Danones Alzheimer-Drink So wertvoll wie ein Fisch

Ein Drink von Danone enthält Nährstoffe, die Alzheimer verzögern sollen: Das ist tatsächlich das Ergebnis einer wissenschaftlichen Studie. Medizinisch wertvolle Nahrung ist für den Konzern ein lukratives Geschäft - dabei können normale Lebensmittel den gleichen Effekt haben, sagen Kritiker.
Von Cinthia Briseño
Nervenzellen (Illustration): Souvenaid soll die Bildung von Synapsen anregen

Nervenzellen (Illustration): Souvenaid soll die Bildung von Synapsen anregen

Foto: Corbis

Richard Wurtman achtet sehr genau darauf, wie er sich ernährt. Jeden Morgen trinkt er frischen Grapefruitsaft und eine Tasse Kaffee, schwarz, ohne Milch und Zucker. Dazu isst er einen kalorienarmen Getreidemuffin, gebacken von seiner Frau Judith. Mittags gibt es nur eine Suppe, beim Abendessen liegen immer Fisch und viel Gemüse auf dem Teller.

Mit gesunder Ernährung kennt sich das Ehepaar bestens aus. Richard Wurtman ist Hirnforscher. Am Massachusetts Institute of Technology (MIT) untersucht er die Effekte, die Nahrungsmittel auf die Hirnchemie haben. Seine Frau, ebenfalls Wissenschaftlerin an dem renommierten Institut, beschäftigt sich damit, wie sich Ernährung auf die menschliche Psyche auswirkt.

Neben der Forschung versteht sich das Paar auch exzellent auf die Vermarktung seines Wissens. Judith Wurtman hat Diätratgeber geschrieben, darunter den Bestseller "The Serotonin Power Diet". Richard Wurtman war in den späten neunziger Jahren an der Gründung der Firma Interneuron Pharmaceuticals beteiligt, die unter anderem Diätpillen herstellte. Inzwischen ist der Professor, der auch einige Patente auf den Einsatz von Nährstoffen zur Behandlung von Gehirnerkrankungen hält, wissenschaftlicher Berater des Lebensmittelkonzerns Danone.

Milliardenmarkt für Gesundmacher

Der französische Lebensmittelhersteller hat in den vergangenen Jahren unzählige klinische Studien finanziert. Aus gutem Grund: Die Untersuchungen sollen einerseits die oft verheißungsvoll klingende gesundheitsfördernde Wirkung vor allem von probiotischen Milchprodukten wie Acitivia (soll der Verdauung helfen), Actimel (soll Abwehrkräfte stärken) oder Essensis (soll die Haut glätten) belegen.

Doch nicht nur das: Auch im medizinischen Bereich investieren Konzerne wie Danone kräftig. Denn ebenso mit Nahrungsmitteln, die nicht im Supermarkt stehen, sondern etwa in Apotheken oder Kliniken vertrieben werden, hoffen die Unternehmen, große Gewinne erzielen zu können. Vor einigen Jahren haben sie daher damit begonnen, Pharmakonzernen die Medical-Nutrition-Sparten abzukaufen. Das Schweizer Unternehmen Nestlé etwa übernahm 2006 von Novartis die Krankenkost-Sparte für rund 2,1 Milliarden Euro.

Kaum ein Akteur setzt aber so konsequent wie Danone auf dieses Marktsegment. Derzeit bereiten die Franzosen den nächsten Coup vor: ein medizinisches Nahrungsprodukt, das gegen Alzheimer hilft. Die Frage ist nur, wie viel Show- und Marketingeffekt hinter dem Vorstoß steht.

Drink gegen Alzheimer

Danone verweist stets auf klinische Nachweise, um die Wirksamkeit seiner Medizinnahrung zu belegen. Unter den von dem Unternehmen finanzierten Studien findet sich auch jene, die jetzt in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Alzheimer's & Dementia"  nachzulesen ist - und an der Wurtman als Co-Autor beteiligt ist. Darin behaupten die Forscher - neben dem MIT sind weitere namhafte Institute wie das Alzheimer Center in Amsterdam und die Klinik für Psychiatrie der TU München vertreten -, dass ein einfacher Drink aus drei Nährstoffen helfen kann, den massiven Gedächtnisverlust bei einer beginnenden Alzheimer-Erkrankung zu bremsen.

