Rasche Ausbreitung Delta-Variante in Deutschland – Weltärztebund fordert Überprüfung der Lockerungen

»Hohe Viruslast im Rachen«: Die Delta-Mutante des Coronavirus dürfte sich laut Weltärztebund schnell in der Bundesrepublik verbreiten.
Hinweis auf eine (noch geschlossene) Coronatest-Station auf der Münchner Theresienwiese

Hinweis auf eine (noch geschlossene) Coronatest-Station auf der Münchner Theresienwiese

Foto: Peter Kneffel / dpa

In Großbritannien hat die Delta-Variante bereits den Zeitplan für die Rückstufung der Coronamaßnahmen durcheinandergebracht. Und auch in Deutschland taucht die Mutante vermehrt auf. Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, befürchtet eine rasche Ausbreitung der als besonders infektiös geltenden Variante B.1.617.2 und sieht Handlungsbedarf bei der Politik.

Es sei zu erwarten, dass sich die Delta-Variante in Deutschland noch schneller ausbreite als die bisherigen Varianten, sagte Montgomery den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

»Das Tückische bei dieser Variante ist, dass Infizierte sehr schnell eine sehr hohe Viruslast im Rachen haben und damit andere anstecken können, bevor sie überhaupt merken, dass sie sich infiziert haben«, sagte Montgomery.

Solange noch nicht genügend Menschen geimpft seien, müssten vor allem die Ansteckungsrisiken im Alltag reduziert werden, mahnte der Ärztevertreter. »Im öffentlichen Nahverkehr, in Geschäften und anderen Innenräumen sollten deswegen unbedingt weiterhin FFP2-Masken getragen werden.«

Die Länder sollten prüfen, ob die angekündigten Lockerungen nicht zu weit gingen. »Sie sollten außerdem die politische Größe haben, angekündigte Lockerungen wieder zurückzunehmen, wenn die Infektionszahlen durch die Delta-Variante wieder steigen sollten. So, wie es die britische Regierung jetzt getan hat«, betonte der Mediziner.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach geht davon aus, dass die Delta-Variante in Deutschland im Herbst die dominierende Rolle spielen wird, weil sie so viel ansteckender sei. Er hoffe, dass dies nicht zu einem großen Problem ausgerechnet für die Kinder werde, die nicht geimpft seien, sagte Lauterbach in den ARD-»Tagesthemen«. »Die Geimpften werden mit der Delta-Variante keine Probleme haben«, so der SPD-Politiker. Gegen die eingesetzten Impfstoffe komme diese Virusvariante nicht an.

Der Anteil der in Indien entdeckten Variante Delta hat sich zuletzt in Deutschland deutlich erhöht, wenn auch auf niedrigem Niveau. Ihr Anteil an den Sars-CoV-2-Neuinfektionen lag laut Bericht des Robert Koch-Instituts bei 6,2 Prozent in der Kalenderwoche 22 (31. Mai bis 6. Juni). In der Woche davor waren es noch 3,7 Prozent gewesen.

Wegen der Ausbreitung der Delta-Variante in Großbritannien hat die Regierung dort die eigentlich für den 21. Juni geplante Aufhebung aller Coronamaßnahmen bis zum 19. Juli verschoben.

Zahlen steigen in Großbritannien

Eine am Montag im medizinischen Fachblatt »Lancet« veröffentlichte Studie aus Schottland schätzt das Risiko, mit einem schweren Coronaverlauf ins Krankenhaus zu kommen, bei der Delta-Variante etwa doppelt so hoch ein wie beim ursprünglichen Wildtyp. Die Übertragungsfähigkeit der Delta-Variante ist demnach höher als bei der Alpha-Variante, die bereits als sehr ansteckend gilt.

Obwohl die britische Impfkampagne weit vorangeschritten ist und bereits fast 45 Prozent der Erwachsenen voll geimpft sind (zum Vergleich: In Deutschland sind es nur rund 27 Prozent), hat die Variante B.1.617.2 die Infektionszahlen im Land wieder in die Höhe schnellen lassen. Nachdem wochenlang nur sehr wenige Neuinfektionen gezählt wurden und die Sieben-Tage-Inzidenz ähnlich wie in Deutschland bei um die 20 gelegen hatte, liegt sie nun wieder bei fast 68. Inzwischen macht die Delta-Variante mehr als 90 Prozent der Neuinfektionen aus.

Kanzleramtschef warnt vor Reisen zur EM

Wegen der Viruslage in Großbritannien riet Kanzleramtsminister Helge Braun deutschen Fußballfans von Reisen nach London zu den Halbfinalspielen und dem Finale der Europameisterschaft ab. Die Ausbreitung der Delta-Variante in Großbritannien sei seine »große Sorge«, sagte der CDU-Politiker dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Braun verwies darauf, dass die Bundesregierung Großbritannien im Mai als Virusvariantengebiet eingestuft hatte. Fußballfans müssten sich deshalb nach einer Reise zu den EM-Spielen in London in Deutschland für zwei Wochen in Quarantäne begeben.

Der Kanzleramtsminister kritisierte zugleich Ungarn für seinen EM-Auftakt in Budapest mit vollem Stadion: »Ein voll besetztes Stadion finde ich daneben.« Dagegen habe das Spiel Deutschland gegen Frankreich in München gezeigt, »dass Abstandsregeln eingehalten werden können«.

jok/dpa