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06. Juni 2011, 15:18 Uhr

Ehec-Verdacht in Bienenbüttel

"Hoffentlich nehmen sie uns nicht noch die Milch"

Von , Bienenbüttel

Ein Gärtnerhof in Bienenbüttel soll eine mögliche Quelle der Ehec-Seuche sein. Schlagartig steht das Dorf in der Lüneburger Heide im Zentrum europaweiter Aufmerksamkeit. Wie reagieren die Bewohner? Ein Ortsbesuch.

Im Irak sei er gewesen, meint der Reuters-Fotograf, danach Haiti, Libyen, schnell nach Japan und jetzt: Bienenbüttel. Ein kleiner Ort zwischen Lüneburg und Uelzen, gerade mal etwas mehr als 6000 Einwohner. Große Ereignisse in der Geschichte des Dorfes: der Dreißigjährige Krieg (da aßen schwedische Soldaten alle Hühner), das Schützenfest und ein Ballonfestival im August, die Karte kostet 160 Euro. Aber manche werden auch verlost.

Jetzt stehen die Übertragungswagen der Fernsehsender dicht aneinandergereiht am Waldrand. N-24-Reporter machen ihre Live-Ansagen vor dem abgesperrten Gärtnerhof. Am Sonntag sind Journalisten über den Zaun geklettert, seitdem bewacht ein Sicherheitsdienst das Grundstück. Fernsehteams interviewen die wenigen Nachbarn, die sich noch auf die Straße trauen. Eine ganze Traube von Mikrofonen wird ihnen dann ins Gesicht gehalten.

Ob sie eine Ahnung hätten, wie die Ehec-Keime in die Sprossen gekommen seien? Nein? Ganz sicher? "Die haben ihre Hunde frei rumlaufen lassen", meint eine Anwohnerin und zuckt die Schultern. Aber Hunde seien ja noch nicht unter Verdacht geraten. Bis jetzt. Ansonsten sind sich alle Befragten einig: Sehr nette Menschen seien das gewesen, die Menschen vom Gärtnerhof. Die Sprossen hätten viele selbst gegessen, außer in den vergangenen Wochen, als vor Rohkost gewarnt wurde. Sorgen um den Hof? Ja klar, wer soll den Einnahmeausfall wegen der Sperrung bezahlen? Aber: Gut, dass der Keim anscheinend gefunden wurde, schließlich seien alle betroffen.

Möglich, dass Ministerpräsident Putin bald den Namen "Bienenbüttel" zu lesen bekommt, die spanische Regierung und das Europäische Zentrum für Seuchenprävention in Stockholm. Die "New York Times" berichtet seit Ende Mai täglich über die Ehec-Epidemie. Der US-Fernsehsender NBC sendet noch nachts um 1 Uhr, um in die Live-Nachrichten an der Ostküste zu kommen.

Bienenbüttel nun also als Quelle einer Seuche mit weltweiter Aufmerksamkeit?

Am Montagnachmittag hat das niedersächsische Verbraucherministerium mitgeteilt: Die ersten 23 von 40 untersuchten Sprossen-Proben aus dem verdächtigen Betrieb sind Ehec-frei. Die Untersuchungen sind aber noch nicht abgeschlossen - also noch keine Entwarnung für Bienenbüttel.

Hinter dem kleinen, grünen Gatter, mit hölzernen Lettern auf die Bretter genagelt, steht es: "Der Gärtnerhof". Seit 1978, Hofgemeinschaft, nur Bio. Die Geschäftsführer Ute Kaltenbach und Klaus Vorbeck sollen sich zurückgezogen haben, sagen Nachbarn. Ein Anwalt habe ihnen geraten, sich nicht mehr zu äußern.

