Ehec-Heilversuche Volles Risiko gegen die Zellzerstörer

Warum ist der grassierende Ehec-Keim so aggressiv? Die schlimmen Symptome einer Hus-Erkrankung haben Mediziner überrascht. An einigen Kliniken erproben sie neue Therapien. Das ist riskant - doch oft die letzte Hoffnung für die Betroffenen.

Hus-Patientin auf der Intensivstation: Ehec-Ausbruch hat Mediziner überrascht
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Hus-Patientin auf der Intensivstation: Ehec-Ausbruch hat Mediziner überrascht

Von und Cinthia Briseño


Sprachstörungen, Epilepsien, Krampfanfälle: Der Ehec-Keim, der derzeit in Norddeutschland wütet und für schwere Krankheitsverläufe sorgt, hat Mediziner böse überrascht. Zwar sind sie vertraut mit den jährlichen Ehec-Ausbrüchen, die vor allem in den warmen Sommermonaten stattfinden, weil sich die Keime dann gut vermehren können. Diese Epidemie aber ist anders.

Der Keim, das enterohämorrhagische Escherichia coli-Bakterium, Subtyp O104:H4, ist besonders aggressiv. "Wir beobachten unerwartete Krankheitsverläufe, die wir bisher nicht kannten", sagt Hendrik Lehnert, Direktor der Medizinischen Klinik I des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) in Lübeck.

Der Ausbruchsherd ist weiterhin unbekannt, trotz zahlreicher Indizien gegen einen niedersächsischen Biohof und Funden von Ehec-Erregern in einer Magdeburger Biotonne. Von den derzeit 2648 dem Robert Koch-Institut (RKI) gemeldeten Ehec-Infizierten hat es 689 besonders schwer getroffen. Sie leiden am hämolytisch-urämischen Syndrom (Hus).

Auch dieses ist den Medizinern eigentlich bekannt. 2009 zählte das RKI 65 Hus-Fälle, zwei Jungen im Alter von fünf und sieben Jahren starben daran. Dieses Mal sind besonders häufig erwachsene Frauen vom Hus betroffen, das ist eine der Überraschungen für die Ärzte.

Die andere ist besonders besorgniserregend: An mehreren Kliniken berichten die Ärzte von schweren neurologischen Komplikationen, unter denen ungewöhnlich viele Hus-Patienten leiden. Sie sind verwirrt, finden nicht mehr die richtigen Worte. Einige erleiden epileptische Anfälle, haben zeitweise Lähmungen oder Krampfanfälle - die Palette der neurologischen Folgen ist groß.

Ratlosigkeit über neuen Ehec-Stamm

Die Mediziner sind ratlos. Noch haben sie nicht genau verstanden, was diesen Ehec-Erreger so aggressiv macht und welche zerstörerischen Kaskaden im Körper eines Infizierten ablaufen. Jetzt haben Ärzte der Universitätskliniken Greifswald und Bonn eine Theorie, die zumindest einen Teil dieser schweren Verläufe erklären könnte. Demnach kann es im Lauf einer Ehec-Infektion passieren, dass der Körper Antikörper gegen eigene Gewebsstrukturen entwickelt. Diese sogenannten Autoantikörper könnten ebenso wie das Shigatoxin - das Gift, welches die Ehec-Bakterien produzieren - Schäden am Nervensystem verursachen.

"Die ausgeprägten neurologischen Schäden traten sechs bis acht Tage nach den ersten Symptomen der Ehec-Infektion auf. Das ist ein typisches Zeitfenster für die Bildung von Antikörpern. Deshalb sind wir auf die Idee gekommen, dass ein Autoantikörper dafür verantwortlich sein könnte", sagt Transfusionsmediziner Andreas Greinacher von der Uni Greifswald. Zusammen mit Kollegen untersucht er am Forschungszentrum ZIK Hike die Ursachen von Immunkrankheiten, die Herz-Kreislauf-Krankheiten auslösen. "Wir haben bei vier Hus-Patienten mit deutlichen neurologischen Problemen Hinweise auf einen Autoantikörper entdeckt sowie auf einen gestörten Gerinnungsfaktor", erzählt Greinacher.

Warum bei bestimmten Ehec-Patienten das Immunsystem derartig fehlgeleitet ist, wissen die Ärzte nicht. Einerseits greifen die von den Ehec-Bakterien produzierten Giftstoffe Blutzellen an. Diese werden zerstört, Zellreste setzen sich in kleinen Blutgefäßen ab, so dass insbesondere die Nieren, aber auch das Hirn Schaden nehmen können. Andererseits, so die Theorie von Greinacher und seinen Kollegen, bewirkt der Autoantikörper, dass in den Zellen von Gehirn und Nebennieren ein für die Blutgerinnung verantwortliches Eiweiß, der sogenannte Von-Willebrand-Faktor, nicht wie im Normalfall in kleine Stücke zerlegt wird. Dieser sammelt sich daraufhin an und verstopft die Kapillaren, also die kleinsten Gefäße. Dies führe dann zu den schwerwiegenden Krankheitsbildern, so Greinacher.

