Ehec-Ausbruch Epidemie stellt Experten vor doppeltes Rätsel

Wie verbreiten sich die Ehec-Bakterien, die Hunderte Menschen infiziert haben? Und woher stammt der Erreger? Bisher konnten Forscher diese Fragen nicht klären. Doch nun gibt es womöglich eine neue Spur.
Ehec-Bakterien im Labor: O104:H4-Stämme sind bisher extrem selten aufgetreten

Ehec-Bakterien im Labor: O104:H4-Stämme sind bisher extrem selten aufgetreten

Foto: Matthias Bein/ dpa

Wie es zu dem Ehec-Ausbruch in Norddeutschland kommen konnte, darüber existieren eine Reihe von Vermutungen - und fast täglich kommen neue dazu. Während sich 1526 Menschen mit Ehec angesteckt haben, 627 am lebensgefährlichen Hu-Syndrom erkrankt sind und 21 Menschen an den Folgen der Infektion starben, fehlen bisher eindeutige Antworten dazu, woher der Erreger stammt und wie er sich verbreiten konnte.

Der Idee, dieser spezielle Ehec-Erreger könnte in Biogasanlagen entstanden sein, macht als neueste Vermutung die Runde, nachdem sie der Labormediziner Bernd Schottdorf bei "Welt Online" präsentierte. In den Gärbehältern der Biogasanlagen entstünden Bakterien, die es zuvor noch nie gegeben habe, wird er zitiert. Schottdorf, Gründer von Schottdorf MVZ, dem laut "Welt Online" größten privaten Medizinlabor Europas, fordert, die Biogasanlagen in Deutschland schnell auf mögliche Krankheitserreger zu untersuchen.

Widerlegen lässt sich erst einmal nicht, dass der Bakterienstamm aus einer Biogasanlage stammen könnte, von wo aus er per Dünger auf Felder und Gemüse gelangt wäre. Doch konkrete Hinweise dazu fehlen. Die Bakterien könnten ebenso im Verdauungstrakt eines Wiederkäuers, wo die sogenannten enterohämorrhagischen E.-coli-Bakterien siedeln, zu ihrer momentanen Form gefunden haben. Dass sich in einer Biogasanlage ein Ehec-Bakterienstamm bilden kann, der so niemals im Kuhdarm entstehen würde, ist schlicht unsinnig.

Auch die Theorie, dass Terroristen den Ausbruchsstamm im Labor als Biowaffe gezüchtet hätten, halten Experten für sehr unwahrscheinlich.

Woher genau der Ausbruchsstamm, Serotyp O104:H4, aber nun kommt, können Forscher bisher nicht sagen - und vielleicht auch nie genau beantworten. Als das entzifferte Erbgut des Erregers präsentiert wurde, teilte das Universitätsklinikum Münster immerhin mit, dass es sich bei dem Bakterium nicht um einen völlig neuen Typ handele. Allerdings seien O104:H4-Stämme extrem selten und zwar weltweit. Wie der vormals seltene Erreger nun einen Ausbruch verursacht? Unklar.

Angst vor Bioterror

Noch dringlicher als die Herkunft des Erregers zu ermitteln, ist die Suche nach dem Verbreitungsweg. Doch auch nach mehreren Wochen Suche hat die Fahndung nach der Infektionsquelle nichts Eindeutiges ergeben. Der frühe Erfolg der Hamburger Behörden, auf spanischen Salatgurken Ehec-Bakterien gefunden zu haben, hat sich zum Misserfolg gewandelt: Es waren zwar Ehec-Erreger auf dem Gemüse, aber nicht von dem Stamm, der gerade Patienten krankmacht. Spaniens Obst- und Gemüsehändler wollen gegen die Hamburger Gesundheitsbehörde vor Gericht ziehen. Bei dem Vorwurf, dass das Amt die gesetzliche Sorgfaltspflicht vernachlässigt habe, geht es um Schadensersatz in Millionenhöhe.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung und das Robert Koch-Institut empfehlen weiter, in Norddeutschland auf den Verzehr roher Tomaten, Gurken und Blattsalate zu verzichten. Diese Lebensmittel stehen aufgrund von Patientenbefragungen in Verdacht, Ehec-Keime zu übertragen. Falls das der Fall sein sollte, reicht auch gründliches Abwaschen eventuell nicht aus, um alle Keime zu entfernen - und da die Ehec-Bakterien sehr gut die Reise durch den Magen überstehen, woraufhin sie sich im Darm ansiedeln, kann schon eine kleine Anzahl der Keime krankmachen.

