Coronavirus Newsletter Deutschlands mangelnder Elan beim Testen

Der Bund rechnet mit hundert Milliarden Euro Steuerausfall, brennende Beatmungsgeräte aus Russland und eine Warnung vor dem nie wieder verschwindenden Coronavirus: die Zusammenfassung für den Abend.

Timo Lenzen/ DER SPIEGEL

Liebe Leserin, lieber Leser,

84.144 Tote - in keinem Land der Welt sind bisher so viele Menschen mit einer Covid-19-Erkrankung verstorben wie in den USA. Weil das für einen wahlkämpfenden Präsidenten nicht die Schlagzeilen sind, die er über sein Land lesen will, möchte Donald Trump lieber, dass die Presse über die amerikanische Führungsrolle in einer anderen Disziplin schreibt: Testen.

Die Vereinigten Staaten seien weltweit führend darin, diese Botschaft ließ Trump extra auf ein Banner drucken, das bei einer Pressekonferenz Anfang der Woche neben ihm an der Mauer des Weißen Hauses im Wind wehte. Nachdem eine Journalistin ihn gefragt hatte, warum es eigentlich so wahnsinnig wichtig sei, dass man in diesem vermeintlichen Wettbewerb vorn liege, während jeden Tag Amerikaner am Coronavirus sterben, brach Trump die Pressekonferenz wenige Sekunden später ab.

Dass die Bundesregierung beim Testen irgendein Interesse an einem zwischenstaatlichen Wettkampf erkennen lässt, kann man wahrlich nicht behaupten. Im Gegenteil. Das ist zwar wesentlich sympathischer als die Profilneurose eines Donald Trump, wirft aber so langsam auch Fragen auf. Denn ungenutzte Testmöglichkeiten gibt es hierzulande gerade im Überfluss. Fast 965.000 Proben hätten die Labors in der vergangenen Woche analysieren können. Tatsächlich durchgeführt wurden aber nur gut 382.000 Tests; neuere Daten liegen nicht vor. Damit wurde die Kapazität nicht einmal zu 40 Prozent genutzt, wie mein Kollege Claus Hecking berichtet. Und die Bundesregierung hat anscheinend noch immer keinen Plan, wie sie die Testmöglichkeiten nutzen will.

"Es ist falsch, die Testkapazitäten ungenutzt zu lassen", sagt der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach dem SPIEGEL. "Gerade jetzt in dieser kritischen Phase, wo wir viele Lockerungen zulassen, müssen wir mehr testen. Auch der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit setzt sich für mehr Tests ein. "Es gibt viele Möglichkeiten, die ungenutzten Kapazitäten sinnvoll einzusetzen. Schlachthöfe etwa sind Corona-Hotspots, deren Mitarbeiter sollte man jetzt bundesweit durchtesten. Und natürlich ist es sinnvoll, Pflegepersonal in Krankenhäusern oder Altenheimen immer wieder durchzutesten." Ein Hauptgrund für die brachliegenden Ressourcen ist offenbar ein Streit ums Geld.

Geldsorgen treiben auch Bar- und Klubbesitzer um, die - wenn es schlecht für sie läuft - noch besonders lange auf Lockerungen werden warten müssen. Über die wirtschaftlichen Nöte der Branche und ihre Rolle bei der Verbreitung des Virus, haben meine Kollegen Alexander Preker und Janne Kieselbach geschrieben.

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Covid-19 in weltweiten Zahlen

  • Bestätigte Fälle: 4.379.973

  • Todesfälle: 298.185

  • Von der Krankheit genesen: 1.564.226

  • Deutschland: 172.239 bestätigte Erkrankte, 150.300 Genesene (geschätzt), 7723 Todesfälle

Quellen: CSSE / Johns Hopkins University , Stand: 14. Mai 2020, 15:32 Uhr; Robert Koch-Institut, Stand: 14. Mai 2020, 8:00 Uhr

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Ihr Kurt Stukenberg

Was Sie über das Virus wissen müssen

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