagsmasken die Verbreitung des Virus immer weiter verlangsamen, bis es eine Impfung gebe, schreiben die Forscher Monica Ghandi und George Rutherford von der University of California in San Francisco.

Könnte es wirklich so einfach sein?

Mit einer geringen Menge Pocken "geimpft"

"Der Artikel ist prinzipiell sehr interessant und in vielen Punkten plausibel. Ich bin aber etwas skeptisch, denn er basiert auf zwei Annahmen, die wissenschaftlich für Sars-CoV-2 noch nicht belegt sind", sagt Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) dem "Science Media Center". "Erstens, dass eine geringere Dosis an Virus weniger starke Symptome oder Krankheit auslöst, und zweitens, dass milde oder asymptomatische Infektionen einen langlebigen Immunschutz auslösen."

Tatsächlich entscheidet die Menge an Erregern bei manchen Krankheiten darüber, wie schwer sie verlaufen. Bei Pocken nutzten Mediziner diese Erkenntnis für die sogenannte Variolation. Dabei rieben Ärzte Sekret aus einer Pockenpustel auf die Haut gesunder Personen - in der Hoffnung, durch die geringe Virenmenge nur eine leichte Infektion auszulösen, die trotzdem Immunität schafft. Eine Garantie gab es nicht, zum Teil erkrankten die Menschen auch stark. Aus diesem Grund wurde die Praxis abgeschafft, als die Pockenimpfung eingeführt wurde.

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Auch bei Sars-CoV-2 haben Forscher bei einer Studie mit Hamstern  beobachtet, dass Tiere abhängig von der Menge der Viren, der sie ausgesetzt sind, unterschiedlich schwer erkranken. "Aus Tierstudien kennen wir einen Dosis-Wirkungs-Effekt", sagt Brinkmann. "Und wir sehen einen positiven Effekt durch die Masken, die ja tatsächlich viel 'abhalten', sprich die Menge an Virus reduzieren, die 'herumfliegt' und aufgenommen werden kann." Die Annahme, dass Masken zu mehr milden Infektionen beitragen, sei deshalb plausibel, aber experimentell am Menschen sehr schwer zu belegen.

Immunität: Eine Frage der Zeit

Das zweite Problem der Theorie ist die Frage der Immunität. Zwar existieren mittlerweile vielversprechende Hinweise, dass die meisten Menschen nach einer Sars-CoV-2-Infektion zumindest eine gewisse Zeit immun sind. Dieser Schutz könnte sich auch bei Personen aufbauen, die keine oder nur wenige Beschwerden entwickeln. "Wir sehen eine Immunantwort bei Menschen mit milden Verläufen, aber die große Frage ist ja, wie langlebig sie ist - also wie lange sie geschützt sind", sagt Brinkmann. Bis dazu aussagekräftige Daten existieren, werde es noch Monate dauern.

Diese Unsicherheiten sind auch den Autoren des Beitrags bewusst. "Um unsere Hypothese zu überprüfen, brauchen wir weitere Studien, die den Anteil der asymptomatisch Infizierten in Gegenden mit und ohne Alltagsmasken vergleichen", schreiben sie. Auch brauche es mehr Untersuchungen, um die Reaktionen des Immunsystems bei Menschen mit und ohne Symptomen zu analysieren und die darauf aufbauende Immunität zu erforschen.

Am Ende wollten die beiden Wissenschaftler mit ihrem Beitrag vielleicht eine Diskussion anregen, aber auch ein politisches Zeichen setzen. Das "New England Journal of Medicine", in dem der Artikel erschienen ist, werde zwar weltweit gelesen, richte sich aber primär an eine amerikanische Leserschaft, sagt Julian Schulze zur Wiesch, Infektiologe am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). In den USA sind Alltagsmasken bis heute ein großes Streitthema. "Insofern ist dieser Artikel auch politisch zu bewerten", sagt Schulze zur Wiesch - als weiterer Aufruf zum Maskentragen.

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