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04. April 2011, 17:09 Uhr

Erbgut-Analyse

Forscher entdecken neue Alzheimer-Risikogene

Jahrelang haben Forscher im Erbgut Zehntausender Menschen nach Auslösern für Alzheimer gefahndet. Jetzt präsentieren sie fünf bisher unbekannte Risikogene. Sie könnten helfen, die Entstehung der Krankheit zu enträtseln - und sie so möglicherweise zu stoppen.

Wenn Ärzte heute bei einem Patienten Alzheimer diagnostizieren, können sie wenig tun: Es gibt bisher keine Möglichkeit, die Krankheit aufzuhalten, bei der die geistigen Fähigkeiten schleichend, aber unweigerlich schwinden. Lediglich die Begleitsymptome lassen sich behandeln. Schon heute leben Hunderttausende Alzheimerkranke in Deutschland, bis 2050 könnte sich ihre Zahl laut dem Demenz-Report des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung verdoppeln.

Um die Entwicklung der Demenzerkrankung besser zu verstehen, suchen Forscher nach Risikogenen, die mit der Alzheimer-Krankheit in Verbindung stehen. Vier solcher Erbinformatonen sind bereits bekannt - jetzt berichten zwei internationale Forschergruppen im Fachblatt "Nature Genetics" von fünf weiteren.

Diese Genvarianten zeigten drei grundlegende Mechanismen auf, die mit der Krankheit zusammenhängen, sagt Richard Mayeux vom US-amerikanischen Alzheimer's Disease Genetic Consortium (ADGC), das einen der Fachartikel veröffentlicht hat.

Vier Mechanismen mit der Krankheit verknüpft

Die vier zuvor entdeckten Risikogene hängen laut Mayeux allesamt mit der Anhäufung von Eiweißklumpen in Nervenzellen zusammen. Diese sogenannten Amyloid-Plaques sind eine markante Veränderung in den Gehirnen von Alzheimer-Patienten. Die jetzt identifizierten Risikogene spielten dagegen eine Rolle beim Fettstoffwechsel, bei Entzündungen und bei der Bewegung von Molekülen innerhalb von Zellen. "Wir haben eventuell vier Mechanismen, die eng mit der Krankheit verknüpft sind", sagt Mayeux. Er hofft, dass das ein entscheidender Hinweis für die weitere Forschung ist: Könnte man einen oder mehrere dieser Prozesse beeinflussen, ließe sich das Fortschreiten der Krankheit vielleicht endlich stoppen.

Den Erkenntnissen liegt eine extreme Fleißarbeit zugrunde. Im Erbgut von mehr als 54.000 Menschen suchten die ADGC-Forscher nach Genvarianten, die bei an Alzheimer Erkrankten häufiger auftauchen als bei Gesunden. Das Projekt zog sich über mehrere Jahre und konnte am Ende vier der neuen Risikogene identifizieren. Ein zweites internationales Team berichtet in "Nature Genetics" vom Fund des fünften Gens.

Alzheimer ist die häufigste Demenzerkrankung im Alter. Wie das ADGC berichtet, sind ab einem Alter von 65 Jahren 13 Prozent der Bevölkerung betroffen, bei den über 80-Jährigen sind es sogar 30 bis 50 Prozent. In Deutschland leben Schätzungen zufolge 1,3 Millionen Demenzkranke, zwei Drittel von ihnen leiden an Alzheimer.

wbr

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