Drogenmissbrauch in USA Schmerzmittelsucht wird zur Epidemie

In den USA nimmt der Missbrauch von verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln so stark zu, dass die Behörden von einer Epidemie sprechen. Tausende Menschen sterben - ihre Zahl hat sich in zehn Jahren mehr als verdreifacht.

Schmerzmittel: Fünf Prozent der Amerikaner über zwölf Jahre räumen Missbrauch ein
Corbis

Schmerzmittel: Fünf Prozent der Amerikaner über zwölf Jahre räumen Missbrauch ein

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In den USA kommt es immer häufiger zum Missbrauch verschreibungspflichtiger Arzneien. Das Center for Disease Control and Prevention (CDC) spricht in einem aktuellen Bericht nun von einer Epidemie. Vor allem Opioide, die besonders wirksam Schmerzen lindern, aber auch euphorisierend wirken, werden demnach oft konsumiert: Während 1997 noch 74 Milligramm pro Person verschrieben wurden, waren es 2007 schon 369 Milligramm - ein Anstieg um mehr als 400 Prozent.

Besondere Sorge bereitet den amerikanischen Gesundheitswächtern, dass sich auch die Zahl der Todesfälle in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdreifacht hat. Vicodin, Methadon oder Oxycodon trugen demnach 2008 zum Tod von annähernd 15.000 Menschen bei, 1999 waren es etwa 4000. Die meisten Fälle von tödlichen Überdosen gab es bei Männern und Erwachsenen mittleren Alters. Beinahe fünf Prozent der Amerikaner über zwölf Jahren gaben an, verschreibungspflichtige Schmerzmittel missbraucht zu haben.

"Pillen wie Bonbons"

Opioide umfassen eine große Gruppe von Medikamenten, zu der bekannte Drogen wie Heroin und Methadon zählen, aber auch Schmerzmittel wie Morphin, Tramadol und Tilidin. Ihre Wirkung entfalten Opioide im ganzen Körper, insbesondere im Gehirn: Über sogenannte Opioid-Rezeptoren hemmen sie Schmerzen, unterdrücken die Atmungsaktivität und machen müde. Vor allem in der Schmerztherapie sind sie daher unverzichtbare Medikamente, die vielen Menschen zuverlässig helfen.

Allerdings lösen viele der Substanzen auch Ängste und wirken euphorisierend - zwei wichtige Mechanismen, derentwegen die Mittel so häufig missbraucht werden. Das Problem: Je häufiger die Mittel geschluckt werden, desto stärker gewöhnt sich der Körper an die Droge und braucht immer mehr davon. Gleichzeitig droht bei Überdosierung eine lebensgefährliche Vergiftung: Sauerstoffmangel, verengte Pupillen und Koma sind die typischen Symptome, bei denen sofort ein Notarzt gerufen werden sollte. Der muss vor allem einen Atemstillstand verhindern.

"Täglich kommen 5500 Menschen zur Gruppe derer hinzu, die Schmerzmittel missbrauchen", sagt Pamela Hyde, Leiterin der Substance Abuse and Mental Health Services Administration. 70 Prozent aller Nutzer haben die Medikamente dem CDC-Report zufolge von Freunden oder Verwandten bekommen und nur fünf Prozent von Drogendealern oder aus dem Internet.

In den USA ist das Problem auch von anderen verschreibungspflichtigen Medikamenten bekannt. So werden etwa Antidepressiva immer häufiger verschrieben. In Deutschland halten Ärzte diese Entwicklung für gefährlich, die Berliner Psychiaterin Isabella Heuser etwa warnt davor, "Pillen wie Bonbons" zu verteilen.

Strafen für deutsche Ärzte und Apotheker

Doch auch in Deutschland werden verschreibungspflichtige Opoide missbraucht. So war die Hälfte aller ambulant betreuten Suchtpatienten 2009 abhängig von Opioiden, wie die Deutsche Suchthilfestatistik (DSHS) offenbart. Allerdings nimmt das Problem hierzulande nicht zu wie in den USA. In einem Bericht der deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht von 2010 heißt es: "Beim Konsum von Amphetaminen, Opioiden und Kokain zeigen sich seit 2003 bzw. sogar seit 1997 und 1995 keine statistisch signifikanten Veränderungen bezogen auf den gegenwärtigen Konsum."

