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Hirnsimulator: Wie der Geist im Rechner entstehen soll

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Neuro-Forschung Angst vor der allmächtigen Gehirn-Kopie

Forscher wollen intelligente Supercomputer nach dem Vorbild des menschlichen Gehirns bauen. Niemand weiß, ob das teure Vorhaben je gelingt - aber ein Erfolg könnte schlimmere Folgen für die Menschheit haben als ein Scheitern.
Von Thomas Grüter

Schon im Jahre 1993 orakelte der Science-Fiction-Autor Vernor Vinge: "Innerhalb von 30 Jahren [also bis 2023] werden wir die technischen Mittel haben, eine übermenschliche Intelligenz zu schaffen. Kurze Zeit später wird die Ära der Menschen zu Ende gehen."

Davon unbeeindruckt haben sich gleich mehrere Forschergruppen der Aufgabe verschrieben, das menschliche Gehirn im Computer zu simulieren. Zumindest zwei davon wollen diese gigantische Aufgabe schon in wenigen Jahren bewältigt haben. Beide Projektleiter treten so großspurig und charismatisch auf, dass man sich unwillkürlich fragt, ob sie nun Genies oder Scharlatane sind.

Der südafrikanische Neurowissenschaftler Henry Markram hat zusammen mit anderen europäischen Wissenschaftlern das Human Brain Project aus der Taufe gehoben. Die Kooperation bewirbt sich um Fördergelder aus der FET-Flagship-Initiative der EU, insgesamt bis zu einer Milliarde Euro, verteilt auf zehn Jahre. 2023 soll das virtuelle Menschenhirn fertig sein.

So ehrgeizig das Vorhaben auch ist, es steht keineswegs allein. Die Cognitive Computing Group des Computerkonzerns IBM unter Dharmendra Modha kündigte an, in Kooperation mit verschiedenen amerikanischen Universitäten ein System zu entwickeln, das ähnliche kognitive Fähigkeiten besitzt wie das menschliche Gehirn.

Modhas Arbeitsgruppe verkündete 2009 die erfolgreiche Entwicklung eines Kortexsimulators (Kortex=Hirnrinde): "Die Simulationen überstiegen die Größenordnung eines Katzenkortex und bezeichnen den Beginn einer neuen Ära bei der Größenordnung von kortikalen Simulationen." Die Sache mit dem Katzenhirn war freilich übertrieben. Als Schaltelemente benutzte die Simulation lediglich stark vereinfachte Nachbildungen von Nervenzellen. Modha selbst spricht von einem "biologisch inspirierten" Modell.

"Projekte, die ins Blaue schießen"

Henry Markram war von den vollmundigen Ankündigungen seines Konkurrenten gar nicht angetan und warf Modha in einem Brief Betrug an der Öffentlichkeit vor. Er selbst ist aber um große Worte auch nicht verlegen, besonders seit er intensiv um Fördererung in Höhe von einer Milliarde durch die EU wirbt. In einem Interview mit dem renommierten Wissenschaftsjournal "Science"  bekräftigte er kürzlich noch einmal seine Überzeugung, innerhalb von zehn Jahren ein Menschengehirn simulieren zu können, wenn seine Arbeitsgruppe die beantragte Milliarde Euro bekommt. Wörtlich sagte er:

" Es ist machbar, ein Computerprogramm zur Hirnerstellung zu schreiben, das prinzipiell in der Lage ist, ein [Computermodell von einem] Gehirn zu erstellen. Ich glaube, es ist möglich, einen ersten Entwurf eines vereinheitlichten Modells des menschlichen Gehirns zu generieren. Ein vereinheitlichtes Modell ist kein vollständiges Modell, sondern ein Modell, in das unser Wissen einfließt. "

Wenn man diese Sätze aller diplomatischer Floskeln entkleidet, heißt das in etwa: "Gebt uns das Geld und wir werden ein Modell des menschlichen Gehirns bauen, so gut wir es eben verstehen." Längst nicht alle Wissenschaftler sind davon überzeugt, dass eine Milliarde Euro für dieses schwammig formulierte Ziel gut angelegt sind. "Es ist ungeheuerlich, für Projekte, die ins Blaue schießen, Hunderte von Millionen auszugeben", beklagten beispielsweise die Hirnforscher Rodney Douglas, Kevan Martin und Richard Hahnloser von der ETH und der Universität Zürich. Markrams eigenwilliger Ansatz erscheint vielen seiner Kollegen als geradezu grotesk umständlich und detailversessen.

Ist Maschinengeist ein Mensch?

Aber nehmen wir einmal an, das Werk gelingt, und ein Großcomputer bildet tatsächlich ein menschliches Gehirn nach. Die Mensch-Simulation würde dann unbedingt behaupten, ein bewusstes Individuum zu sein. Demzufolge müsste man sich Gedanken darüber machen, ob ein solches Kunstgehirn Rechte hat. Es würde sich als Mensch fühlen, Schmerz empfinden können, Ziele haben, ein Leben führen wollen.

Markram will bei seiner Simulation Geisteskrankheiten erzeugen oder die Entstehung von Alzheimer nachstellen. Dürfte er das Maschinengehirn überhaupt vorsätzlich krank machen, oder wäre das ethisch nicht vertretbar? Möglicherweise wäre eine solche Simulation sogar rechtlich gesehen ein Mensch und hätte Anspruch auf eine Ausbildung, auf eine bezahlte Stelle, auf Sozialhilfe. Eine gelungene Gehirnsimulation hätte natürlich noch einen anderen Aspekt: Wenn man das menschliche Nervensystem genau genug kennt, um es zu simulieren, könnten defekte Bereiche auch direkt durch Computerchips unterstützt oder ersetzt werden.

Vielleicht ist es eines Tages möglich, immer mehr Teile des Gehirns durch Chips zu ersetzen, bis das Bewusstsein schließlich komplett in einen Computer übergeht. Auf diese Weise könnte jemand tatsächlich seinen biologischen Tod überleben. Dies wirft weitere Fragen auf: Würden die Erben eines virtuell Unsterblichen leer ausgehen, oder wäre ein solcher Maschinengeist rechtlich gesehen kein Mensch und könnte deshalb keinerlei Rechte geltend machen?

Man darf davon ausgehen, dass die Computergehirne alles tun würden, um ihre Unsterblichkeit zu sichern. Sie würden also eventuell gegen die Menschen um die Macht über Rohstoffe und Energiequellen kämpfen. Vernor Vinges pessimistische Prognose könnte realistischer sein, als man dies auf den ersten Blick erwartet hätte.

Manche Forscher halten auch die Übertragung eines Menschenhirns in den Computer für denkbar. Allerdings sind ihre Vorstellungen wohl nicht nur rein wissenschaftlicher Natur. Pattie Maes, eine Expertin für Künstliche Intelligenz, hielt 1993 einen Vortrag über dieses Thema. Sie hatte so viele Leute wie möglich gesucht, die öffentlich die Möglichkeit der Übertragung des eigenen Bewusstseins auf Silizium vorhergesagt hatten und die Daten ihrer Vorhersagen mit ihrem Lebensalter verglichen. Und siehe da: Fast alle erwarteten den technischen Durchbruch für den Zeitpunkt, wenn sie selber 70 Jahre alt sein würden. Genau das richtige Jahr für den Beginn der elektronischen Unsterblichkeit!


Thomas Grüter ist Autor des Buchs "Klüger als wir? Auf dem Weg zur Hyperintelligenz" 

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