Hormonmittel Duogynon Deutsche Opfer planen Strafanzeige wegen Mord

Ist das Hormonmittel Duogynon schuld an Missbildungen bei Kindern, die in den Siebzigern geboren wurden? In Deutschland wollen Betroffene wieder vor Gericht ziehen. Der Pharmakonzern Bayer weist alle Vorwürfe zurück.
Wolf-Dietrich Molzow und Andrè Sommer protestieren vor der Bayer-Hauptversammlung in Köln

Wolf-Dietrich Molzow und Andrè Sommer protestieren vor der Bayer-Hauptversammlung in Köln

Foto: Christof Koepsel/ Getty Images

London/Berlin - Das Hormonpräparat Primodos, in Deutschland Duogynon genannt, steht schon lange in dem Verdacht, bei Kindern schwere Missbildungen verursacht zu haben. Wie im Fall Contergan drängte sich auch bei Duogynon der Zusammenhang zwischen Einnahme des hormonellen Schwangerschaftstests und Missbildungen des zentralen Nervensystems auf. Das Mittel wurde 1981 in Deutschland vom Markt genommen.

Bis heute gelang es den Duogynon-Opfern nicht, den Hersteller Schering, der mittlerweile zu Bayer gehört, zu Gesprächen zu bewegen.

Eine Gruppe Betroffener in Großbritannien meldet nun einen kleinen Erfolg: Am Mittwoch traf die Labour-Abgeordnete Yasmin Qureshi, die die Opfer vertritt, Premier David Cameron. In dem Gespräch  habe sich Cameron dafür ausgesprochen, das Vorgehen der britischen Arzneimittelbehörde  (MHRA) zu bewerten. Auch will Cameron den Fall in den Gesundheitsausschuss bringen und neu aufrollen.

Das jüngste Gespräch in London weckt nun auch bei den deutschen Betroffenen Hoffnungen. Sie verlangen Akteneinsicht, eine Strafanzeige gegen Verantwortliche von Schering ist in Vorbereitung. André Sommer aus dem bayerischen Pfronten ist Gründer der deutschen Interessengruppe.  Seine Mutter hatte 1975 ihre Schwangerschaft mit Duogynon überprüft, er kam mit Missbildungen zur Welt. Seine Blase lag außerhalb des Bauchraums, sein Penis war verkümmert. Viele Operationen musste er ertragen, ein künstlicher Blasenausgang wurde gelegt. Als Kind und Jugendlicher hat Sommer immer versucht, sein Handicap zu verstecken, heute arbeitet der Familienvater als Lehrer und ist Sprecher der deutschen Betroffenen.

Duogynon ist ein Hormonpräparat, das Ärzte bis in die Siebzigerjahre zur Behandlung ausbleibender Monatsblutungen und als Schwangerschaftstest verschrieben haben. Experten sahen schon damals einen Zusammenhang zwischen der Einnahme der Pille und Behinderungen bei Kindern, die mit offenem Rücken oder missgebildeten Organen zur Welt kamen. Bereits 1967 war im Fachmagazin "Nature"  eine Studie erschienen, die diesen Zusammenhang vermutete. Mehr als tausend Fälle soll es in Deutschland gegeben haben.

Schon mehrfach hat Sommer Bayer verklagt, bislang ohne Erfolg. Das LG Berlin entschied etwa im Januar 2011, dass mehr als dreißig Jahre nach dem Schwangerschaftstest der Mutter alle Schadensersatzansprüche verjährt seien. Damit fehle auch einem Anspruch auf Auskunft über Nebenwirkungen die Grundlage.

Warten auf den Prozessbeginn: Duogynon-Opfer im Zuschauerraum des Gerichtssaals im Landgericht Berlin (30.11.2010)

Warten auf den Prozessbeginn: Duogynon-Opfer im Zuschauerraum des Gerichtssaals im Landgericht Berlin (30.11.2010)

Foto: Wolfgang Kumm/ picture alliance / dpa

Eine Mediation wurde von Bayer mehrfach abgelehnt. 2011 wandte sich Hubert Hüppe (CDU), zu dieser Zeit der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, in einem Brief an das Unternehmen:

"Aus meiner Sicht wird nicht angemessen mit den betroffenen Menschen umgegangen, weil sie keine Möglichkeit haben, Einsicht in für die Aufklärung eventuell relevante Unterlagen zu nehmen."

Zwar seien ihm die Rechtslage und auch die Haltung des Unternehmens bekannt, wonach die Akteneinsicht verjährt sei und Bayer keinen kausalen Zusammenhang zwischen Duogynon und den Behinderungen sehe, gleichwohl gebe es seiner Meinung nach

"gute Gründe, die Haltung Ihres Unternehmens in dieser Angelegenheit zu überdenken."

Auch auf der diesjährigen Hauptversammlung richteten wieder zahlreiche Betroffene ihr Wort an den Konzern und baten um Aufklärung - ohne Reaktion.

Schadenspotenzial lange bekannt?

Ende 2010 waren Briefe aus den Jahren von 1967 bis 1969 öffentlich geworden, die Schering in Erklärungsnot brachten. Darin tauschten sich britische Schering-Wissenschaftler mit ihren deutschen Kollegen über schwere Missbildungen bei Kindern und mögliche Risiken von Medikamenten aus.

Die Opfer-Anwälte Jörg Heynemann und Detelf Stoffels kommen nach ihrer Auswertung nun zu dem Ergebnis, dass Verantwortliche von Schering den Tod zahlreicher Menschen billigend in Kauf und das Präparat trotz eindeutiger Hinweise nicht vom Markt nahmen. Rechtlich könnte dies den Tatbestand des Mordes erfüllen. Einen Strafantrag bereiten die Anwälte derzeit vor.

"In Gesprächen könnte Bayer alles erklären und die internen Unterlagen offenlegen", sagt Sommer. Sollte sich klar ergeben, dass es keinen Zusammenhang gibt, sei die Klage für ihn sofort beendet und das Thema erledigt: "Es geht um eine endgültige Aufklärung und Gewissheit für Hunderte Familien."

Vor der Bayer-Hauptversammlung: "Gewissheit für Hunderte Familien"

Vor der Bayer-Hauptversammlung: "Gewissheit für Hunderte Familien"

Foto: Christof Koepsel/ Getty Images

Dagegen erklärt Bayer Pharma, "wir schließen Primodos/Duogynon als Ursache für embryonale Missbildungen aus". Umfangreiche Untersuchungen und Gutachten zur Aufklärung möglicher Ursachen seien in Deutschland, England und in den USA durchgeführt worden, ohne dass sich daraus Hinweise auf einen ursächlichen Zusammenhang ergaben.

"Es sind keine neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse bekannt, die die Gültigkeit der damaligen Bewertung infrage stellen würden, erklärte eine Sprecherin SPIEGEL ONLINE. Ob es dennoch Gespräche mit Betroffenen geben soll, beantwortet sie auch auf mehrfache Rückfrage nicht.