"Gestern hat noch niemand gewusst, dass es Bienenbüttel gibt"

Am Sonntag war noch eine Lokalreporterin vor Ort und klingelte. Da kam Uta Kaltenbach vor die Haustür. "Wir haben keine Erklärung", sagte sie. "Der Ehec-Keim kommt im Darm von Wiederkäuern vor, aber wir haben hier keine Wiederkäuer". Sie dürfe nicht mehr liefern, eine Ladung sei vom Großmarkt zurückgekommen. "Mehr wissen wir im Moment auch nicht."

Mittlerweile gibt es eine Pressemitteilung auf der Internetseite des Hofes. "Wir, der Gärtnerhof Bienenbüttel, sind erschüttert und besorgt über die Nachricht vom 05.06., dass ein Teil unserer Ware durch Ehec-Erreger verunreinigt sein soll." Man habe sofort alle Kunden informiert und die Ware zurückgerufen.

"Alle suchen danach, und es ist direkt vor unserer Haustür", sagt Darwin Fischer, 14 Jahre alt. Er ist von der Schülerzeitung gekommen, da schreibt er die längeren Berichte. Er hat seinen Fotoapparat mitgebracht und fotografiert jetzt die amerikanischen Fotografen vor der Hofeinfahrt. Vielleicht wird es eine Sonderausgabe.

Seine Mutter Joanna Fischer sitzt im Garten zwischen Trampolin, Gartenhäuschen und Plastikrutsche. "Gestern hat noch niemand gewusst, dass es Bienenbüttel gibt." Heute stehe es überall auf Facebook. Ihr Bruder habe schon angerufen, nach den Fernsehnachrichten, und gefragt: "Ist das weit von Dir?" 100 Meter, sagte sie.

Sie hat selbst auf dem Hof gearbeitet, vier Jahre lang Sprossen verpackt, kennt die Leute dort gut. Auf ihren alten Betrieb lässt sie nichts kommen. "Ich weiß, dass es Menschen sind, die Gartenbau aus Leidenschaft betreiben, aus tiefster Überzeugung." Keinen Dünger, keine Pestizide hätten sie benutzt. Die Mitarbeiter wohnten zusammen, aßen die eigenen Sprossen.

"Hoffentlich nehmen sie uns nicht auch noch die Milch."

Sie habe damals da gearbeitet, weil sie es gut fand, meint sie, dass in einer Welt, in der jeder nach Profit hetze, der Gärtnerhof genau das nicht gemacht habe. "Sehr gewissenhaft, sehr sauber" hätten alle gearbeitet, streng nach Vorschrift. Wenn die Temperatur sich verändert habe, wenn die Farbe nicht stimmte, sei die Ware sofort vernichtet und gar nicht erst auf den Großmarkt gekommen. Für sie gibt es nur die Erklärung: Die Samen müssen den Keim angeschleppt haben, aus Asien. Vielleicht ist das tatsächlich die Lösung des Rätsels. In Japan waren bereits in den neunziger Jahren Sprossen als Ursache einer Ehec-Epidemie mit mehr als 12.000 Erkrankten ausgemacht worden.

Zum Abschluss bleibt nur eine Frage: Was wird aus den Bienenbüttelern?

Die Straße hinunter bricht das Licht durch die Eichenbäume, in dem großen, alten Stall aus rotem Backstein weckt Heinz Brunhöber seine 27 Milchkühe auf, um sie auf die Weide zu treiben. In vierter Generation lebt der 46-jährige Bauer auf dem Hof. Manchmal vergesse er, wie schön es hier sei, sagt er, aber dann erinnere ihn jedesmal irgendein Tourist daran. "Wissen Sie eigentlich, was für eine schöne Heimat Sie haben?", fragen sie ihn.

Die Bienenbütteler hätten schon immer eng zusammengestanden, meint Brunhöber, sie würden auch dies überstehen. Man müsse es nehmen, wie es kommt, Sorgen mache er sich keine. Außer vielleicht ein wenig um Ehec und die Behörden: "Hoffentlich nehmen sie uns nicht auch noch die Milch."

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