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26. Mai 2011, 17:35 Uhr

Darminfekt

Ehec, Gurken und die Gülle-Frage

Von Cinthia Briseño

Gurken aus Spanien - eine erste Quelle für die gefährlichen Ehec-Erreger ist gefunden, zwei Firmen sollen hinter den Lieferungen stecken. Auch andere Gemüse stehen weiter unter Verdacht. Wie aber kommen die Mikroben auf die Nahrungsmittel? Düngung mit Rindergülle gilt als Kandidat.

Nun also ist sie da. Die Information, auf die alle seit Tagen gewartet haben. Am Pranger, Schuldiger für den Ausbruch der Ehec-Seuche zu sein, steht die Salatgurke aus Spanien. Und so fragte heute das Personal in der SPIEGEL-Kantine vorsichtshalber jeden Gast, ob er zu seinem Mittagessen nicht lieber auf die Beilage verzichten wolle. Die Autorin dieser Zeilen verzichtete nicht - einige andere Mitarbeiter sehr wohl.

Ähnliche Szenarien dürften sich in Hunderten von Kantinen in ganz Deutschland abgespielt haben. Die Frage, ob man noch bedenkenlos in frische Gurken und Tomaten beißen kann, verkommt zur Glaubensangelegenheit. Bauernverbände wettern gegen die Gesundheitsbehörden, es herrscht Krisenstimmung im Gewächshaus, verzweifelt werben Landwirte für ihr heimisches Gemüse, haben Angst um ihre Existenz.

Supermärkte haben Konsequenzen gezogen und spanische Gurken aus dem Sortiment genommen. Deutschlands größtes Handelsunternehmen Metro, die Supermärkte von Kaiser's Tengelmann und die Rewe-Gruppe bieten ab sofort keine spanischen Salatgurken mehr an, wie eine dapd-Umfrage am Donnerstag ergab. Zum Metro-Konzern gehören die Supermarktkette Real, die Großhandelskette Metro Cash & Carry und die Warenhauskette Galeria Kaufhof.

Die Herkunft von drei der in Hamburg gefundenen Ehec-kontaminierten Gurken lässt sich bis zu Unternehmen aus Málaga und Almería in Spanien zurückverfolgen. "Die Gurken stammen von der Firma Pepino Bio Frunet mit Sitz in Málaga und von dem Unternehmen Hort o Fruticola mit Sitz in Almería", sagte ein Sprecher der Hamburger Gesundheitsbehörde am Donnerstag. Die Herkunft der vierten belasteten Gurke sei weiterhin unbekannt.

Einer der Agrarbetriebe hat sich gegen die Vorwürfe zur Wehr gesetzt. "Ich habe das Gefühl, wir müssen als Sündenbock herhalten", sagte der Geschäftsführer der Firma aus Málaga der Nachrichtenagentur dpa. Man habe in Deutschland anscheinend schnell einen Schuldigen gebraucht, so sein Vorwurf.

Die kontaminierte Gurke gehörte nach seinen Worten zu einer Lieferung, die am 12. Mai nach Hamburg gegangen war. Auf dem Großmarkt sei die Palette mit den Gurken jedoch Tage später zu Boden gestürzt. Das habe das Unternehmen von dem dortigen Kunden erfahren - vielleicht sei das Produkt dabei verseucht worden.

Inzwischen ist das Robert-Koch-Institut (RKI) in die Kritik geraten - es solle sich "umgehend bei den deutschen Landwirten entschuldigen", forderte der CDU-Europaabgeordnete Peter Liese am Donnerstag in Brüssel. Der Gesundheitsexperte bezog sich auf die Warnung des RKI, besser keine Tomaten, Gurken und Blattsalate aus der Region zu essen. "Wer sich ein bisschen in dem Bereich der Lebensmittelproduktion auskennt, weiß, dass Menschen in Norddeutschland nicht nur Produkte essen, die in Norddeutschland angebaut wurden."

Die Warnung vor dem Verzehr von deutschem Gemüse durch das Robert-Koch-Institut bedeutet offenbar hohe Umsatzeinbußen für die deutschen Bauern. "Die falsche Warnung vor deutschen Tomaten, Gurken und Salat ist eine schwere Kommunikationspanne mit schlimmsten Auswirkungen für die Bauern", sagte Gerd Sonnleitner, Präsident des deutschen Bauernverbandes, der "Bild"-Zeitung.

"Wir haben extreme Umsatzeinbrüche, auch bei Biobauern. Der geschätzte Umsatzverlust im Gemüsebereich liegt bei zwei Millionen Euro täglich."

Empfehlung statt Warnung

Derweil bleibt die Empfehlung der Behörden bestehen: Salatgurken, Tomaten und Blattsalate vor allem in Norddeutschland solle man nach Möglichkeit nicht roh verzehren. Wohlgemerkt, so lässt es das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz ausrichten, handele es sich um eine Empfehlung - nicht um eine Warnung. Und: Es sei die Rede von Gemüse in der Region, nicht aus der Region.

