Antikörperstudie in Kupferzell "Das reicht nicht aus, um eine zweite Welle zu verhindern"

Nach einem Kirchenkonzert hatte sich das Coronavirus im baden-württembergischen Ort Kupferzell rasant verbreitet. Eine aktuelle RKI-Studie ergab nun, dass nur 7,7 Prozent der Bevölkerung Antikörper haben.
Rachenabstrich bei einem Versuchsteilnehmer in Kupferzell

Rachenabstrich bei einem Versuchsteilnehmer in Kupferzell

Foto: Marijan Murat / REUTERS

Selbst in Orten, die während der ersten Corona-Welle als Hotspot galten, hat sich wahrscheinlich nur ein Bruchteil der Bevölkerung infiziert. Dafür sprechen die Ergebnisse einer Antikörperstudie aus Kupferzell in Baden-Württemberg, die das Robert Koch-Institut jetzt vorgestellt hat.

In dem Ort mit rund 6000 Einwohnern hatte sich das Coronavirus nach einem Kirchenkonzert Anfang März rasant verbreitet, er wurde zu einem der ersten lokalen Hotspots Deutschlands . Innerhalb von knapp zwei Wochen wurden mehr als 80 Infektionen gemeldet. Durch konsequentes Nachverfolgen der Kontakte gelang es jedoch, den Ausbruch wieder einzudämmen. Bis heute ist die Zahl der bestätigten Fälle in der Gemeinde auf 117 gestiegen.

Für die Studie hatten Mitarbeiter des Robert Koch-Instituts zwischen Ende Mai und Anfang Juni mehr als 2200 erwachsene Einwohner aus Kupferzell befragt, einen Rachenabstrich gemacht und Blut abgenommen. Die Proben wurden anschließend im Labor auf akute oder vergangene Sars-CoV-2-Infektionen untersucht.

Die Ergebnisse im Detail:

  • Von den untersuchten Bürgern konnten die Forscher bei 7,7 Prozent Antikörper nachweisen. "Das reicht nicht aus, um eine zweite Welle zu verhindern", sagte Lars Schaade, Vizepräsident des Robert Koch-Instituts, bei einer Pressekonferenz. Dies gelte selbst dann, wenn alle Bürger durch die Antikörper vor einer weiteren Infektion geschützt wären. Noch ist nicht klar, ob das der Fall ist.

  • Rund ein Sechstel der Infektionen (16,8 Prozent) liefen symptomlos. Die Betroffenen berichteten in einem Fragebogen weder von Fieber noch von anderen typischen Beschwerden wie Halsschmerzen, Schnupfen, Geruchs- oder Geschmacksverlust.

  • Die Zahl der durch die Studie erfassten Infektionen liegt deutlich über der Zahl der zuvor bereits bekannten Fälle. Laut den Tests haben sich in Kupferzell fast viermal mehr Menschen angesteckt, als zuvor Infektionen bekannt waren. Damit liegt die Dunkelziffer jedoch deutlich niedriger als in vielen Studien aus anderen Ländern.

  • Umgekehrt konnten die Forscher allerdings auch bei knapp 30 Prozent der Personen, die während des Ausbruchs positiv getestet worden waren, keine Antikörper nachweisen. Damit deckt sich die Untersuchung mit weiteren Studien, laut denen die Antikörper bei manchen Infizierten schnell wieder schwinden können. "Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass keine Immunität besteht", sagte die Studienleiterin Claudia Santos-Hövener vom Robert Koch-Institut.

Kupferzell ist nur der erste von insgesamt vier besonders betroffenen Orten in Deutschland, deren Einwohner von Forschern des Robert Koch-Instituts auf Antikörper untersucht werden. Als Zweites folgt die Gemeinde Bad Feilnbach im Landkreis Rosenheim, der dritte Ort ist Straubing in Bayern. Der vierte wurde noch nicht bekannt gegeben.

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Mithilfe der Teilnehmer soll bei zukünftigen Untersuchungen auch analysiert werden, welche langfristigen Folgen Covid-19 haben kann. Außerdem laufen separate Studien mit Kindern.

"Wir dürfen die Entwicklung so nicht weiterlaufen lassen"

Bereits im Mai hatten Forscher in Deutschland das Ergebnis einer Antikörperstudie, der sogenannten Heinsberg-Studie, vorgestellt. Damals waren Einwohner der ebenfalls besonders betroffenen Gemeinde Gangelt in Nordrhein-Westfalen untersucht worden. Dem Ergebnis zufolge könnten sich in dem Ort fünfmal mehr Menschen angesteckt haben, als Infektionen bekannt waren.

Die Forscher hatten bei ihrer Untersuchung allerdings nur Antikörper nachgewiesen und keine Neutralisationstests durchgeführt, die weniger anfällig sind für falsche Ergebnisse. Aus diesem Grund sei denkbar, dass die Zahl der Sars-CoV-2-Infizierten in der Studie überschätzt wurde, schreibt das Robert Koch-Institut in einer Beschreibung seiner aktuellen Untersuchung. 

Antikörpertests - wie sie funktionieren und wie nicht

Um herauszufinden, ob jemand immun gegen das neue Coronavirus ist, machen Forscher Antikörpertests. Dabei haben sie mehrere Möglichkeiten:

  • Zuletzt häufig diskutiert wurden sogenannte Elisa-Tests (Enzyme-Linked ImmunoSorbent Assay). Mit ihnen lässt sich vergleichsweise schnell, einfach und kostengünstig feststellen, ob in einer großen Zahl Blutproben Antikörper gegen das neue Virus zu finden sind.

    Für den Test wird das Blut der Probanden in ein Testgefäß mit Antigenen gegeben. Sind Antikörper vorhanden, binden sie an die Antigene und lassen sich mit einem Fluoreszenzmittel sichtbar machen.

    Das Problem: Die Antikörper, die das neue Coronavirus und bereits bekannte Coronaviren bekämpfen, ähneln sich. Das kann in seltenen Fällen dazu führen, dass der Test ein positives Ergebnis zeigt, obwohl die Person nur gegen ein übliches Erkältungs-Coronavirus immun ist, nicht aber gegen das neue Virus Sars-CoV-2.

  • Die im Vergleich aufwendigere Alternative ist ein Neutralisationstest, auch bekannt als Plaque-Assay. Mit ihm lassen sich Antikörper noch etwas zuverlässiger bestimmen. Er wird häufig eingesetzt, um die positiven Ergebnisse aus großen Elisa-Tests zu validieren.

    Dazu geben Forscher Viren aus einem Nasenabstrich von Patienten im Labor auf eine Zellkulturplatte und behandeln diese mit dem Blutserum der Patienten. Sind genug Antikörper im Serum, bekämpfen sie das Virus und die Zellkultur bleibt gesund. Gibt es keine oder zu wenig passende Antikörper, zerstört das Virus die Zellen und es entstehen Löcher in der Platte, sogenannte Plaques.

Neben der Vorstellung der Studienergebnisse äußerte sich RKI-Vizepräsident Schaade auch zur aktuellen Situation in Deutschland. Die steigenden Infektionszahlen bezeichnete er als ernst zu nehmende und besorgniserregende Entwicklung. "Wir dürfen die Entwicklung so nicht weiterlaufen lassen", sagte er. "Wir drohen die Kontrolle zu verlieren."

Um dies abzuwenden, müssten die Menschen weiterhin Abstand halten, die Hygieneregeln befolgen, sich bei Beschwerden testen lassen und auf nicht notwendige Reisen verzichten. Dass dies wirke, zeigten auch die aktuellen Ergebnisse aus Kupferzell, so Schaade.

irb
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