Steigende Corona-Fallzahlen Deutschland im Partymodus

Die Zahl der an das RKI gemeldeten Neuinfektionen hat erstmals die 10.000 an einem Tag überschritten. Ein Grund dürfte sein, dass es vielen schwerfällt, soziale Kontakte einzuschränken.
Symbolbild

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Foto: Paul Zinken / dpa

Es sei inzwischen möglich, dass sich das Coronavirus regional unkontrolliert ausbreite, sagte RKI-Chef Lothar Wieler bei einer Pressekonferenz am Donnerstag. Zuvor hatte das Robert Koch-Institut 10.000 Neuinfektionen an einem Tag erfasst und damit für viele eine magische Grenze überschritten. Wieler appellierte einmal mehr an die Bevölkerung, die Hygieneregeln einzuhalten.

Dabei funktioniert das bislang verhältnismäßig gut, zeigt die jüngste Umfrage von Forschern um die Psychologin Cornelia Betsch von der Universität Erfurt. Zuletzt gab darin ein Großteil der Befragten in Deutschland an, mindestens häufig Maske zu tragen, wenn dies angezeigt ist. Der Wert ist mit 93 Prozent so hoch wie noch nie seit Beginn der Auswertung. Auch an die anderen Präventionsmaßnahmen hält sich ein Großteil der Menschen meistens, es sind aber nicht mehr so viele wie noch im Frühjahr.

86 Prozent halten mindestens häufig den Abstand von 1,5 Metern ein. Bis zum Mai waren es noch über 90 Prozent. Zudem fällt es den Menschen in Deutschland offenbar zunehmend schwerer, ihre sozialen Kontakte einzuschränken.

Party, Party, Party

Private Feiern waren im Frühjahr noch bei rund 90 Prozent der Befragten tabu, zuletzt vermieden sie nur noch rund zwei Drittel der Menschen (60 Prozent) mindestens häufig, obwohl bereits Mitte Oktober viele der Festivitäten in Innenräumen stattgefunden haben dürften. Laut RKI gehören  private Zusammenkünfte zu den häufigsten Ansteckungsszenarien.

"Fast 45 Prozent der Befragten waren in den vergangenen vier Wochen mindestens einmal bei privaten Treffen mit mehr als zehn Personen", schreiben Betsch und Kollegen. Besonders brisant dabei: Bei privaten Treffen zeigen die Menschen laut der Auswertung weniger Schutzverhalten als in anderen Situationen, etwa beim Aufeinandertreffen mit Kollegen.

Das gilt offenbar auch für Aufenthalte in Bars und Kneipen im Vergleich zum Besuch von Restaurants und Cafés. Durchschnittlich drei von zehn Menschen (30 Prozent) waren in den vier Wochen vor der Befragung mindestens einmal in Bars oder Kneipen.

Niedrigster Wert beim Vertrauen in die Bundesregierung

Im Covid-19 Snapshot Monitoring (Cosmo) befragen Betsch und Kollegen regelmäßig einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung aus rund tausend Menschen, wie sie die Risiken in der Pandemie wahrnehmen, wie sie sich schützen und wie groß die Akzeptanz von Maßnahmen ist.

Die letzte Auswertung stammt vom 13./14. Oktober, also ungefähr aus der Zeit, zu der sich die Menschen mit dem Coronavirus angesteckt haben, deren Infektionen nun beim RKI erfasst werden und die Statistik nach oben treiben (mehr zu Verzögerungen in der Erfassung der Ansteckungen lesen Sie hier).

"Das Vertrauen in die Bundesregierung hat den niedrigsten Wert seit Beginn der Erfassung erzielt", schreiben die Forscher  darin. Ärger aufgrund der Maßnahmen und deren Ablehnung sei seit der vorangegangenen Auswertung signifikant gestiegen.

37 Prozent der Befragten haben demnach (eher) geringes Vertrauen in die Regierung. Das ist der höchste Wert seit Beginn der Zeitreihe Anfang April. "Vertrauen hat besonders in der großen Gruppe der Indifferenten abgenommen", so die Forscher.

Dazu beitragen dürften unter anderem auch Streitereien zwischen den Bundesländern, zuletzt auch mit Blick auf Beherbergungsverbote: Nur 41 Prozent stimmten der Maßnahme zu. Gleichzeitig wünschen sich drei Viertel der Befragten deutschlandweit die gleichen Regeln für Risikogebiete.

Menschen nehmen die Situation weniger riskant wahr

Die Belastung der Menschen ist im Vergleich zur vorangegangenen Auswertung zudem deutlich gestiegen, "besonders bei jüngeren unter 30, älteren über 65 und Personen in Risikogebieten", schreiben die Forscher. 45 Prozent der Befragten empfinden ihre persönliche Situation laut der Auswertung als belastend. Individuelle wirtschaftliche Sorgen sind laut den Forscher derzeit dagegen "eher stabil gering ausgeprägt".

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Gleichzeitig nehmen die Menschen die Situation in der Studie noch nicht als so riskant wahr, wie noch zur Hochphase der ersten Welle. 38 Prozent bewerten das gefühlte Risiko, Experten sprechen vom affektiven Risiko, als (eher) hoch. Zwischen dem 17. und 31. März war es noch etwa die Hälfte. Mit 41 Prozent gibt es aktuell einen großen Teil Unentschlossener. Es bleibt abzuwarten, wie sie sich bei der nächsten Befragung äußern.

"Das affektive Risiko ist für Schutzverhalten und die Akzeptanz der Maßnahmen relevant. Die steigenden Fallzahlen brachten einen kurzzeitigen Anstieg des gefühlten Risikos im August mit sich, dann setzte wieder Gewöhnung ein", schreiben Betsch und Kollegen. Aktuell gingen die Zahlen wieder leicht nach oben.

Das gilt insbesondere für die Gruppe der unter 30-Jährigen: "Die affektive Risikobewertung ist gerade ähnlich hoch wie bei den über 30-Jährigen", schreiben die Forscher. "Man kann daher zumindest bezogen auf die Risikowahrnehmung nicht von einem 'neuen Phänomen' der Sorglosigkeit der unter 30-Jährigen reden."

Von Furchtappellen wird abgeraten

Auffällig ist, dass die Akzeptanz von Einschränkungen sich bislang abhängig von den Fallzahlen entwickelt hat. Je mehr neue Infektionen es gab, desto größer war die Akzeptanz für gesetzliche Vorgaben. Zuletzt haben sich die Aspekte jedoch entkoppelt.

"Die Akzeptanz der Einschränkung von Freiheitsrechten ist auf einem mittleren Niveau stabil", so Betsch und Kollegen. Allerdings sei die Zustimmung zu restriktiveren Maßnahmen in der jüngsten Befragung nicht angestiegen. Zuletzt fanden 19 Prozent der Befragten die Maßnahmen übertrieben. So hoch war der Wert zuletzt Anfang Juni. Etwa die Hälfte der Menschen ist unentschieden.

Die Forscher sehen vor allem Männer und junge Menschen als "Zielgruppen für potenzielle Interventionen". Unter ihnen müsse Wissen vermittelt werden. Gleichzeitig seien aber auch emotionale Aspekte wichtig, da sie "das Verhalten aktivieren".

"Hierbei wird jedoch von Furchtappellen abgeraten, die darauf abzielen, Angst auszulösen, da diese eher zu Gegenreaktionen führen können", so Betsch und Kollegen. Stattdessen sollten die Zielgruppen in die Maßnahmenentwicklung mit einbezogen werden. "Ein Appell an die Rücksicht könnte auch in der Covid-19-Pandemie Schutzverhalten weiter befördern."

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