Abgelenktes Immunsystem Warum Pollen das Coronarisiko steigern könnten

Eine aktuelle Studie zeigt, dass nach pollenreichen Tagen die Coronainfektionen zunehmen. Wie lässt sich der Zusammenhang erklären? Und wie groß ist das Risiko?
Blüten der Haselnuss

Blüten der Haselnuss

Foto: EThamPhoto / Getty Images

Mit dem Frühling kommen die Pollen. Was normalerweise nur Allergiker zu spüren bekommen, könnte sich dieses Jahr auf das Coronarisiko aller Menschen auswirken. Laut einer neuen Studie steigt an Tagen, an denen besonders viel Blütenstaub in der Luft schwebt, die Gefahr, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. Dabei spielt es keine Rolle, ob jemand eine Pollenallergie hat oder nicht.

Für die Untersuchung analysierte ein internationales Team unter der Leitung von Forschenden der Technischen Universität München (TUM) und des Helmholtz Zentrums München Daten aus mehr als 31 Ländern. Dabei verglichen sie Wetterdaten und Informationen zum Pollenflug oder Coronamaßnahmen mit den gemeldeten Infektionszahlen. Der Pollenflug könne – zum Teil gemeinsam mit Temperatur und Luftfeuchtigkeit – im Durchschnitt 44 Prozent der Varianz in den Infektionsraten verschiedener Regionen erklären, berichten die Forschenden im Fachmagazin »PNAS« . Das Ergebnis klingt jedoch eindeutiger, als es ist.

Mechanistisch sei es zwar möglich und vielleicht sogar wahrscheinlich, dass der Pollenflug eine Rolle beim Infektionsrisiko spiele, schreibt der Epidemiologe André Karch von der WWU Münster, der nicht an der Studie beteiligt war, auf SPIEGEL-Anfrage. »Wie groß diese sein könnte, kann man in der extrem komplexen Gesamtlage aber meiner Meinung nach aus dem Paper erst mal nicht ableiten.«

Warum Pollen tatsächlich das Infektionsrisiko erhöhen könnten

Untersuchungen mit häufigen Erkältungserregern, den Rhinoviren, sprechen tatsächlich dafür, dass das Immunsystem Erreger schlechter abwehren kann, wenn viele Pollen in der Luft sind. Der Blütenstaub landet – wie auch die Erkältungsviren – nach dem Einatmen auf den Schleimhäuten der oberen Atemwege. Dort aktiviert er das Immunsystem.

Bei Menschen mit Allergien sind die Folgen hinreichend bekannt: Die Schleimhäute schwellen an, die Nase beginnt zu laufen, die Augen tränen. Studien mit Mäusen und Zellkulturen weisen allerdings auf eine weitere Nebenwirkung der Pollen hin, die auch Menschen ohne Allergien betrifft. Demnach sorgt der Blütenstaub dafür, dass das Immunsystem weniger Botenstoffe bildet, die wichtig sind, um eindringende Viren abzuwehren. Die Erreger könnten also durch die Pollen ein leichteres Spiel haben.

Zwar wurde dieser Effekt bislang nur bei Erkältungsviren nachgewiesen. Die aktuellen Daten sprechen jedoch dafür, dass es bei Sars-CoV-2 einen ähnlichen Zusammenhang geben könnte. Die Frage ist nur: Wie stark wirken sich die Pollen auf das Risiko einer Corona-Infektion aus? In dieser Hinsicht sind die Ergebnisse der Studie mit Vorsicht zu betrachten.

Warum sich nur schwer beziffern lässt, wie stark sich Pollen auf das Coronarisiko auswirken

Die Auswertung der Forscherinnen und Forscher beschränkt sich auf den Zeitraum von Mitte März bis Mai vergangenen Jahres, als der Pollenflug zunahm, aber auch die erste Coronawelle Europa und Nordamerika erreichte. Waren viele Pollen in der Luft, stiegen in den folgenden vier Tagen im Schnitt die Infektionszahlen.

Die Studie hat allerdings eine Schwäche, die sich bei Untersuchungen dieser Art nie vermeiden lässt: Zwar nutzten die Forscherinnen und Forscher die besten verfügbaren Daten. Dennoch können sie nicht belegen, dass die beobachteten, vermehrten Infektionen tatsächlich auf die Pollen zurückzuführen sind und nicht etwa auf die Wetterlage, die den Pollenflug begünstigte. Oder einfach darauf, dass das neue Virus Sars-CoV-2 Europa und Nordamerika eben im Frühling erreichte und nicht im Herbst.

Dessen ist sich auch das Forscherteam bewusst. In seiner Untersuchung schreibt es, dass die erste Covid-19-Welle mit dem Frühling zu einer Jahreszeit kam, als nicht nur Pollen flogen, sondern auch die Temperaturen stiegen und sich Menschen häufiger draußen trafen. Dass sich trotz dieser vielen möglichen Einflussfaktoren auf das Infektionsgeschehen ein klarer Zusammenhang zwischen Pollen und Infektionszahlen herauslesen ließ, bewerten die Forscher jedoch als Beleg für ihre Theorie.

Dennoch bleibt es schwer, den genauen Einfluss der Pollen zu beziffern. Dass sie nur einer von vielen Faktoren sind, die das Infektionsgeschehen beeinflussen, zeigt zudem die zweite Coronawelle im pollenarmen Winter.

»Sars-CoV-2-Infektionen werden nicht durch Pollen verursacht, sondern durch Kontakt mit infizierten Personen«, erklärt auch Studienautorin Stefanie Gilles von der TU München auf Nachfrage. »Sinkende Temperaturen sowie das entsprechende Verhalten der Menschen (also Aufenthalt in geschlossenen, geheizten Räumen mit schlechter Ventilation) führen – vermutlich – zu höheren Infektionsraten im Herbst und Winter, wie wir das auch von anderen Atemwegsviren kennen. In diesem Zeitraum spielen die Pollen keine Rolle.«

Was bedeuten die Erkenntnisse für die Praxis?

»Man kann nicht vermeiden, luftgetragenen Pollen ausgesetzt zu sein«, sagt Gilles. »Personen, die zu Hochrisikogruppen gehören, sollten deshalb darüber informiert sein, dass erhöhte Pollenkonzentrationen in der Luft anfälliger gegenüber viralen Infekten der Atemwege machen.«

Claudia Traidl-Hoffmann, Professorin für Umweltmedizin und ebenfalls Teil des Forscherteams, rät sogar, in den nächsten Monaten die Pollenflugvorhersagen zurate zu ziehen. »Staubfiltermasken zu tragen, wenn die Pollenkonzentration hoch ist, kann das Virus und den Pollen gleichermaßen von den Atemwegen fernhalten«, sagt sie.

Jörg Kleine-Tebbe, Allergologe und Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI), bewertet die Situation hingegen gelassener. »Die Korrelation zwischen Pollenflug und Infektionen ist offenbar vorhanden, aber gering ausgeprägt«, erklärte er auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa. Es dürfe nun nicht Panik verursacht werden. »Das ist kein extremer Befund«, findet der Forscher, der nicht an der Studie beteiligt war.

Hinzu kommt: Anstecken kann sich nur, wer Kontakt zu einer infizierten Person hat. Wer also den ganzen Tag allein im Garten arbeitet, muss sich auch an pollenreichen Tagen nicht um seine Gesundheit sorgen. Zumindest nicht wegen des Coronavirus.

irb
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