Prognosemodell Intensivmediziner fordern Lockdown bis Anfang April

Die Shutdown-Maßnahmen zu früh aufzuheben, würde zu einer heftigen dritten Covid-19-Welle auf den Intensivstationen führen, warnen Fachleute. Spielraum für schnelle Lockerungen gibt es demnach kaum.
Intensivpfleger bei einem Covid-19-Patienten

Intensivpfleger bei einem Covid-19-Patienten

Foto: Robert Michael / dpa

Die deutschen Intensivmediziner drängen auf eine Verlängerung des derzeitigen Lockdowns bis mindestens zum 1. April. »Sonst wird die dritte Welle nur schwer oder überhaupt nicht beherrschbar sein«, warnte Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) bei einer Pressekonferenz.

Die Divi hat am Donnerstag ein neues Prognosemodell vorgestellt, mit dem in unterschiedlichen Szenarien die Belegung von Intensivbetten durch Covid-19-Patientinnen und -Patienten in den kommenden Monaten vorhergesagt wird. Zwar sei die Zahl der Corona-Intensivpatienten im Vergleich zum Jahresbeginn wieder auf derzeit rund 2900 gesunken, so die Fachleute. Im ungünstigsten Fall könnte sie bis Mitte Mai aber wieder auf bis zu 25.000 hochschnellen.

Dies würde dem Modell zufolge für den Fall gelten, dass ab dem 7. März weitgehende Lockerungen gelten, die dazu führen, dass der R-Wert, also die Zahl der Menschen, die ein Infizierter im Schnitt ansteckt, bei 1,2 für den ursprünglichen Virustyp liegt. Geht man davon aus, dass die zunächst in Großbritannien aufgetretene Virusmutante B.1.1.7 35 Prozent ansteckender ist als der Ursprungstyp, läge ihr R-Wert dann bei 1,55. Zudem rechneten die Fachleute in dem Worst-Case-Szenario damit, dass jeden Tag durchschnittlich nur 230.000 Menschen geimpft werden. Derzeit liegt die tägliche Impfrate bei rund 150.000 Impfungen pro Tag.

Bei einem schnelleren Verlauf mit 350.000 Impfungen pro Tag sei in diesem Szenario immer noch eine Belegungszahl von 12.000 Intensivbetten zu erwarten, erläuterte der Aachener Biomediziner Andreas Schuppert, der das Prognosemodell  maßgeblich mit entwickelt hat. Die Mediziner verwiesen darauf, dass das Personal in den Krankenhäusern bereits jetzt die Belastungsgrenze erreiche oder sogar schon überschritten habe. Eine weitere derart hohe Belegung sei somit nicht zu verantworten.

Lösung: 3,5 Wochen längerer Shutdown

Der Ausweg: Bei Lockerungen erst ab dem 1. April würde die Belegungszahl zwar auch ansteigen, aber selbst im ungünstigsten Szenario auf lediglich bis zu 6000 Patientinnen und Patienten, so die Mediziner. Dies würde etwa dem Höchstwert vom Jahresbeginn entsprechen. Es gehe daher darum, »die nächsten Wochen zu kontrollieren«, sagte Schuppert.

Wird ein niedrigerer R-Wert von 1,0 für das Ursprungsvirus und 1,35 für Mutanten angenommen, läge die Höchstbelegung der Intensivbetten bei langsamem Impfverlauf und Lockerungen ab 7. März laut Divi-Prognose immer noch bei bis zu 4000, bei schnellerer Impfung bei bis zu 3000 belegten Intensivbetten.

Der Divi-Experte Christian Karagiannidis wies jedoch darauf hin, dass ohne Shutdown im vergangenen Oktober der R-Wert deutlich über 1,2 lag, in der Zeit der Weihnachtseinkäufe im Dezember ungefähr bei 1,2. Eine um drei Wochen spätere Lockerung sei insofern entscheidend, weil dann die Wirkung der Impfungen »der Infektionswelle vorausläuft«. Bei Öffnungen ab 7. März wäre es demnach umgekehrt.

Jede Impfung zählt

Die Mediziner drängten deswegen auch darauf, die Impfkampagne voranzutreiben. »Also auch mit AstraZeneca«, sagte Marx mit Blick auf Akzeptanzprobleme gegenüber diesem Produkt (mehr dazu lesen Sie hier ). Bis Ende September müsse eine Impfquote von 80 Prozent erreicht werden, um die Pandemie erfolgreich einzudämmen.

DER SPIEGEL

Der Divi-Mediziner Steffen Weber-Carstens warnte zudem davor, die Grenzen der Belastbarkeit des Gesundheitssystems auszutesten. Es gehe nicht nur um die Zahl der Corona-Toten, sondern auch um schwere Langzeitfolgen nach Infektionen sowie um viele Patientinnen und Patienten, die dann nicht operiert werden könnten. So werden laut Divi derzeit zahlreiche Tumor- und Herzoperationen nachgeholt, die eigentlich in den vergangenen Monaten hätten stattfinden sollen.

jme/AFP