Klar ist auch noch nicht, ob die Salatgurken aus Spanien die einzige Infektionsquelle sind. Denn die Studie wurde bisher nur mit Ehec-Patienten in Hamburg durchgeführt. "Informationen zu Herkunft und weiteren Details werden jetzt zusammengestellt", sagte die Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) am Donnerstag in der Hansestadt. Die Studie habe nur bedingten Aussagewert für andere betroffene Orte, so Prüfer-Storcks. "Es ist nicht auszuschließen, dass auch andere Lebensmittel als Infektionsquelle in Frage kommen."

Wie aber kommen die Keime aufs Gemüse? In den vergangenen Tagen war immer wieder die Gülledüngung im Gespräch. Diese Hypothese hielt sich wacker. Längst haben Landwirte und Bauernverbände auch in dieser Hinsicht eine Klarstellung dazu abgegeben: "Ich habe noch nie gesehen, dass ein Bauer Gülle auf Gemüse ausbringt", sagte der Vizepräsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein, Hans-Peter Witt. Gülledüngung werde in der Landwirtschaft im Herbst, ein halbes Jahr vor der Pflanzung praktiziert.

Als "Blödsinn" bezeichnete auch Sonnleitner die Gülle-These. In Treibhäusern werde nicht gedüngt, und im Freiland sei es verboten, sagte der Bauernpräsident. "Es war schlicht verantwortungslos und hat die Bauern beschädigt", sagte Sonnleitner.

Gülle oder nicht Gülle?

Gänzlich aus der Luft gegriffen war der Verdacht jedoch nicht. Denn vor allem Rinder, Schafe und Ziegen sind häufig Träger des Ehec-Erregers. Anders als Menschen erkranken sie selbst daran nicht. Deshalb gilt gerade Rindergülle unter Veterinärmedizinern als heißer Kandidat. Sie argumentieren, dass damit Futteranbauflächen gedüngt werden, und schließen eine Verseuchung angrenzender Gemüsefelder nicht aus.

Tatsächlich haben sich Ehec-Bakterien in den vergangenen Jahrzehnten weltweit immer wieder verbreitet. Entstanden sind enterohämorrhagische Escherichia coli, wie sie vollständig genannt werden, einst aus dem harmlosen Bakterium Escherichia coli, das unseren Darm in Massen bevölkert, ohne Schaden anzurichten. Sechs Prozent der Rinderbestände sind nach Angaben der Veterinärbehörden mit Ehec-Bakterien infiziert.

Doch im Laufe der Zeit haben sie sich genetisch verändert und Gene aufgenommen, aus denen sie gefährliche Toxine produzieren. Übertragen wurden die Gene von sogenannten Bakteriophagen, die ins Erbgut der Kolibakterien eindrangen und so das Genprogramm der Einzeller veränderten. Als Verursacher für diesen Prozess stehen für viele Mikrobiologen der massenhafte Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung sowie Umweltchemikalien im Verdacht.

Aber nicht nur Rindvieh kommt für eine Übertragung in Frage. Die Keime sind außergewöhnlich widerstandsfähig und können mehrere Monate außerhalb des Wirts überleben. So ist prinzipiell eine Verbreitung über menschliche Ausscheidungen möglich. 1992 sollen sich Tausende von Flüchtlingen in einem südafrikanischen Lager durch verseuchtes Trinkwasser infiziert haben.

Absichtlich ausgebracht?

Als Verschwörungstheorie machte dagegen ein Meinungsbeitrag des Mikrobiologen Alexander Kekulé im "Tagesspiegel" vom Mittwoch rasch die Runde. Dort hatte sich der Leiter des Instituts für Medizinische Mikrobiologie wie folgt geäußert: Bis die Infektionsquelle ausfindig gemacht sei, könne auch "der sehr unwahrscheinliche, aber theoretisch denkbare Worst Case nicht ausgeschlossen werden, dass die Bakterien absichtlich ausgebracht wurden". Seine Argumentation: Es sei noch nicht geklärt worden, ob alle Erkrankungen durch ein und denselben Stamm verursacht worden.

RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher wies noch am Mittwochabend diese Theorie als reine Spekulation zurück.

Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE erklärt der medienerprobte Kekulé: "Der Verlauf über mehrere Wochen und das fast simultane Auftreten nicht direkt zusammenhängender Infektionen ist typisch, wenn eine große Menge eines Erregers an einer oder mehreren zentralen Stellen der Lebensmittelversorgung eingebracht wurde. Ob das aus Versehen, fahrlässig oder absichtlich geschah, ist dabei egal. Eine absichtliche Ausbringung war natürlich trotzdem sehr unwahrscheinlich."

Trotzdem fordert Kekulé Konsequenzen: "Diesmal war es zum Glück kein Anschlag, und dieses Szenario ist weiterhin sehr unwahrscheinlich. Aber die Konsequenzen sind ähnlich, egal ob es eine Ladung Gurken aus Spanien war oder ein Röhrchen Bakterien aus einem Labor. Der Ehec-Ausbruch zeigte einmal mehr, dass Krankheitserreger und Lebensmittelverkehr viel schneller sind als die Gesundheitsbehörden."

Ob die Behörden den Weg des Keims von seinem Ursprung zur Salatgurke jemals werden rekonstruieren können, bleibt vorerst unklar.

Mit Material von dpa, dapd

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