"Schwer, Nachfolger zu finden" Deutschlands Kinderärzte sorgen sich um den Nachwuchs

In Deutschland gebe es zu wenige Menschen, die Kinder- und Jugendmediziner werden wollen, warnen Experten. Die Politik müsse "schnellstmöglich" handeln - auch wegen Corona.
Kinderärztin bei der Arbeit: Was tun gegen den Mangel?

Kinderärztin bei der Arbeit: Was tun gegen den Mangel?

Foto: Westend61 / Getty Images

Die Sorge um den Nachwuchs in der Kinder- und Jugendmedizin ist groß. Bis 2025 werde ein Viertel aller Kinderärzte in den Ruhestand gehen, warnte der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. "Zunehmend wird es schwerer, für Kinder- und Jugendarztpraxen Nachfolger zu finden", sagte Verbandspräsident Thomas Fischbach der Deutschen Presse-Agentur.

Junge Mediziner scheuten immer häufiger das finanzielle Risiko einer Niederlassung und die überbordende Bürokratie. "Die Kinder- und Jugendmedizin in Deutschland ist in großer Gefahr", sagte Fischbach. "Hier muss die Politik schnellstmöglich gegensteuern." Fischbach, dessen Verband etwa 11.500 Kinder- und Jugendärzte angehören, forderte eine Ausweitung der Medizinstudienplätze sowie eine bessere Finanzierungsgrundlage für Kinderkliniken und -praxen. Zudem müssten Kinderrechte explizit im Grundgesetz verankert werden.

Überlastungen im Herbst

Die Sorge um den Nachwuchs fällt in eine Zeit, die Kinder- und Jugendmediziner ohnehin vor Fragen stellt. Mit Blick auf die Corona-Pandemie und ihre Folgen hatte der Kinderarzt Klaus Rodens Ende Juli gegenüber dem SPIEGEL davor gewarnt, dass es im Herbst zu Überlastungen in den Praxen kommen könne. "Unser System wird zusammenbrechen", sagte Rodens im Interview. Der Mediziner ist ebenfalls im Vorstand des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte.

"Als Kinder- und Jugendärzte stehen wir an der Versorgungsfront, da wir täglich mit kranken Kindern zu tun haben. Nach dem Lockdown ist die Zahl der Corona-Abklärungen momentan noch überschaubar, aber im Herbst und Winter wird das völlig anders werden", so Rodens. "Die Kinderarztpraxen sind schon in normalen Wintermonaten maximal ausgelastet." Wenn dann ein Großteil der Kinder auch noch ziellos auf Corona untersucht werden solle, sei das schlicht nicht zu schaffen. Spätestens im November müsse ein Konzept stehen, wie mit dem Ansturm umzugehen sei.

Auch abseits der Kinder- und Jugendmedizin herrscht Ärztemangel in Deutschland, vor allem auf dem Land gibt es zu wenig Mediziner. Für die Bereitstellung der derzeit rund 10.000 Medizinstudienplätze sind die Länder verantwortlich, die dafür seit Jahren mehr Geld vom Bund verlangen. Ob mehr Studienplätze den Ärztemangel tatsächlich beheben können oder dafür nicht eher die Verteilung der Ärzte verantwortlich ist, darüber wird kontrovers diskutiert.

Anfang September dieses Jahres kündigten Abgeordnete der Union an, die Kapazität der Studienplätze um 50 Prozent erhöhen zu wollen. "Wenn man sich die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, neue Arbeitszeitmodelle und die alternde Gesellschaft vor Augen führt, wird klar, dass mehr Ärzte ausgebildet werden müssen", sagte der CDU-Vorsitzende Ralph Brinkhaus.

dpa/nil
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