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Pharmalabor DDR: Industrie verabreichte Pillen ohne Wissen der Patienten

Foto: Harald Krieg/ Agentur Focus/ DER SPIEGEL

Pharmalabor DDR "Vielleicht bin ich der letzte Überlebende"

Wohl 50.000 DDR-Bürger dienten als Versuchspatienten westlicher Pharmakonzerne, oft ohne es zu wissen. Jetzt mehren sich die Forderungen nach einer umfassenden Aufarbeitung. Die Pharmahersteller wollen mitmachen, aber nicht die Leitung übernehmen.

"Vielleicht bin ich der letzte Überlebende von klinischen Versuchen, die 1989 in der Lungenklinik Lostau geschahen", sagt Hubert Bruchmüller. Der heutige Invalidenrentner hatte eine Sportlerkarriere einschlagen wollen, eine unentdeckte Herzkrankheit machte dem Elektromonteur einen Strich durch die Rechnung. Sein Hausarzt schickte den damals 35-Jährigen ins Bezirkskrankenhaus Lostau bei Magdeburg, eine der wenigen Spezialeinrichtungen im Land, "weil es dort ein neues Medikament für mich gebe".

Das Wort "Test" sei nicht gefallen. Der heute 59-Jährige wollte die Chance nutzen. "Ich hatte doch kein Misstrauen, bin da voller Hoffnung hingefahren. Aufklärung bekam ich nicht, und ich musste auch nichts unterschreiben." Bruchmüller erhielt gelbe glänzende Kapseln aus einem Döschen mit der Aufschrift: "Herzmittel, Patient-Nr.: 030" von Sandoz. Das Pharmaunternehmen gehört heute zu Novartis.

Wohl mindestens 50.000 Menschen haben wie Harald Bruchmüller in der DDR als Versuchspatienten für die westliche Pharmaindustrie gedient - oft ohne es zu wissen. Volker Hess, Medizinhistoriker an der Charité , will nun untersuchen, was zu Ost-Zeiten passierte. Die Idee des Forschungsprojekts sei es, alle Beteiligten - also auch die Medikamentenhersteller - einzubinden, sagt Hess.

Das Ministerium des Inneren ist gefragt

Bislang habe der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (vfa)  keine Gelder für die Studie bereitstellen wollen, berichtet Hess. Das könnte sich nun ändern. Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin des vfa, erklärte am Montag: "In der DDR entsprachen die Standards für klinische Studien nach unserem Erkenntnisstand dem damals Üblichen: Das DDR-Recht machte Vorgaben für die Durchführung klinischer Prüfungen, die mit denen westlicher Staaten und auch der USA vergleichbar waren."

Die Standards wurden auch in der Praxis eingehalten, sagt Fischer. Und dennoch: "Wir sehen, dass mehrere Seiten planen, dieses Thema wissenschaftlich zu bearbeiten. Eine zentrale Federführung vorzusehen, erscheint hier sinnvoll. Aus unserer Sicht könnte dies durch das Bundesministerium des Inneren geschehen." Der vfa jedenfalls beanspruche nicht, diese Koordinierung vorzunehmen, schiebt sie hinterher. Der Verband stehe aber für Gespräche bereit, wie er sich in dieses Projekt einbringen könnte.

Die Zeit drängt, wichtige Beweise drohen verlorenzugehen. Im Archiv der Berliner Charité werden turnusmäßig gerade die Akten des Jahrgangs 1983 beseitigt. Gabelstapler fahren wöchentlich in einer alten Lagerhalle in Berlin-Tempelhof kartonweise Unterlagen zur Vernichtung.

Zu den Geschäftspartnern der Pharmafirmen jenseits der Mauer gehörten nicht nur das international renommierte Universitätsklinikum Charité, insgesamt waren mehr als 50 Krankenhäuser involviert. Darunter Häuser in Dresden, Erfurt, Halle, Jena oder Rostock. Seitens der Industrie machte fast jeder mit, der in der Pharmabranche einen Namen hat: Bayer, Schering, Hoechst, Boehringer, Pfizer, Sandoz, Roche.

Nach Todesfall wurde Studie abgebrochen

Getestet wurde alles, was die Forschungslabors hergaben: Chemotherapeutika, Antidepressiva, Herzmedikamente; oder auch Stoffe frisch aus den Labors, deren Wirkung für die Forscher noch im Dunkeln lag.

Bei Herbert Bruchmüller testete die Firma Sandoz (heute Novartis) den neuen Blutdrucksenker Spirapril. Als sein ebenso behandelter Zimmernachbar, der als "Patient-Nr.: 029" geführt wurde, zusammenbrach und laut Akten an "akutem Herzversagen" verstarb, wurde der Test von Sandoz unvermittelt abgebrochen.

Aufgeklärt wurden dieser und ein weiterer Todesfall offenbar nicht. In den Akten des Zentralen Gutachterausschusses für den Arzneimittelverkehr (ZGA), der im Ost-Berliner Gesundheitsministerium mit Medikamententests befasst war, findet sich lediglich ein lapidarer Vermerk. "Frau Prof. Dr. Aßmann ist wegen der ausstehenden Stellungnahme zu den zwei Todesfällen in Lostau anzumahnen", steht in einem Protokoll einer Sitzung, die kurz vor dem Ende der DDR, am 6. März 1990, stattfand.

Bruchmüller, der sein Sandoz-Döschen mit einigen Pillen bis heute aufbewahrt, hat sich im vergangenen Winter noch einmal nach Lostau aufgemacht. Er durfte kurz seine Krankenakte in der Hand halten, doch auf Kopien davon wartet er schon seit Monaten. Die 1989 beteiligten Ärzte sind weit weg, in Privatkliniken irgendwo in Deutschland. "Wer ist schon in der Lage, gegen die mächtigen Pharmakonzerne anzugehen?", fragt Bruchmüller. Es klingt resigniert.