Der Grund dafür: Opioide unterliegen in Deutschland dem Betäubungsmittelgesetz. Das hat zur Folge, dass Einfuhr und Ausfuhr, Abgabe und Erwerb und ärztliche Verschreibungen vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) überwacht werden. Wer in Deutschland etwa das hochwirksame Morphin braucht, der muss sich von seinem Arzt ein spezielles Rezept holen. Sowohl Arzt als auch Apotheker müssen die Verschreibung und die Ausgabe dokumentieren. "Ein rechtswidriges Verhalten von Ärzten und Apothekern bei der Verschreibung oder Abgabe von Betäubungsmitteln nach dem Betäubungsmittelgesetz wird mit hohen Strafen geahndet", sagte Peter Cremer-Schaeffer, Leiter der Bundesopiumstelle am BfArM, SPIEGEL ONLINE.

Verlässliche Zahlen zum Missbrauch verschriebener Opiate liegen dem BfArM allerdings nicht vor. "Veränderungen im Verschreibungsverhalten und beim Verbrauch von Opiaten werden beobachtet, um möglichen Fehlentwicklungen entgegenwirken zu können", so Cremer-Schaeffer.

Die USA wollen nun mit einem Strategieplan gegen die Epidemie vorgehen: Die Aufklärung soll ausgebaut, die Überwachung verbessert, die Abgabe dokumentiert werden. Die Zeit drängt dabei: Verschreibungspflichtige Medikamente verursachen dem Bericht zufolge das am schnellsten wachsende Drogenproblem der USA - nur Marihuana wird noch häufiger konsumiert.

Mit Material von dapd

insgesamt 51 Beiträge
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texas_star 02.11.2011
1. ich finde...
... "tramadol" fuer langstreckenfluege ganz gut. macht schoen gleichgueltig, muede und gluecklich ;) alles eine frage der dosierung halt ;) aber an irgendwas werden sich die leute immer bedroehnen. ob gras, kokain, heroin, alkohol, medikamente... ganz verhindern laesst sich das nicht.
PeteLustig, 02.11.2011
2. .
Dass insbesondere Wohlhabende der Schmerztablettensucht anheim fallen, wundert mich überhaupt nicht mehr. Die regelmäßigen Schönheitsoperationen und Zahnkorrekturen führen zur häufigen Verschreibung und letztendlich zur Gewöhnung, das Absetzen zu Entzugserscheinungen und anschließend zur Sucht.
homeuser 02.11.2011
3. Ursache: Doppelmoral in den USA
Die Ursache dieses Problems ist eine gefährliche Doppelmoral in den USA: Einerseits wird (erfolglos) seit Jahrzehnten der sogenannte "War on Drugs" gekämpft, dessen Prinzip es ist auch "Weiche Drogen" wie ein Tütchen Gras mit drakonischen Strafen für die Konsumenten zu belegen. Auf der anderen Seite kann man sich, wie im Artikel zu lesen ist, schwere Schmerzmittel die z.T. deutlich potenter sind als Heroin, relativ problemlos und in einer rechtlichen Grauzone quasi legal aus dem Internet bestellen oder anderswo erwerben. In Deutschland ist das extrem ein Anderes: Die Angst vor Medikamentenmissbrauch und Abhängigkeit ist so hoch, dass ich mehrere Personen kenne die nach einer Kiefer-OP (Komplexe Entfernung der Weisheitszähne mit Komplikationen) die rezeptfrei erhältlichen Ibuprofen vom Arzt mitbekamen - die helfen dann allerdings höchstens bei leichten bis mittleren Schmerzen. Ergebnis war dass einige der Betroffenen weil sie es nachts nicht aushielten und z.T. vor Schmerz schrien in die Notaufnahme des Krankenhauses fahren mussten um dann endlich mal ein wirksames Schmerzmittel zu erhalten. Ich finde beide Extreme - USA wie auch Deutschland, einfach nur krank!
Growling Mad Scientist 02.11.2011
4. das Recht auf Rausch
ja, wenn alle anderen Rauschmittel verboten sind, greift man ebend zu dem was man einfachsten bekommen kann ohne sich strafbar zu machen wenn Mann oder Frau mal wieder High sein will. Wieder ein Beweis für 100 Jahre absolut falsch gestaltete Drogenpolitik.
gertpablo 02.11.2011
5. Das hat ja auch was für sich
Schmerzmittel Mißbrauch und dann tot? Na ja, wenigstens hatten sie keine Schmerzen mehr! Dummheit kann eben tödlich sein! Aloha
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