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SPIEGEL

Frank Thadeusz

Frühe Diäten Alles Essig!

Liebe Leserin, lieber Leser, 

sollten Sie auch mit der Lockdown-Plauze hadern, die Sie sich in den zurückliegenden Wochen zugelegt haben, dann seien Sie beruhigt: Sie sind nicht allein! Rund zwei Kilogramm zusätzlich hat jeder von uns seit Ausbruch der Corona-Pandemie auf den Rippen, wie österreichische Forscher herausgefunden haben.

Die kollektive Gewichtszunahme befördert natürlich allerlei krause Ideen, wie sich die überschüssigen Pfunde wieder beseitigen ließen. Dabei hilft womöglich ein Blick in die Geschichte, um zu erkennen, auf wie verhängnisvolle Weise wir uns schon seit Langem vom gängigen Schlankheitsideal traktieren lassen.

Ein Forscherteam aus Kanada und Peru hat soeben einen ominösen Diätboom rekonstruiert , der im Frankreich des 18. Jahrhundert um sich griff. Am Anfang steht der Fall von Mademoiselle Lapaneterie – ein Mädchen aus gutem Hause und von kräftiger Statur. Das propere Geschöpf grämte sich wegen seiner allzu roten Gesichtsfarbe. So fürchtete Mademoiselle Lapaneterie, man könnte sie wegen ihrer leuchtenden Wangen fälschlicherweise für eine Weintrinkerin halten. Und so nahm das Schicksal seinen Lauf. Dem Ratschlag einer Frau folgend, trank die Übergewichtige nun täglich ein kleines Glas Essig – und der Erfolg stellte sich vermeintlich ein. Mademoiselle Lapaneterie verlor Gewicht, ihre Gesichtsfarbe wurde merklich fahler. Nach gut einem Monat dann jedoch der Schock: Die junge Frau starb.

In Zeiten des Internets hätte sich die Kunde dieses grausigen Falles womöglich rasch verbreitet. Nicht so im Frankreich der 1730er Jahre, im Gegenteil: Hartnäckig hielt sich das Gerücht, dass die Essigkur zur Gewichtsabnahme führt (was sich auf fatale Weise ja auch bewahrheitete). In mindestens einem weiteren Fall führte der regelmäßige Genuss des sauren Trunks damals zum Exitus einer jungen Frau. Bis heute hat sich der unbewiesene Glaube erhalten, Essig könne zu einer schlanken Figur beitragen. Diverse Schönheiten aus Hollywood schwören auf eine – immerhin abgeschwächte, nicht letale Mischung aus Apfel-Cidre und Essig – um in Form zu bleiben.

Vielleicht taugt in dieser Hinsicht doch eher ein anderes Beispiel aus der Vergangenheit zur Nachahmung: Der Herrscher Dionysios von Herakleia (geboren um 360 v. Chr.) war ein legendärer Vielfrass und spektakulär fett. Aus Scham über die eigene Erscheinung mochte der Fleischklops nur noch auf ungewöhnliche Weise mit seinen Untertanen konferieren: Er verbarg seinen Leib in einem mannshohen Turm, aus dem nur der Kopf herauslugte.

In diesem Sinne: viel Vergnügen beim Turmbau am Wochenende!

Herzlich  

Ihr Frank Thadeusz 

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract 

Meine Leseempfehlungen in dieser Woche: 

  • Geht es Ihnen auch so: Kaum hustet jemand, verspüren Sie ein Kratzen im Hals? Doch Obacht! Mitunter kann die Ursache für Schluckbeschwerden  weit gruseliger sein als wir annehmen.

  • Historiker müssen reichlich Mühe aufwenden, um in jahrelanger Kleinstarbeit in Archiven die Eigenschaften früherer Persönlichkeiten zu rekonstruieren. Doch der Mensch der Gegenwart ist ein offenes Buch. Die Auswertung eines durchschnittlichen Smartphones erlaubt eine tiefgehende Charakterstudie über dessen Besitzer, wie diese Studie mit deutscher Beteiligung belegt. 

  • Falls es schon immer Ihr Kindheitstraum war, ein Ritter zu sein: Meine Kollegin Ruth Hoffmann hat aufgeschrieben, wie beschwerlich das Tragen einer eisernen Rüstung einst gewesen sein muss.

  • Die faszinierende Geschichte von Peter Lax , einem inzwischen 94-jährigen Mathematiker, der kaum 20-jährig am Manhattan-Project mitarbeitete – der Entwicklung der ersten amerikanischen Atombombe. 

  • Vorher – Nachher – das ist ein beliebtes Motiv bei Prominenten, um die Erfolge einer Abmagerungskur zu dokumentieren. Schockierender wird es jedoch, wenn die fatalen Auswirkungen einer Drogenkarriere  gezeigt werden.

Quiz*

1.  Wie heißt die kleinste bekannte Haiart?

a. Zigarrenhai

b. Zwerglaternenhai

c. Gemeiner Teppichhai.

2. In welchem der folgenden Filme spielt nicht ein Hai die Hauptrolle?

a. Mako, die Bestie

b. Der alte Mann und das Meer

c. Ein toter Taucher nimmt kein Gold

3. Kann ein Hai weiter hören, sehen oder riechen?

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche 

Foto: South West News Service Ltd/ action press

Schweifstern trifft Steinzeitmonument – hier taucht am frühen Montagmorgen der Komet »Neowise« über Stonehenge im Süden Englands auf. Der prachtvolle ­Himmelskörper, der vermutlich noch aus der Frühzeit des Sonnensystems stammt, kam der Erde zuletzt um 2470 v. Chr. nahe, nur wenige Hundert Jahre nach ­Errichtung des neolithischen Bauwerks. In rund 6800 Jahren soll »Neowise« zurückkehren, der derzeit auch über dem Himmel von Deutschland zu sehen ist. 

SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft 

  • Umwelt : Zaubergarten am Meeresgrund - Tauchexpedition zu einem neu entdeckten Felsriff in der Nordsee

  • Kriminalistik : Können Tatorthunde wirklich helfen, einen rätselhaften Mordfall aufzuklären?

  • Psychologie : Warum die "QAnon"-Bewegung so starken Zulauf hat - Anatomie eines irrwitzigen Verschwörungsglaubens

  • Protokoll : Ein Wiener Chirurg berichtet über die Lungentransplantation bei einer jungen Covid-19-Patientin

*Quizantworten  
1. Der Zwerglaternenhai ist mit einer Größe von 16 bis 20 Zentimetern der kleinste unter den Beißern. Der Zigarrenhai ist mit 50 Zentimetern nur unwesentlich größer. Der gemeine Teppichhai bringt es immerhin durchschnittlich auf etwa 1,80 Meter Länge.

2. In dem Film Der alte Mann und das Meer von 1958, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Ernest Hemingway, spielt ein Marlin (Speerfisch) die tierische Hauptrolle.

3. Haie können etwa 100 Meter weit sehen und riechen, aber etwa 1000 Meter weit hören.

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