Es sei auch möglich, dass der Erreger absichtlich in Umlauf gebracht werde, meinte der Chefarzt für Hygiene an den Vivantes-Kliniken Berlin, Klaus-Dieter Zastrow. "Es kann durchaus sein, dass ein Schwachkopf unterwegs ist und denkt, ich bringe mal ein paar Leute um oder verpasse 10.000 Leuten Durchfälle." Mit dieser Aussage sorgte der Hygieneexperte international für Aufsehen, so zitiert ihn unter anderem der britische "Daily Telegraph". Laut dem Medium hat das britische Centre for the Protection of National Infrastructure Lebensmittelhersteller und Händler vor Anschlägen gewarnt. Die Unternehmen sollten die Sicherheit in Fabriken und Lagern erhöhen und mögliche Schwachstellen ausfindig machen. "Der Ausbruch in Deutschland zeigt, wie angreifbar Lebensmittelproduktion und -vertrieb für Bioterrorismus sind", zitiert das Blatt den Forscher Richard Byrne vom Harper Adams University College in Shropshire.

Neue Spur in Niedersachsen

Eine neuere Spur auf der Suche nach der Ehec-Quelle führt zu einem Restaurant in Lübeck, mehrere Gäste, die dort Mitte Mai gegessen hatten, steckten sich mit Ehec an, einige von ihnen erkrankten am hämolytisch-urämischen Syndrom (Hus). Der Betreiber erklärte, er beziehe die Waren für dieses und zwei weitere Lübecker Lokale von einem Zwischenhändler aus Mölln, der von einem Großhändler aus Hamburg beliefert werde. Bei einer Untersuchung in seinem Lokal hätten die Behörden nichts gefunden. Von allen seinen Mitarbeitern seien außerdem Stuhlproben genommen worden. Erkrankt sei bislang niemand.

Vielleicht führt dieses Lokal aber doch zur Ehec-Quelle: Niedersachsens Verbraucherschutzminister Gert Lindemann (CDU) will sich am Sonntagabend auf einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz zu neuen Erkenntnissen äußern. Demnach könnten Sprossen die Ursache für die schwere Epidemie sein, erfuhr die Nachrichtenagentur dpa am Sonntag aus Behördenkreisen. Die Erkenntnisse würden als "ziemlich heiße Spur" bewertet, sagte ein Experte. Die neue Spur der Herkunft des Erregers soll in den Kreis Uelzen führen. Sprossen galten auch als Auslöser für eine Ehec-Epidemie, bei der sich 1996 in Japan mehr als 12.000 Menschen infizierten.

Im Vorfeld wurden noch keine Einzelheiten dazu bekannt. Es geht aber offensichtlich um eine Firma in Niedersachsen, die mit den zuletzt in Lübeck aufgetretenen Erkrankungen in Verbindung gebracht werden könnte.

Unabhängig von diesen neuen Erkenntnissen hat es der Ehec-Ausbruch kurzfristig auf die Agenda des EU-Gesundheitsministertreffens an diesem Montag in Luxemburg geschafft. Wenn nötig will zudem EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos kurzfristig ein außerordentliches Treffen der Landwirtschaftsminister einberufen, um über Hilfen für Bauern zu beraten.

Mit Material von dpa und dapd
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