Erfolgreicher Tierversuch Forscher hoffen auf neuen Wirkstoff gegen Alkoholsucht

Der Wirkstoff Daidzin aus der Kudzu-Pflanze hat sich im Tierversuch für die Bekämpfung von Alkoholismus bewährt: Konsum und Rückfallquote wurden vermindert, zugleich traten weniger Nebenwirkungen auf als bei alten Medikamenten. Nun wollen die Forscher mit Tests am Menschen beginnen.


Die Traditionelle chinesische Medizin kennt sie schon seit über tausend Jahren - nun haben Schulmediziner die Kudzu-Pflanze für die Behandlung von Alkoholikern entdeckt. Eine synthetische Form des in der Pflanze enthaltenen Wirkstoffs Daidzin hat sich in vorklinischen Studien mit Nagetieren bewährt, wie US-Forscher um Ivan Diamond von der Universität von Kalifornien in San Francisco im Fachmagazin "Alcoholism: Clinical & Experimental Research" berichten. Die behandelten Tiere konsumierten weniger Alkohol, und die Rückfallgefahr wurde vermindert. Besonders vielversprechend: Anders als bei bisher verwendeten Wirkstoffen sind von Daidzin keine schwerwiegenden Nebenwirkungen bekannt.

Alkoholismus: Der Wirkstoff Daidzin hat sich im Tierversuch bewährt
DDP

Alkoholismus: Der Wirkstoff Daidzin hat sich im Tierversuch bewährt

Diamond hat sich zum Ziel gesetzt, ein neues Medikament auf Daidzin-Basis zu entwickeln, das Ärzte bei Alkoholismus und vielleicht auch bei anderen Suchtkrankheiten verschreiben können. Viele bisher verwendete Medikamente basieren auf dem Wirkstoff Disulfiram und haben massive Nebenwirkungen. Bei Daidzin traten diese nicht auf, schreibt Diamond.

Der Forscher kritisiert in der Veröffentlichung auch, dass das unrealistische Ziel einer kompletten Abstinenz für Alkoholkranke überdacht werden müsse. Vielmehr sollten sie dahingehend therapiert werden, dass sie zwar noch Alkohol zu sich nehmen, aber nicht mehr in toxischen Mengen. Auch hier lassen die Eigenschaften des neuen Wirkstoffs hoffen, denn sie reduzieren das Verlangen nach Alkohol und damit die Gefahr eines Rauschs.

Alkohol wird im Körper unter anderem vom Enzym Aldehyddehydrogenase (ALDH-2) abgebaut. Wie Disulfiram auch blockiert Daidzin ALDH-2, so dass der Alkohol nur unvollständig abgebaut werden kann. Daidzin wirkt daher ähnlich: Es erhöht den Gehalt an Acetaldehyd im Blut, das für die unangenehmen Nebenerscheinungen des Trinkens wie Schwindel und Unwohlsein verantwortlich ist. Dieses Unwohlsein macht es Trinkern praktisch unmöglich, große Mengen Alkohol zu konsumieren.

Gleichzeitig verändert Daidzin den Dopamin-Spiegel im Gehirn und damit auch das Risiko, nach einer Abstinenzphase rückfällig zu werden: Der als Belohnungshormon bekannte Botenstoff wird im Gehirn von Suchtkranken in hohen Mengen ausgeschüttet, wenn sie ihre Droge einnehmen. Dafür sinkt der Dopamin-Spiegel bei Entzug drastisch. Dieses Auf und Ab, das das Verlangen nach der Droge steuert, wird von Daidzin abgefangen.

Der Unterschied allerdings ist, dass Daidzin viel spezifischer an ALDH-2 bindet als der alte Wirkstoff. Es behindert daher nicht andere Enzyme, was zu Störungen von Stoffwechselvorgängen führt und der Grund ist für die Nebenwirkungen des bisher verwendeten Wirkstoffs Disulfiram. Dieser wurde in den fünfziger Jahren entwickelt und würde laut Diamond nach heutigen Kriterien nicht mehr als Medikament zugelassen.

Die Forscher wollen nun mit klinischen Tests beim Menschen beginnen. Bis zur Zulassung als Medikament ist es allerdings noch ein weiter Weg. Viele Wirkstoffe, die sich im Tierversuch als hoffnungsvoll erweisen, scheitern in den verschiedenen klinischen Testphasen am Menschen.

lub/ddp



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