Expertengipfel in Genf WHO gibt Coronavirus offiziellen Namen

Die WHO hat die Welt dazu aufgerufen, "so aggressiv wie möglich" gegen das Coronavirus vorzugehen. Bei einem Treffen von internationalen Experten wurde außerdem der neue Name des Virus verkündet.
WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus: "Wenn wir jetzt investieren, haben wir eine realistische Chance, diesen Ausbruch zu stoppen"

WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus: "Wenn wir jetzt investieren, haben wir eine realistische Chance, diesen Ausbruch zu stoppen"

Foto: DENIS BALIBOUSE/ REUTERS

Bisher war immer nur die Rede von einer "mysteriösen Lungenkrankheit", dem "neuartigen Coronavirus" oder der provisorischen Bezeichnung 2019-nCoV. Der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Tedros Adhanom Ghebreyesus hat nun auf einer Pressekonferenz in Genf den offiziellen Namen für das Lungenleiden verkündet, der ab sofort verwendet werden soll: Covid-19, eine Kurzform für "Corona Virus disease 2019".

Zugleich erhielt auch das neuartige Coronavirus einen eigenen Namen: Sars-CoV-2. Die offiziellen Namen beugten inkorrekten Bezeichnungen oder Stigmatisierungen vor, sagte Tedros.

"Wir mussten einen Namen finden, der sich nicht auf eine geografische Region, ein Tier, eine Person oder eine Gruppe von Menschen bezieht", sagte Tedros zum Namensfindungsprozess. "Außerdem musste er aussprechbar sein und einen Bezug zur Krankheit haben." Zuvor kursierte neben der kryptischen Bezeichnung 2019-nCoV noch der Name "Wuhan-Virus" in manchen Medien.

In Genf tagen bis Mittwoch Experten aus aller Welt, um die Erforschung des Virus voranzubringen und möglichst eine Grundlage zur Entwicklung eines Impfstoffs zu schaffen. Weltweit führende Fachleute wollen sich in den zwei Tagen unter anderem mit Therapien, dem möglichen Ursprung des Virus und seiner Übertragbarkeit befassen.

Impfstoff frühestens in 18 Monaten

Bezüglich der Entwicklung eines Impfstoffs machte der WHO-Chef keine Hoffnungen auf einen baldigen Durchbruch: Ein Impfstoff könnte frühestens in 18 Monaten zur Verfügung stehen, sagte er. "Wir müssen nun also alle vorhandenen Waffen nutzen, um das Virus zu bekämpfen", sagte er. "Wenn wir jetzt investieren, haben wir eine realistische Chance, diesen Ausbruch zu stoppen. Die Welt muss aufwachen und das Virus als Staatsfeind Nummer 1 ansehen". Er rief alle Länder dazu auf, so aggressiv wie möglich gegen das Virus vorzugehen - "sonst werden wir nicht aus unseren Fehlern lernen".

Covid-19 hat in China inzwischen mehr als 1000 Menschen das Leben gekostet. Zuletzt wurden 108 neue Todesfälle erfasst - so viele wie nie zuvor binnen eines Tages. Nachweislich infiziert haben sich nach der offiziellen Statistik bisher gut 42.600 Menschen, knapp 2500 mehr als noch am Vortag.

Allerdings zählt die zuständige Gesundheitskommission Menschen, bei denen das Virus mit einem Test nachgewiesen wurde, die aber keine Symptome der Lungenkrankheit zeigen, schon seit einigen Tagen nicht mehr mit - ein Vorgehen, das klar der Definition der WHO widerspricht. Die WHO betrachtet jemanden als nachweislich infiziert, wenn eine 2019-nCoV-Infektion durch ein Labor bestätigt wurde - "ungeachtet klinischer Zeichen oder Symptome", wie es heißt. Einen Grund, warum die Statistik geändert wurde, nannte die chinesische Kommission nicht.

In welchem Ausmaß Infektionen gar nicht erst erfasst werden, ist vollkommen unklar. Mit dem Coronavirus infizierte Menschen können in der Inkubationszeit schon selbst ansteckend sein - auch wenn sie keine ausgeprägten Symptome zeigen. Experten gehen in der Regel von bis zu 14 Tagen aus. Die WHO hatte zuletzt erklärt, dass rund 80 Prozent der Infektionen einen milden Verlauf nähmen.

