Studie in München Dunkelziffer bei Corona-Infektionen hat sich halbiert

Weil viele Menschen kaum etwas von ihrer Corona-Infektion bemerken, bleiben Fälle unentdeckt. Nun zeigt eine groß angelegte Studie aus München: Im Sommer wurden die gemeldeten Infektionszahlen deutlich zuverlässiger.
München: Laut ersten Schätzungen haben sich seit Beginn der Pandemie etwas mehr als drei Prozent der Münchner angesteckt

München: Laut ersten Schätzungen haben sich seit Beginn der Pandemie etwas mehr als drei Prozent der Münchner angesteckt

Foto: Sachelle Babbar / ZUMA Wire / imago images

Über den Sommer hinweg wurden Corona-Infektionen deutlich zuverlässiger erfasst als noch im Frühjahr. Das ist das Zwischenergebnis einer groß angelegten Antikörperstudie  des Tropeninstituts am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und des Helmholtz Zentrum München, an der mehr als 5300 Münchnerinnen und Münchner über 14 Jahren teilnehmen.

Demnach wurde zwischen Juni und Herbst schätzungsweise jede zweite Infektion mit dem Coronavirus erfasst. In den Monaten zuvor war es nur jede Vierte. Die Dunkelziffer hat sich also in etwa halbiert.

Doppelt so viele Infektionen wie noch im Juni

Weil viele Infektionen auch ohne oder nur mit milden Symptomen verlaufen, werden wahrscheinlich nicht alle Fälle erfasst. Mithilfe von Antikörpertest können Forschende jedoch prüfen, wie viele Menschen sich in München bislang tatsächlich mit dem neuen Coronavirus infiziert haben, selbst wenn sie nichts von der Infektion bemerkt haben sollten. Diese Dunkelziffer aufzuklären ist wichtig, denn nur so lässt sich feststellen, wie schnell sich das Virus verbreitet und wie gefährlich es ist.

Für die aktuellen Analysen hatten die Forscher die knapp 5300 Studienteilnehmerinnen gebeten, sich mit einem speziell dafür vorgesehenen Testkit einige Tropfen Blut aus dem Finger abzunehmen. Die Proben wurden daraufhin im Labor auf Antikörper untersucht. Mit dem Test lässt sich einige Wochen nach der Infektion feststellen, ob sich die Betroffenen angesteckt haben, selbst wenn sie nichts davon bemerkt haben.

Demnach hatten sich 3,27 Prozent der Studienteilnehmer bis Anfang November infiziert, etwa doppelt so viele wie noch im Juni. In dieser Zeit ist die Zahl der bekannten Fälle jedoch deutlicher gestiegen. Die Forscher schließen daraus, dass ab dem Sommer mehr Infektionen offiziell erfasst wurden.

»Konnten wir in der ersten Welle noch eine Dunkelziffer von ungefähr Faktor 4 unerkannten Infektionen nachweisen, so hat sich diese bis zum Herbst auf nahezu Faktor 2 halbiert«, berichtet das Forschungsteam um Michael Hölscher. »Vergleicht man nur den Anstieg der Infektionen seit Anfang Juni, so ist die Rate der nicht erkannten Infektionen noch deutlicher gesunken.«

Wahrscheinlich hatten die in den Sommermonaten niedrigen Infektionszahlen dafür gesorgt, dass mehr Fälle erkannt und nachverfolgt werden konnten, vermuten die Forscher. Zudem ist die Testkapazität in Deutschland deutlich gestiegen.

Die Studie ist so angelegt, dass sie für München repräsentativ ist und zumindest einen Eindruck geben kann, wie sich das Coronavirus auch in anderen deutschen Großstädten ausgebreitet hat. Laut den nun veröffentlichten Zwischenergebnissen könnten sich mittlerweile etwas mehr als drei Prozent der Münchnerinnen und Münchner angesteckt haben. Eine genauere Hochrechnung soll in den kommenden Wochen veröffentlicht werden.

Dunkelziffer zuletzt wieder gestiegen?

Ob die Dunkelziffer in den vergangenen Wochen wieder deutlich gestiegen ist, sollen weitere Untersuchungen der Studie zeigen. Weil Labors an ihre Belastungsgrenze gerieten, musste das Robert Koch-Institut die Teststrategie Anfang November anpassen. Zuletzt ist auch der Anteil positiver Tests immer weiter gestiegen. Die Infektionszahlen haben neue Höchstwerte erreicht.

Je höher die Infektionszahlen sind – da sind sich Experten einig –, umso schwieriger wird es, möglichst viele Fälle zu erfassen. Allerdings sind seit mittlerweile mehreren Wochen auch Antigen-Schnelltests im Einsatz, die Testkapazitäten noch einmal deutlich aufgestockt haben. Wie sich das auf die Dunkelziffer auswirkt, muss sich in den kommenden Auswertungen der Studie zeigen.

Bundesweit laufen mehrere solcher kurzfristig aufgesetzten repräsentativen Antikörperstudien. Laut einer weiteren Untersuchung vom Helmholtz-Zentrum München hatten sich Minderjährige sechsmal häufiger mit dem Coronavirus infiziert als bekannt. Für die Analyse hatten die Wissenschaftlerinnen 12.000 Blutproben aus Bayern untersucht.

koe
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