Drogenanalyse im Abwasser »In der Pandemie nahm der Konsum von Ecstasy ab – der von Kokain zu«

Nahezu in Echtzeit kann die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht über Abwasserproben die Hotspots des Betäubungsmittelkonsums verfolgen. Nun ist der neue Bericht erschienen.
Ein Interview von Hilmar Schmundt
Kokain: »Mittlerweile sehen wir Kokainrückstände viel stärker auch in Osteuropa und im Norden«

Kokain: »Mittlerweile sehen wir Kokainrückstände viel stärker auch in Osteuropa und im Norden«

Foto: Dmitry Volochek / iStockphoto / Getty Images

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SPIEGEL: Herr Matias, gerade ist der Bericht »Abwasseranalyse und Drogen« der europäischen Drogen- und Suchtbeobachtungsstelle mit Sitz in Lissabon erschienen. Was sind die Ergebnisse?

Matias: Der Bericht ist der umfangreichste seiner Art, wir haben Daten aus 75 Städten in 25 europäischen Ländern. Was wir ganz klar erkennen können: In der Pandemie ging der Konsum von Ecstasy (MDMA) zurück, der von Kokain dagegen nahm zu, genau wie die Nutzung aller anderen untersuchten Drogen.

SPIEGEL: Wie lassen sich diese gegenläufigen Trends erklären?

Matias: Ecstasy ist eine sogenannte Partydroge, die man eigentlich nicht allein nimmt, sondern eher in Klubs oder auf Festivals, mit lauter Musik. Das fiel in der Pandemie weitgehend aus. Kokain dagegen wird wohl auch gerne im kleineren Kreis konsumiert, auch während der Lockdowns. Die Wirkung der beiden Drogen ist anscheinend unterschiedlich, obwohl es sich bei beiden um Stimulanzien handelt.

SPIEGEL: Gelten Ihre Beobachtungen für ganz Europa gleichermaßen?

Matias: Ja, auch das war überraschend. Neuerdings sehen wir alle Drogen in fast allen Städten. Das war früher nicht so, da gab es stärkere regionale Unterschiede. Kokain zum Beispiel konnten wir früher vor allem in Süd- und Westeuropa nachweisen. Mittlerweile sehen wir Kokainrückstände viel stärker auch in Osteuropa und im Norden, zum Beispiel im Baltikum. Auch Methamphetamin hat den Kontinent erobert, anfänglich war es vor allem in Tschechien und der Slowakei konzentriert, nun findet man es in Städten in ganz Europa, wenn auch in niedrigeren Konzentrationen.

SPIEGEL: Seit elf Jahren erstellt die Beobachtungsstelle ihre Abwasserberichte zu Drogenfunden. Wie zuverlässig sind diese Analysen überhaupt? Die Kloake wird ja durch viele Faktoren beeinflusst: Temperatur, Fließgeschwindigkeit, Regenwasser.

Matias: Klar, die Abwassermethode hat Vor- und Nachteile. Die Vorteile liegen einfach darin, dass wir den wahren Drogenkonsum fast in Echtzeit beobachten können. Wir können ganz klar erkennen, dass bei Kokain oder Ecstasy der Konsum am Wochenende in die Höhe geht, es handelt sich also um Freizeitdrogen. Ganz anders ist es zum Beispiel bei Amphetamin, Methamphetamin und Cannabis, da bleiben die Abwasserwerte über die Woche stabil. Die Leute nehmen diese Drogen also anscheinend gleichmäßig über die Woche verteilt, um einfach durch den Alltag zu kommen, nicht um zu feiern.

SPIEGEL: Gibt es weitere Vorteile bei der Abwasseranalyse?

Matias: Ja, wir können das volle Spektrum der Drogen erkennen. Bei Umfragen weiß man schließlich nie, ob die Befragten die Wahrheit sagen, ob sie überhaupt so genau wissen, was sie schlucken, oder ob sie zum Beispiel nur den Straßennamen ihrer Droge kennen und vielleicht nicht die offizielle Bezeichnung auf dem Fragebogen.

SPIEGEL: Und die Nachteile?

Matias: Wir nehmen nur kollektive Abwasserproben, wir wissen also gar nicht, ob wenige Menschen viel einnehmen oder ob der Konsum gleichmäßig verteilt ist. Und wenn zum Beispiel ein Drogenkartell aus Angst vor einer Razzia Drogen ins Klo spült, verfälscht das die Werte natürlich. Das berücksichtigen wir dann in der Analyse. Oder wenn ein Musikfestival mit vielen Besuchern aus dem ganzen Land in einer Stadt läuft, dann kann das die Werte in die Höhe treiben, auch das müssen wir wieder herausrechnen. Oder wir verzichten gleich auf eine Probe, die zu diesen Zeitpunkten genommen worden ist.

SPIEGEL: Lassen sich alle Drogen gleich gut feststellen?

Matias: Nein. Ich kann zum Beispiel nicht nachweisen, wie eine Droge genommen wurde, ob sie geschnupft, geraucht oder gespritzt wurde. Und Heroin ist schwer zu analysieren.

SPIEGEL: Warum ausgerechnet Heroin, der Inbegriff der gefährlichen Droge?

Matias: Nun, Heroin wird im Körper abgebaut zu einem anderen Stoffwechselprodukt, zu Morphin. Morphin ist aber gleichzeitig auch ein legales Medikament. Es ist nicht einfach, das Morphin aus legitimen Heilanwendungen vom Morphin aus Heroinnutzung zu unterscheiden. Daher taucht Heroin in unserer Tabelle auch nicht auf.

SPIEGEL: Taugt Ihr Abwassermonitoring auch zur Früherkennung von neuartigen Drogen, sogenannten New Psychoactive Substances (NPS), etwa sogenannte Badesalze?

Matias: Zum einen sind die Spuren davon naturgemäß extrem gering, weil das noch so neu ist. Zum anderen funktioniert der Abgleich mit den Umfragen oft nicht, weil die User einfach den Namen der neuen Drogen noch gar nicht so richtig kennen.

SPIEGEL: Wieso ist Berlin in keiner der Kategorien unter den Drogenmetropolen vertreten? Ist die Partymetropole nüchterner als gedacht?

Matias: Dass Berlin nicht in unserer Liste auftaucht, liegt daran, dass wir von dort keine Proben haben. Das könnte am mangelnden Interesse der Forschenden vor Ort liegen. Die letzten Abwasserdaten aus Berlin stammen aus dem Jahr 2018. Das ist schade. Ich hoffe, dass wir nächstes Jahr wieder frische Datensätze bekommen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, dass João Matias 48 Jahre alt sei. Er ist aber 39 Jahre alt. Wir haben das korrigiert.

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