Generell dürfte die Dunkelziffer nicht erfasster Fälle in China immens sein. "Wir sehen nicht den echten täglichen Anstieg, sondern die tägliche Obergrenze in der Fähigkeit, neue Fälle zu identifizieren", erklärte der Coronavirus-Experte Christian Drosten von der Berliner Charité. Es könne sein, dass das Hindernis im Meldesystem die Testung ist, es könne aber auch etwas anderes sein. "Ich gebe inzwischen nichts mehr auf diese Zahlen."

Zwei chinesische Blogger offenbar heimlich verhaftet

Vor dem Hintergrund von Vorwürfen über eine zu langsame Reaktion der Behörden auf den Ausbruch, der im Dezember in Zentralchina begann, gab es personelle Konsequenzen: Wie Chinas Staatsfernsehen berichtete, wurden die Chefs der Gesundheitskommission in der besonders schwer betroffenen Provinz Hubei entlassen. Von neuer Offenheit im Umgang mit der Epidemie kann dennoch keine Rede sein: Die Polizei setzte zwei chinesische "Bürgerjournalisten" fest, die im Internet über die überfüllten Krankenhäuser in Wuhan, der schwer vom Virus heimgesuchten Provinzhauptstadt von Hubei, berichtet hatten.

Wie die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) unter Verweis auf Familie und Freunde berichtete, hatten Polizisten den Anwalt Chen Qiushi und den Blogger Fang Bin "unter dem Vorwand der Quarantäne abgeholt". Seither seien beide nicht mehr über ihr Handy erreichbar, was in Isolation möglich sein müsste. Die Videos von Fang Bin, der auch Leichensäcke gefilmt hatte, waren um die Welt gegangen. Chen Qiushi schilderte in einem Video: "Es gibt nicht genug Gesichtsmasken, nicht genug Schutzanzüge, nicht genug Material und was noch wichtiger ist, nicht genug Tests."

DER SPIEGEL

Während das Coronavirus in China für Chaos sorgt, geraten auch andere Länder zunehmend in Panik. Aus Sorge vor dem Coronavirus kann in Asien ein aus Hongkong kommendes Kreuzfahrtschiff nicht andocken - obwohl keine Fälle an Bord bekannt sind. Thailands Gesundheitsminister Anutin Charnvirakul erklärte auf Facebook, er habe untersagen lassen, dass das Schiff festmacht. Zuvor hatten dies schon Taiwan und Japan verweigert, wie die Reederei Holland America Line schilderte. An Bord sind demnach rund 1500 Gäste und 800 Besatzungsmitglieder.

Pharmaexperten befürchten Antibiotika-Engpässe

Die Epidemie könnten auch indirekte Gesundheitsfolgen für Deutschland und den Rest der Welt haben: Pharmaexperten befürchten, dass es aufgrund der Produktionsausfälle in China zu Antibiotika-Engpässen kommen könnte. Da die Herstellung von Wirkstoffen in der stark betroffenen Provinz Hubei stillstehe, schwinden die Lagervorräte für die Weiterverarbeitung, sagte Morris Hosseini, Pharmaexperte bei der Beratungsgesellschaft Roland Berger. Erschwerend komme hinzu, dass mit dem chinesischen Neujahrsfest die Produktion ohnehin ruhe. Kurzfristig reichten die Bestände noch aus, doch bei einem längerfristigen Stopp in den chinesischen Werken drohten Lieferengpässe.

Weltweit sei die Pharmabranche in der Wirkstoff-Produktion abhängig von China. "Wenn sich die Situation in den chinesischen Produktionsstätten mittelfristig nicht entspannt, wird sich die Lage in Europa zuspitzen", so Hosseini. Im Fall von Lieferengpässen könnten zwar indische Produzenten einspringen - aber nicht kurzfristig in der benötigten Größenordnung.

Behörden sehen noch keinen Grund zur Sorge. Es lägen "bislang keine Hinweise vor, dass es aufgrund des Coronavirus zu kurzfristigen Liefer- oder Versorgungsengpässen kommen wird", teilte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn mit.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

kry/dpa
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