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03. April 2012, 12:48 Uhr

Super-Erreger

Daten über gefährliches Virus werden veröffentlicht

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Die bedrohliche Vogelgrippe-Variante aus dem Labor sorgt seit Monaten für eine Debatte über Risiken der Virenforschung. Jetzt sollen die Daten über den neuen Erreger doch veröffentlicht werden. Zugleich stellt die US-Regierung ihre Forschungsförderung in Frage.

London - Das Gremium der US-Regierung für Biosicherheit (NSABB) hat sich entschieden: Die umstrittenen Studien über mutierte Vogelgrippeviren dürfen nun doch veröffentlicht werden - nachdem die Forscher ihre früheren Manuskripte überarbeitet hatten. Die Virologen hatten einen hoch ansteckenden Erreger der Vogelgrippe erzeugt, der über die Atemwege übertragen werden kann.

Nach der Überarbeitung enthielten die beschriebenen Daten keine Informationen, die einen unmittelbaren Missbrauch zur Gefährdung der öffentlichen Gesundheit ermöglichten, sagte Paul Keim, Vorsitzender der NSABB. "Wir haben neue, verlässliche Informationen über den Nutzen und über die Risiken der Forschung." Worin sich die Versionen der Manuskripte genau unterscheiden, weiß bislang nur der kleine Kreis der Experten.

Zeitgleich gab die amerikanische Regierung bekannt, ihre Forschungsaktivitäten an hochgefährlichen Erregern wie Ebola oder Milzbrand auf den Prüfstand stellen zu wollen.

Die jüngste Meldung ist nicht die erste Wende im Fall des Supervirus. Begonnen hatte alles mit der Aussage des Virologen Ron Fouchier auf einer Konferenz in Malta im September 2011. Gegenüber dem Fachmagazin "Science" erklärte der Niederländer, er habe ein hochgefährliches H5N1-Virus geschaffen, es wäre leicht von Mensch zu Mensch übertragbar und führe häufig zum Tod.

H5N1-Virus macht Forschung verrückt

Eine hitzige Debatte unter Wissenschaftlern über Risiken und Chancen der Forschung entbrannte. Anfang Januar blockierte die NSABB die Veröffentlichung von Fouchiers Studien in den Fachblättern "Science" und "Nature"" - aus Angst, Terroristen könnten das veränderte Vogelgrippe-Virus nachbauen und als Biowaffe einsetzen.

In einem offenen Brief, den "Nature" und "Science" Ende Januar gemeinsam veröffentlicht haben, kündigten die Wissenschaftler dann an, ihre Arbeit für die nächsten 60 Tage zu stoppen. Viele Forscher werteten das als Zensur und sahen die Freiheit der Wissenschaft bedroht, Kritiker verwiesen hingegen auf die Gefahren der Grippeviren-Forschung. Experten der WHO nahmen sich letztlich des Themas an und plädierten für die Veröffentlichung.

Später erklärte Fouchier dann, sein Supervirus sei gar nicht so tödlich wie zuvor behauptet. Das Rätselraten in der Forschergemeinde erhielt dadurch neue Nahrung : Legte Fouchier seine ursprünglichen Daten jetzt anders aus, um Sicherheitsbedenken zu zerstreuen? Und falls ja, warum? Mit der Entscheidung des NSABB und der Veröffentlichung der Forschungsergebnisse - noch sind sie nicht einsehbar - werden sich manche der Fragen beantworten lassen.

Zugleich drohen neue Diskussionen: Gleichzeitig zum NSABB-Votum gab ein Sprecher der US-Regierung bekannt, alle geförderten Forschungsprogramme an gefährlichen Keimen unter die Lupe nehmen zu wollen, darunter etwa Arbeiten zum Ebola- und Vogelgrippevirus oder zum Milzbrand-Erreger. Die Experimente sollen unter Umständen entschärft werden, als geheim klassifiziert oder gar nicht mehr finanziert werden.

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