Epidemie in Norddeutschland Sprossen geraten als Ehec-Quelle in Verdacht

Haben niedersächsische Behörden die Ursache des Ehec-Ausbruchs entdeckt? Roh verzehrte Sprossen könnten sich als die lang gesuchte Infektionsquelle entpuppen. Einiges deutet darauf hin, allerdings stehen die entscheidenden Analysen noch aus.
Epidemie in Norddeutschland: Sprossen geraten als Ehec-Quelle in Verdacht

Epidemie in Norddeutschland: Sprossen geraten als Ehec-Quelle in Verdacht

Foto: Corbis

Hamburg - Erst waren es rohe Tomaten, Gurken und Blattsalate, vor denen die Behörden in Norddeutschland gewarnt haben. Die Produkte standen unter dem Verdacht, die Infektionsquelle des Ehec-Ausbruchs zu sein, bei dem inzwischen 21 Menschen ums Leben gekommen sind.

Doch eventuell haben sich die gefährlichen Bakterien auf einem anderen Lebensmittel verbreitet: Sprossen. Das teilte nun Niedersachsens Landwirtschaftsminister Gert Lindemann (CDU) auf einer Pressekonferenz mit. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass die mit dem Ehec-Erreger kontaminierte Ware bereits vollständig verarbeitet und abverkauft wurde.

Ein Labornachweis für den Verdacht fehlt bisher - erste Ergebnisse werden am Montagvormittag erwartet. Die Indizienlage sei jedoch so eindeutig, dass das Ministerium empfiehlt, derzeit auf den Verzehr von Sprossen zu verzichten. Die Sprossen seien bei allen größeren Ausbruchsgeschehen an die Gastronomiebetriebe geliefert worden, in denen später erkrankte Personen gegessen hatten.

Das Unternehmen, das verschiedene Sorten Sprossen heranzieht, hat seinen Sitz im Kreis Uelzen. Die Sprossen würden als Salatzutat vertrieben und seien zum rohen Verzehr vorgesehen. Zwei Mitarbeiterinnen des Betriebes seien an Durchfall erkrankt, bei einer wurde Ehec nachgewiesen. Der Betrieb wurde vorübergehend gesperrt.

Ideale Bedingungen zum Keimen

Nach Angaben des Ministeriums vertreibt die Firma 18 Sprossensorten, darunter Mungobohnenkeimlinge, Radieschensprossen, Erbsenkeime und Linsensprossen. Die Keimlinge werden in Trommeln bei einer Temperatur von 38 Grad Celsius mit Wasserdampf herangezogen. "Das sind auch optimale Bedingungen für das Keimen anderer Keime", sagte Lindemann.

Warum die Sprossen eventuell mit Ehec-Bakterien belastet sind, darüber konnte der Minister nur spekulieren. Er betonte jedoch, dass die Sprossen nicht mit Dünger herangezogen werden. Zuvor war spekuliert worden, dass mit Gülle verunreinigte Produkte zu dem Ehec-Ausbruch geführt hätten.

Möglich sei, dass das in den Trommeln versprühte Wasser belastet sei oder dass die Körner, die aus anderen Ländern geliefert wurden, bereits mit Ehec-Bakterien belastet waren, die sich dann in den Trommeln besonders schnell ausbreiten konnten, sagte Lindemann.

Der Betreiber des niedersächsischen Hofs kann sich die Vorwürfe nicht erklären. Er könne sich keinen Reim auf die Vorgänge und Vorwürfe machen, sagte der Geschäftsführer des Gärtnerhofs, Klaus Verbeck, der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Die Salatsprossen würden überhaupt nicht gedüngt. Auch in anderen Geschäftsbereichen des Hofes werde kein tierischer Dünger verwendet. "Nicht einmal Hornmehl", sagte er der Zeitung.

Mehrere heiße Spuren

Ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums in Berlin sagte auf Anfrage, man wolle die labortechnische Untersuchung der Sprossen abwarten, bevor man weitere Schritte unternehme.

Die erste Warnung der Behörden nach dem Fund von Ehec-Bakterien auf spanischen Salatgurken hatte sich im Nachhinein als falsche Fährte entpuppt. Zwar befanden sich Keime auf dem Gemüse, doch die Bakterien gehörten nicht zu dem Stamm, der für den aktuellen Ausbruch verantwortlich ist.

Auch der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Reinhard Burger, betonte, eine konkrete Ursache lasse sich immer noch nicht eingrenzen. Man gehe mehreren heißen Spuren nach, erklärte er beim Besuch des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf am Sonntag.

Das RKI erklärt seit Tagen: Solange die Infektionsquelle nicht eindeutig identifiziert sei, bleibe die Empfehlung bestehen, insbesondere in Norddeutschland auf rohe Gurken, Tomaten und Blattsalate zu verzichten. Minister Lindemann wies darauf hin, dass er diese Empfehlung nicht in Frage stellen wolle. "Wir gehen davon aus, das wir die neuen Erkenntnisse jetzt zusammen mit den Bundesbehörden intensiv weiter auswerten", so der Minister.

Radieschensprossen lösten Epidemie in Japan aus

Sprossen, genauer gesagt Radieschensprossen, waren die Ursache einer schweren Ehec-Epidemie, die 1996 in Japan grassierte. Damals infizierten sich rund 12.680 Menschen mit dem gefährlichen Darmkeim. Allerdings gab es vergleichsweise wenige Fälle des hämolytisch-urämischen Syndroms (Hus) - insgesamt 121.

In Deutschland haben sich beim aktuellen Ehec-Ausbruch seit Anfang Mai 1526 Menschen mit den Bakterien angesteckt, zusätzlich leiden 627 Patienten am Hu-Syndrom, wie der RKI-Präsident Burger am Sonntag mitteilte. Frauen sind überdurchschnittlich oft betroffen.

Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) besuchte gemeinsam mit Burger das Hamburger Universitätsklinikum, um sich vor Ort einen Überblick über die Versorgung der Ehec-Patienten zu verschaffen. Kritik am Krisenmanagement wies der FDP-Politiker zurück. "Ich habe miterlebt, wie die Mitarbeiter in den Behörden mit Hochdruck daran gearbeitet und auch frühzeitig die Bürger mit Transparenz informiert haben", sagte Bahr.

Die Opposition hatte die Einrichtung eines Krisenstabes gefordert und die Bundesregierung kritisiert. Im Zusammenhang mit der Ehec-Erkrankungswelle ist am Mittwoch ein Treffen der Gesundheits- und Verbraucherschutzminister von Bund und Ländern geplant.

wbr/dpa/dapd