Manche Heilversuche machen Hoffnung

Der Transfusionsmediziner und Kollegen von der Uniklinik in Bonn haben deshalb einen experimentellen Heilversuch gestartet: Vier der schwer erkrankten Hus-Patienten haben sie mit einer speziellen Blutwäsche behandelt, bei der die Autoantikörper aus dem Blut gefiltert werden. "Nach der Behandlung verbesserten sich die Laborwerte innerhalb eines Tages und anschließend auch der Zustand der Patienten", sagt Greinacher.

Bei der Präsentation neuer medizinischer Therapien ist immer Vorsicht geboten - und vier Patienten sind eine sehr kleine Gruppe. Doch Greinacher nennt Gründe, ihre Resultate jetzt publik zu machen. "Wir haben uns dafür entschieden, die Ergebnisse dieses Heilversuchs nun zu präsentieren, weil Patienten mit Hus und schweren neurologischen Problemen jetzt eine Therapie benötigen."

Natürlich handele es sich um einen Heilversuch, schränkt Greinacher ein. "Wir wissen nicht bis ins letzte Detail, was passiert, etwa, gegen welche körpereigene Struktur genau sich der Antikörper richtet. Wir hatten schlicht nicht die Zeit, das zu erforschen - solche Versuche würden Monate in Anspruch nehmen." Nun aber könne die Behandlung umgehend an anderen Kliniken erprobt werden.

Bisher versuchen Ärzte, den Patienten, bei denen das HU-Syndrom besonders weit fortgeschritten ist und deren Blutbild bestimmte Werte unterschreitet, mit Hilfe einer Plasmapherese zu helfen. Das ist ebenfalls eine spezielle Art der Blutwäsche, mit der das Blut vom gefährlichen Toxin gereinigt werden kann. Doch auch dazu ist die Studienlage dünn. Bei welchen Patienten eine Plasmapherese tatsächlich hilft, können Ärzte nicht genau sagen.

Am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) und einigen anderen Kliniken setzen Ärzte bei besonders schweren Hus-Fällen ebenfalls Hoffnungen auf eine experimentelle Therapie: Sie behandeln die Betroffenen mit einem Antikörper namens Eculizumab. Das Mittel ist seit 2007 zugelassen und wird in der Regel zur Behandlung einer seltenen Blutkrankheit sowie einer seltenen angeborenen Form des Hus eingesetzt. Nach ersten Einschätzungen der Ärzte scheint der Heilversuch erfolgreich zu verlaufen. Wie erfolgreich er tatsächlich ist, wird sich aber vermutlich erst in einigen Wochen zeigen. Die Nierenspezialisten geben sich vorsichtig: "Es gibt keine Therapie zum jetzigen Zeitpunkt, die alle Patienten schlagartig gesund macht", sagte Hermann Haller von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).

Letzte Möglichkeit

Der Zustand mancher Erkrankter ist so schlecht, dass sie im Kampf um ihr Leben solchen Heilversuchen bedingungslos zustimmen. "Ich wäre wohl mit jeder Art von Behandlung einverstanden gewesen, wenn sich nur etwas gebessert hätte", erzählte eine 41-jährige Frau, die eine Woche lang mit heftigen Bauchkrämpfen und blutigem Durchfall in der Asklepios-Klinik Altona stationiert war. Friedrich Hagenmüller, Ärztlicher Direktor, hatte ihr vorgeschlagen, sie mit einem Antibiotikum zu behandeln. "Ich war froh, von dieser Möglichkeit zu hören. Selbst das Sprechen fiel mir ja sehr schwer", sagte die Patientin.

Antibiotika aber werden bei der Behandlung von Ehec-Infektionen für gewöhnlich gemieden, da sie die Produktion der gefährlichen Toxine verstärken können - und es so zu den gefährlichen Komplikationen kommen kann. Doch die Mediziner gehen davon aus, dass man diese vermeiden kann, wenn man mit der Antibiotika-Gabe rechtzeitig beginnt. Die Idee: Solange nur vergleichsweise wenige Keime im Körper sind, kann man sie durch ein Antibiotikum abtöten, bevor es zur vermehrten Toxin-Ausschüttung kommt.

Stephen Smith, Mikrobiologe am Trinity College in Dublin, sieht das ähnlich: Nicht alle Antibiotika hätten den gleichen Effekt und würden die Produktion der Shigatoxine beschleunigen. "Wir haben es mit einem neuen Stamm zu tun, deshalb brauchen wir möglicherweise auch neue Therapien." Das Problem: Bei dem aktuellen Ehec-Erreger Husec041 (Subtyp O104:H4) handelt es sich um eine Kreuzung aus zwei verschiedenen E. coli-Stämmen, und dieser ist gegen eine Reihe von Antibiotika resistent.