Souvenaid, wie der registrierte Markenname des Tranks von Danone lautet, ist ein Nahrungsprodukt. Deshalb muss es in den USA nicht von der US-Gesundheitsbehörde FDA genehmigt werden. Auch in Deutschland wäre eine Zulassung beim Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte nicht notwendig. Der Drink wird von Nutricia Advanced Medical Nutrition, der nahrungsmedizinischen Sparte des französischen Lebensmittelriesen, vertrieben.

Den Effekt der Mixtur auf das Leistungsvermögen des Gehirns führen die Forscher auf wenige Komponenten zurück: EPA und DHA, zwei mehrfach ungesättigte Omega-3-Fettsäuren, Cholin - eine Vorstufe eines wichtigen Botenstoffs im Gehirn - sowie Uridin, ein RNA-Baustein. Souvenaid, so schreiben die Wissenschaftler, verbessere das Gedächtnis von Alzheimer-Patienten im Anfangsstadium und rege die Nervenzellen im Gehirn zur Ausbildung neuer Verbindungen, sogenannter Synapsen, an.

In Tierversuchen hatten die Forscher bereits die Wirksamkeit ihres Cocktails nachgewiesen: Omega-3-Fettsäuren sowie das für den Stoffwechsel wichtige Uridin und das Gewebshormon Cholin regten die Dendriten zum Wachsen an. Das sind feine Verästelungen der Nervenzelle, die sie anderen Neuronen zur Verknüpfung entgegenstreckt.

Besseres Wort- und Namensgedächtnis

An der neuen Untersuchung, die nach allen Regeln einer guten klinischen Studie durchgeführt wurde, hatten insgesamt 225 Alzheimer-Patienten teilgenommen. 40 Prozent derjenigen, die mit dem Getränk behandelt wurden, zeigten im Vergleich zur Placebo-Gruppe ein deutlich verbessertes Wort - und Namensgedächtnis. Bei Orten oder Erfahrungen konnten die Wissenschaftler jedoch keinerlei Verbesserung feststellen.

Zwölf Wochen lang nahmen die Probanden Souvenaid ein. Was aber passiert, wenn die Patienten ihren täglichen Drink wider das Vergessen länger einnehmen? Auch wenn in der aktuellen Studie keine Nebenwirkungen auftraten, müssen die Wissenschaftler dieser Frage erst noch nachgehen. Alzheimer ist eine langsam fortschreitende Krankheit, Patienten leben teilweise bis zu zehn Jahre und länger mit ihr.

Dennoch orakelt Wurtman angesichts der verheißungsvollen Ergebnisse der Danone-Studie: "Wenn sich die Nährstoffe als sichere Behandlungsmethode gegen Alzheimer erweisen, dann dürften sie auch bei anderen Krankheiten Erfolg zeigen, bei denen die Synapsen abgebaut werden."

Lieber Fisch, Obst, Gemüse und Nüsse

Der Alzheimer-Forscher Walter Müller, Direktor vom Pharmakologischen Institut der Goethe-Universität in Frankfurt, sieht das Ergebnis nüchterner: "Die Autoren können durchaus behaupten, das Produkt verbessere die kognitive Leistungsfähigkeit", sagt er SPIEGEL ONLINE. Die Frage aber sei: "Benötige ich dafür überhaupt Souvenaid, oder erziele ich den gleichen Effekt nicht auch mit normalen Lebensmitteln?"

