Doku "Human Nature" Wenn wir Gott spielen

Welches Baby würden Sie ordern, wenn Sie sich seine Eigenschaften aussuchen könnten - oder verursacht Ihnen die Frage Unbehagen? Die Kino-Dokumentation "Human Nature" schauen Sie dann besser nicht.
Screenshot aus der Crispr-Doku "Human Nature"

Screenshot aus der Crispr-Doku "Human Nature"

Foto: Mindjazz Pictures

Wenn Stephen Hsu über die Zukunft redet, wähnt man sich in einem Science-Fiction-Film.

Sex, so prophezeit der Mitgründer einer Firma namens "Genomic Prediction", werde bald nicht mehr der Fortpflanzung dienen. Kinder zu zeugen werde stattdessen zur Aufgabe der Wissenschaft. "Wenn die Technologien ausgereift sind, können wir einen einzigen Embryo produzieren und daran alle Änderungen vornehmen, die wir wollen."

Das Besorgniserregende: Hsu tritt nicht in einem Science-Fiction-Film auf, sondern in einer Dokumentation. Die US-amerikanische Produktion "Human Nature", die seit Donnerstag in deutschen Kinos läuft, zeichnet eine der größten wissenschaftlichen Revolutionen dieses Jahrzehnts nach: die Entdeckung der Genschere Crispr-Cas. Mit Hilfe dieses Proteinkomplexes können Forscher gezielt Erbgutabschnitte durchtrennen, und danach Stücke löschen oder gewünschte Sequenzen einsetzen.

Kluge, große, starke Kinder auf Bestellung?

Ärzte erhoffen sich, so beispielsweise schwere Erbkrankheiten zu heilen, die auf einem einzigen Schreibfehler in der DNA beruhen. Doch die Technologie lässt sich potenziell auch dazu benutzen, um Designerbabys zu zeugen: besonders kluge, große oder starke Kinder. "Human Nature" ergründet, wie berechtigt die Sorgen vor einer genetisch optimierten Welt sind.

Human Nature - Die Crispr Revolution (USA, 2019). Regie: Adam Bolt. Dauer: 91 Minuten.

Die Filmemacher haben viele der Wissenschaftler besucht, die unmittelbar an der Entdeckung der Genschere beteiligt waren. Sie verfolgen deren Geschichte zurück bis in die Neunzigerjahre, als ein spanischer Mikrobiologe auf eine merkwürdige Gensequenz in Bakterien stieß und sie "Crispr" nannte. Es dauerte noch zwei Jahrzehnte, bis eine weltumspannende Gemeinschaft von Wissenschaftlern den Mechanismus hinter dem Proteinkomplex Crispr-Cas entschlüsselt hatte. Der Film ergründet die Wirkungsweise von Crispr-Cas in einer - für einen Dokumentarfilm - ungewöhnlichen Tiefe, bleibt aber dank vieler Illustrationen auch für Laien verständlich.

Auf einer Reise durch diverse Labore und zu US-amerikanischen Startups zeigen die Filmautoren, dass nicht nur Fortpflanzungsmediziner das Potenzial der Genschere erkannt haben. Andere Forscher arbeiten beispielsweise an Schweinen, die dank Crispr künftig als Spender für menschliche Organe dienen sollen, oder gar an der Wiederauferstehung des Mammuts. Auf einmal scheint fast alles möglich.

Hier wird erklärt, nicht belehrt

Auch wenn sich die Dokumentation bisweilen in den Fortschrittsversprechen verliert, und wenn ein paar Schauplätze weniger ihr gut getan hätten - eines macht "Human Nature" richtig: Der Film möchte erklären, nicht belehren. Er verzichtet auf den alarmistischen Ton, der die Debatte um Genmanipulationen häufig begleitet und lässt Befürworter und Zweifler ausführlich zu Wort kommen.

"Wieso erkennt niemand, dass wir dieselben Einwände seit 50 Jahren hören?", fragt sich die Bioethikerin Alta Charo von der University of Wisconsin-Madison mit Blick auf Designer-Babys. "Und die Albträume sind bis heute nicht wahr geworden." Die Mutter einer Tochter, die mit Albinismus auf die Welt kam, wendet dagegen ein: "Wo soll man die Grenze ziehen zwischen dem Entschluss, ein Kind ohne Albinismus haben zu wollen, und jenem, das eigene Kind einige Zentimeter größer zu machen, damit man es als Ruderer auf die Elite-Universität Yale schicken kann?"

Antworten auf diese Fragen kann auch "Human Nature" nicht liefern. Noch sind Forscher zwar weit davon entfernt, Eigenschaften wie Intelligenz oder Körpergröße modellieren zu können, die von zig Genen - und der Umwelt - gleichzeitig beeinflusst werden. Doch Wissenschaftler wie Stephen Hsu lassen keinen Zweifel daran, dass sie Crispr-Cas einsetzen wollen, sobald die Funktion der entsprechenden Gene ausreichend erforscht ist. "Human Nature" macht deutlich, dass die Debatte über die neue Technologie nicht erst beginnen darf, wenn Wissenschaftler die Tabus schon gebrochen haben.

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