Tatsächlich aber besserte sich der Zustand der Patientin in der Asklepios-Klinik nach einer Woche, das HU-Syndrom entwickelte sie nicht, inzwischen ist die 41-jährige Hausfrau wieder zu Hause. Die Klinik ist dazu übergegangen, alle neuen ernsthaften Fälle mit Antibiotika zu behandeln. Insgesamt sechs Patienten haben seit Beginn des Ausbruchs die Medikamente erhalten. Auch wenn die Zahl der behandelten Patienten zu klein ist, um klare Schlüsse daraus zu ziehen und zu behaupten, dass Antibiotika das HU-Syndrom verhindern könnten. Für fünf der Behandelten war der Versuch ein Segen - bei allen bessert sich der Zustand.

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fiutare 10.06.2011
1. Wis
Vielleicht kennt man die Antwort im Wehrwissenschaftlichen Institut für Schutztechnologien (WIS) in Munster? Dort wird seit Jahren mit E-Coli Bakterien experimentiert - ganz besonders mit der Kreuzung von verschiedenen Erreger-Stämmen. Munster liegt in der Nähe von Hamburg. Was liegt näher, als das mal schnell in der Umgebung zu testen? Im besten Fall ist das mal eben rausgerutscht oder wurde von einem kontaminierten Mitarbeiter versehentlich verbreitet... Die wirklich exotischen und noch nie dagewesenen Symptome, die die Ärzte vor Rätsel stellen, deuten meiner Meinung nach auf eine nicht natürliche Herkunft der Keime hin. Natürlich klingt das wieder alles nach bösen bösen Verschwörungstheorien - aber genau mit diesem Totschlagargument macht man auch kritische Nachfrager mundtot. Wo ist der investigative Journalismus? Warum wird diese Spur nicht verfolgt? Lieber müssen arme Gurken und Sprossen als Täter herhalten - auch, wenn man nichts findet.
yaelle.schlichting 10.06.2011
2. Diese Zeiten schienen lange her
Wer mit solchen Krankheiten zu tun hat steht vor der schwierigen Güterabwägung: *Pest oder Cholera?* Wir haben uns angewöhnt da immer hyper-kritisch zu sein, und nun kriegen wir's mal wieder vor Augen geführt, daß es Situationen gibt in der wir unsere Ethik-Kommisionen einsalzen können. Da muß einfach gehandelt werden. Da macht Not erfinderisch, da schlafen die Ärzte schon deshalb nicht, weil sie diese elende Situation aus den Intensivstationen mit in ihr eigenes Bett nehmen und dann geistert das von früh bis spät und schließlich gibt's eine gute Idee. Die muß ausprobiert werden. Sie wird schließlich ausprobiert, ohne den Patienten zu fragen. Die schiere Not rechtfertigt es neue, unbekannte und riskannte Wege zu gehen. Was haben die Patienten schon zu verlieren? Es mag riskant sein neue Wege zu gehen. Es ist viel riskanter eben dies nicht zu tun. Es ist aber in Deutschland üblich, den Weg für neue Ideen zu vermauern. Möglichst viele Hindernisse aufzustellen. Und erst wenn auch die absurdeste Frage beantwortet wurde, erst wenn die letzte Angst widerlegt wurde, ist der Weg frei zum Fortschritt. Hier erzwingt's die Not und es ist gut, daß die Ärzte nun nicht lange fragen, sondern handeln.
Isnogut, 10.06.2011
3. Warum ist der EHEC Erreger so aggressiv?
Schon mal über eine Laborzüchtung nachgedacht? Wie genau entsteht ein Bakterienstamm, der gegen mehr als ein Dutzend Antibiotika in acht Medikamentenklassen resistent ist und zwei tödliche Genmutationen plus ESBL-Enzymeigenschaften aufweist? Alles deutet gegenwärtig darauf hin, dass dieser Stamm von E. coli künstlich hergestellt und dann entweder in die Nahrungskette freigesetzt wurde, oder unabsichtlich aus dem Labor entwichen und in die Lebensmittelversorgung geraten ist. Wenn Sie dieser Schlussfolgerung nicht zustimmen – und dieses Recht wird Ihnen niemand streitig machen –, dann müssten Sie zu dem Schluss kommen, dass sich dieser oktobiotische Supererreger (immun gegen acht Antibiotika-Klassen) zufällig selbstständig entwickelt hat – und diese Schlussfolgerung ist noch weit beängstigender als die Erklärung »biotechnisch erzeugt«, denn das hieße ja, dass sich oktobiotische Supererreger jederzeit und überall ohne jeden Grund entwickeln könnten. Das wäre allerdings eine reichlich exotische Theorie.
bunterepublik 10.06.2011
4. Chapeau
Ich bin im Allgemeinen kein Freund der Ärzteschaft, die mit Ihren überzogenen Honorarforderungen nervt.... In solchen Fällen aber ziehe ich uneingeschränkt meinen Hut. Hier kann die Schulmedizin und die Ärzteschaft sich beweisen... Ich finde es grandios, was hier geleistet wird. Danke.
blob123y 10.06.2011
5. Ich glaube die sollten sich doch noch mal die Spanien
Connection anschauen, das sind die Schlagzeilen in Thailand von Heute...found E.coli bacteria on the skins of imported Spanish avocados.
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