Diskussion um Gefahren Nanopartikel verändern Eisenaufnahme im Darm

Wie gefährlich sind Nanopartikel? Eine simple Antwort auf diese Frage ist nicht möglich. Forscher haben nun aber herausgefunden, dass Mini-Teilchen aus einem bestimmten Kunststoff das Verdauungssystem beeinflussen können.

Nanopartikel (hier: Eisenoxid): "Parallel dazu gleich die Risikoforschung betrieben"
ddp

Nanopartikel (hier: Eisenoxid): "Parallel dazu gleich die Risikoforschung betrieben"


Berlin - Glaubt man ihren Anhängern, dann sind Nanopartikel eine ungemein praktische Angelegenheit: Nanosilber wird dank seiner antimikrobiellen Eigenschaften immer öfter in Textilien, Wandanstrichen oder Haushaltsgeräten wie Kühlschränken verwendet. Strukturelemente aus Siliziumdioxid machen Outdoor-Textilien schmutzabweisend. Und so weiter.

Doch glaubt man den Gegnern, dann haben die Innovationen auch eine Kehrseite - es geht um mögliche Gefährdungen für Mensch, Tier und Umwelt. "Ideal wäre: Ein Produkt wird entwickelt und parallel dazu gleich die Risikoforschung betrieben", sagt Jan Beringer von den Hohenstein Instituten für Textilinnovation in Bönnigheim.

Das ist jedoch nicht der Fall: Nanotechnologie taugt immer wieder als Aufregerthema. Die Erforschung von möglichen Risiken und Nebenwirkungen hinkt der Vermarktung der Produkte stark hinterher. Zu den möglichen Risiken und Auswirkungen gibt es mittlerweile eine Vielzahl von Studien. "Sie beziehen sich jedoch jeweils nur auf ganz spezifische Produkte. Damit sind ihre Ergebnisse nur eingeschränkt übertragbar", beklagt Beringer.

Als einen solchen Mosaikstein muss man auch die Ergebnisse sehen, von denen Forscher um Michael L. Shuler von der Cornell University in Ithaca (US-Bundestaat New York) nun im Fachblatt "Nature Nanotechnology" berichten. Nanopartikel aus einem bestimmten Kunststoff können demnach - durch den Mund aufgenommen - die Aufnahme von Eisen im Magen-Darm-System stören.

Polystyrol-Partikel in Zellkulturen und im Tierversuch

Das Team verwendete für seine Experimente spezielle 50 Nanometer große Partikel aus Polystyrol. Ein Nanometer entspricht einem Millionstel Millimeter. Der verwendete Kunststoff kommt beispielsweise in Lebensmittelverpackungen zum Einsatz. Nach Angaben der Wissenschaftler gilt der Stoff als ungiftig für den Körper.

Die Forscher testeten die Partikel an Kulturen aus menschlichen Zellen, die den Darm auskleiden. Eine hohe Dosis der Nanoteilchen führte den Angaben zufolge an den Zellkulturen zu einem gesteigerten Eisentransport, weil die Zellmembran beeinflusst wurde. Bei Hühnern zeigten sich Unterschiede in der Eisenaufnahme, je nachdem ob sie über mehrere Wochen Nanopartikel gefüttert (chronisch) oder sie einmalig direkt in den Dünndarm verabreicht bekamen (akut).

Bei der akuten Gabe war die Eisenaufnahme durch den Darm geringer als bei Hühnern, die keine oder über mehrere Wochen Nanopartikelchen erhalten hatten. Jene Vögel, die über einen längeren Zeitraum Polystyrol-Teilchen aufnahmen, hatten Veränderungen an der Darmschleimhaut. Diese hätten die Oberfläche für die potentielle Eisenaufnahme im Darm vergrößert, schreiben die Autoren.

Die Forscher betonen jedoch, dass weitere Studien notwendig sind, um Schlüsse zur Wirkung von Nanopartikeln ziehen zu können. In ihrem Papier verweisen sie aber auch darauf, dass bereits jetzt jeder durchschnittliche Bewohner eines Industrielandes pro Tag mindestens 1.000.000.000.000 Mini-Partikel über die Nahrung zu sich nimmt, wo sie zum Beispiel in als Rieselhilfe und Stabilisatoren eingesetzt werden.

chs/dpa

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