Die Frage, warum Patienten teure Nahrungskost einnehmen sollten, wenn man ähnliche Effekte auch mit einer entsprechend gesunden Ernährung erzielen kann, kennt man bei Danone. William Green, Sprecher der Nutricia-Sparte, sieht darin die typische "Homebrew discussion", die Eigengebräu-Debatte. "In unseren klinischen Studien testen wir, welche Nährstoffkombination in welcher Konzentration für einen verstärkten Effekt notwendig ist", sagt Green im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Das sei wesentlich einfacher, als herauszufinden, wie oft, in welchen Mengen und welche Art von Fisch, Nüsse, Obst man essen müsse, um zum gleichen Ergebnis zu kommen.

"Der Drink hilft nicht gegen Alzheimer"

Zahlreiche Studien belegen tatsächlich eine positive Wirkung von Omega-3-Fettsäuren aus Lebensmitteln auf die Gedächtnisleistung. So hat man beispielsweise festgestellt, dass in Ländern, die auf eine mediterrane Kost mit viel Fisch setzen, die Häufigkeit von Alzheimer-Erkrankungen reduziert ist. Neben Fischölen sind auch viele Früchte, Gemüse und vor allem Nüsse reich an diesen essentiellen Fettsäuren.

"Die Souvenaid-Studie liefert keine neue Erkenntnis", sagt Müller. Ihn wundere es nicht weiter, dass mit einem Drink, der Omega-3-Fettsäuren enthält, solche Ergebnisse erzielt werden. Zudem gibt er zu bedenken, dass die Studienautoren in nur einem Alzheimer-Test einen positiven Effekt gefunden hätten. Bei den anderen Tests sei nichts herausgekommen, zudem gebe es noch viel mehr Tests, mit deren Hilfe man das Erkrankungsstadium der Patienten ermitteln könne.

Müller, der auch Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des gemeinnützigen Vereins Alzheimer Forschung Initiative (AFI) ist, warnt davor, von einer Alzheimer-Therapie mit einem derartigen Produkt zu sprechen. "Der Drink hilft nicht gegen Alzheimer." Zwar sei nicht ausgeschlossen, dass eine Verlangsamung der Erkrankung durch Omega-3-Fettsäuren möglich sei, dafür sei die aktuelle Studie aber nicht lange genug gelaufen.

Konzerne finanzieren Studien

Deshalb hat Danone drei weitere klinische Studien bereits auf den Weg gebracht, eine davon läuft unter dem Namen "Lipididiet" und steht unter der Federführung von Forschern der Medizinischen Fakultät der Universität des Saarlandes in Homburg. Die EU fördert das internationale Großprojekt zur Bekämpfung der Alzheimer-Krankheit mit acht Millionen Euro. Jede dieser Untersuchungen soll etwa 500 Probanden einschließen. Zudem wollen die Wissenschaftler die Wirkung einer längeren Einnahmedauer des Drinks testen.

Dass bei solchen Analysen Konzerne wie Danone eine große Rolle spielen, verwundert kaum: "Für Studien dieser Art finden die Forscher keine unabhängigen Geldgeber", erklärt Ellen Wiese SPIEGEL ONLINE. Die Pressesprecherin der AFI kennt die Studien aus der Alzheimer-Forschung, die versuchen, einen Zusammenhang zwischen der Ernährung und einer Verbesserung der kognitiven Leistungsfähigkeit herzustellen. "Gute Studien sind unter einer Million Euro kaum zu machen", sagt Wiese. "Die Finanzierung durch Lebensmittelkonzerne ist derzeit die einzige Chance."

Wie der neue Alzheimer-Drink auf dem Markt vertrieben werden soll und ob es Souvenaid überhaupt in Deutschland geben wird, ist bisher unklar. Fest steht nur, dass es sich um ein medizinisches Nahrungsprodukt handelt und nicht etwa in den Supermarktregalen stehen wird. So könnte Souvenaid in Apotheken verkauft oder als spezielle Nahrung für Demenzkranke in Krankenhäusern vertrieben werden. In Kürze will Danone in den USA eine erste Marktstudie starten. "Wir müssen erst in Erfahrung bringen, wie das Produkt von den Ärzten und von den Konsumenten angenommen wird", sagt Green.

Mit Material von ddp