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Ehec-Ausbruch: Kein Ende der Epidemie in Sicht

Foto: Martin Gerten/ dpa

Ehec-Infektionen Die Angst isst mit

Keine Gurkenscheibe mehr aufs Brot, keine Erdbeeren zum Dessert: Seit sich der Ehec-Erreger in Deutschland ausbreitet, schränken viele Menschen ihre Ernährung ein. Da hilft es auch nicht zu wissen, dass das Risiko einer Infektion sehr gering ist. 

Wer in diesen Tagen in Hamburg Essen bestellt, kommt um die Grünzeug-Frage nicht herum. "Wollen Sie einen Salat vorweg?", fragt etwa der Kellner jeden Gast in einem spanischen Restaurant im Stadtteil Eppendorf. Die große Mehrheit lehnt ab. "Aus aktuellem Anlass haben wir Salatgurken, Tomaten und Salate komplett aus unserem Speiseangebot genommen", schreibt ein Sushi-Lieferservice auf seiner Web-Seite. Roher Fisch, der bei nicht einwandfreier Verarbeitung eine ganze Batterie gesundheitsschädlicher Keime tragen kann, wird natürlich weiter geliefert. Aber das - sicher sehr geringe - Risiko einer Lebensmittelvergiftung nehmen die Besteller ja in Kauf. Nur der Gefahr einer ganz speziellen Form der Lebensmittelvergiftung, einer Ehec-Infektion, mag sich zurzeit kaum jemand aussetzen.

Daher stehen rohe Tomaten, Gurken und Blattsalate, von deren Verzehr die Behörden nach wie vor abraten, für viele Deutsche auf dem Index. Manche Bürger verzichten zusätzlich auf Obst - man kann ja nie wissen.

Spaniens Obst- und Gemüseexporteure beklagen, dass ihnen in der vergangenen Woche ein Schaden von mehr als 200 Millionen Euro entstanden sei. Nachdem das Hamburger Hyigeneinstitut Ehec-Keime auf vier Salatgurken - drei davon spanische - entdeckt hatte, wollte die niemand mehr importieren geschweige denn essen. Inzwischen hat Russland einen kompletten Einfuhrstopp für Gemüse aus der EU verhängt, den Regierungschef Wladimir Putin mit harten Worten untermauerte: "Wir werden unser Volk nicht vergiften", sagte er am Freitag im Schwarzmeerort Sotschi. Die USA setzen auf Importkontrollen.

Allerdings ist das Risiko, sich Ehec-Keime einzufangen und dadurch am hämolytisch-urämischen Syndrom (Hus) zu erkranken, selbst in Norddeutschland winzig. In ganz Deutschland gebe es 1213 bestätigte Ehec-Infektionen sowie 520 Hus-Fälle. 18 Todesfälle werden bisher mit dem Ausbruch in Verbindung gebracht.

Auf 100.000 Schleswig-Holsteiner kommen derzeit 5,5 Hus-Fälle, berichtete das Robert-Koch-Institut am Freitag. In Hamburg liegt die Quote bei 5,1 pro 100.000, in Bremen bei 3,3, in Mecklenburg-Vorpommern bei 1,8.

Die verseuchte Tomate schmeckt nicht anders

Helfen diese Zahlen, wieder entspannt in rohe Tomaten zu beißen? Wahrscheinlich nicht. Dafür ist das Risiko der drohenden Ehec-Infektion zu präsent - und gleichzeitig schwer greifbar. Die Behörden warnen weiter, dass die Infektionsquelle "noch aktiv" sein könnte - dass also verseuchtes Grünzeug noch irgendwo lauert.

Man sieht der Tomate weder an, dass sie mit Ehec-Keimen belastet ist, noch würde man es schmecken. Und so gering das Risiko einer Infektion auch sein mag: Wenn es einen trifft, dann drohen lebenslange Gesundheitsschäden oder sogar der Tod durch HU-Syndrom. Was nutzt einem da die Erkenntnis, wie extrem unwahrscheinlich es war, dass man sich angesteckt hat?

Oder dass es deutlich wahrscheinlicher ist, bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen als an den Folgen einer Ehec-Infektion zu sterben? Zum Vergleich: Im Mai 2010 starben bundesweit 316 Menschen bei Verkehrsunfällen. Es ist eben einfacher, ein paar Tage keine Gurken zu essen, als nicht mehr am Straßenverkehr teilzunehmen.

Bisher haben die Behörden die Infektionsquelle nicht entdeckt - die Keime könnten theoretisch in jedem rohen Lebensmittel stecken. Bei früheren Ehec-Ausbrüchen konnten Experten die Quelle nicht immer ausfindig machen. Meist waren es allerdings Fleisch oder Rohmilchprodukte - kein Gemüse. Eine neue Spur führt in ein Lübecker Lokal, da 17 Gäste, die dort Mitte Mai gegessen hatten, erkrankt sind.

Gurken, Tomaten und Salat gelten als Hauptverdächtige, weil sich in Befragungen zeigte, dass Ehec-Infizierte sie häufiger gegessen hatten als Gesunde. Insgesamt 95 Prozent der Angesteckten hätten eines der drei Gemüse in den Tagen vorm Infektionsausbruch roh verzehrt.

Und dass die Infektionsquelle irgendwo in Norddeutschland zu finden ist, scheint auch klar; hier liegt das Zentrum des Ausbruchs. Fast alle Ehec- und Hus-Fälle aus anderen europäischen Ländern haben Menschen getroffen, die kurz zuvor in Norddeutschland gewesen waren - in elf europäischen Staaten wurden insgesamt 70 Ehec-Infektionen, 31 Hus-Fälle und ein Todesfall gemeldet, berichtete die Weltgesundheitsorganisation WHO am Samstag.

Die Abwägung, vor der die Menschen in Norddeutschland stehen, lautet also: Was habe ich davon, rohe Tomaten, Gurken und Salate zu essen - und was droht mir, wenn ich es tue? Wer kein eingefleischter Rohkostfan ist, verzichtet da meist lieber.

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