Analyse von Selbstporträts Der doppelte Rembrandt

Auf Selbstporträts zeigen die Augen von Leonardo da Vinci und Rembrandt van Rijn meist in unterschiedliche Richtungen. Ärzte vermuteten zunächst, dass die Künstler schielten, nun haben sie einen anderen Verdacht.

Selbstporträt von Rembrandt: schon zu Lebzeiten eine Berühmtheit
Hulton Archive/ Getty Images

Selbstporträt von Rembrandt: schon zu Lebzeiten eine Berühmtheit


Auf Bildern, die Leonardo da Vinci und Rembrandt van Rijn von sich selbst gemalt haben, schielen die Künstler. Forscher gingen daher bislang davon aus, dass die berühmten Maler eine Augenfehlstellung hatten. Doch eine neue Analyse legt nahe: In der Selbstwahrnehmung haben die Künstler geschielt, tatsächlich aber nicht.

Statt einer Augenfehlstellung hatten da Vinci und Rembrandt demnach vermutlich ein dominantes Auge, schreiben Ahmed Shakarchi und David Guyton vom Johns Hopkins University Hospital in Baltimore im Fachjournal "JAMA Ophthalmology". Von Augendominanz sprechen Fachleute, wenn die Informationen des einen Auges im Gehirn bevorzugt behandelt werden.

Das ist bei fast allen Menschen so - meist ist das rechte Auge dominant. Allerdings ist das Phänomen nicht bei allen Betroffenen gleich stark ausgeprägt.

Shakarchi und Guyton erklären die Augenstellung in den Selbstporträts der Künstler damit, dass Menschen mit ausgeprägter Augendominanz ihr Gesicht im Spiegel genau so wahrnehmen, wie es in den Bildern dargestellt ist. Wer sein dominantes Auge mit dem dominanten Auge im Spiegel betrachte, nehme die Reflexion als exakt gerade wahr, während das nicht dominante Auge als nach außen gerichtet erscheine.

Leonardo da Vinci: Schielen oder Augendominanz?
Hulton Archive/ Getty Images

Leonardo da Vinci: Schielen oder Augendominanz?

Die Forscher sind allerdings nicht die ersten, die sich mit den Selbstporträts von Rembrandt und da Vinci beschäftigen. Zuvor hatten zwei Studien ergeben, dass die Künstler unter einem sogenannten Auswärtsschielen litten, auch Exotropie genannt. Dabei ist ein Auge nach außen gerichtet.

So hatte der britische Augenarzt Christopher Tyler vor einem Jahr vier Selbstdarstellungen da Vincis untersucht und einen Fehlstellungswinkel der Augen von 10,3 Grad errechnet. Auch zwei Skulpturen, für die der Maler Modell gestanden haben soll, deuten demnach auf ein Auswärtsschielen hin. Tyler vermutete, dass da Vinci aufgrund seiner Augenfehlstellung besonders gut dreidimensional zeichnen und malen konnte.

2004 hatten Forscher Rembrandt in einer Studie anhand von 36 Selbstporträts eine ähnliche Diagnose gestellt.

Argumente gegen die Schieltheorie

Shakarchi und Guyton widersprechen: Ihre Theorie könne auch den Winkel von 10,3 Grad erklären. Lägen beide Augen sechs Zentimeter auseinander und stehe der Spiegel 16,5 Zentimeter entfernt, ergebe sich exakt dieser Wert, schreiben die Autoren.

Als weiteres Argument gegen ein Auswärtsschielen führen die Forscher die Erkenntnis an, dass die Fehlstellung üblicherweise im Laufe des Lebens stärker wird. Dies sei jedoch für keinen der beiden Künstler, die schon zu Lebzeiten berühmt waren, dokumentiert.

"Eine starke Augendominanz ist somit eine plausiblere Erklärung für die gezeigte Augenstellung als eine ständige Fehlausrichtung", schreiben die Forscher.

jme/dpa

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