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18. Juni 2011, 12:34 Uhr

Erforschung der Seuche

Menschen können Ehec auf Nahrung übertragen

Die Ehec-Krise verschärft sich wieder: Labortests haben den Verdacht bestätigt, dass der gefährliche Erreger auch vom Menschen auf Speisen übertragen werden kann. Die meisten Verbraucher essen aber wieder Gurken, Salat und Tomaten.

Der Ehec-Erreger kann vom Menschen auf Nahrungsmittel übertragen werden. Labortests hätten entsprechende Vermutungen bestätigt, teilte das Sozial- und Verbraucherministerium in Wiesbaden mit. Demnach belegen die Untersuchungsergebnisse, dass der gefährliche Ehec-Keim in einem konkreten Fall in Hessen tatsächlich von einer Catering-Mitarbeiterin auf Lebensmittel übertragen worden ist. Dadurch wurden 20 Menschen mit der gefährlichen Variante des Ehec-Erregers angesteckt. Wie genau der Keim auf die Lebensmittel gelangte und ob es ein Hygieneproblem in dem Betrieb gibt, werde nun untersucht, sagte der Sprecher des Kreises Kassel, Harald Kühlborn. Möglich sei, dass ein infizierter Gebrauchsgegenstand des Betriebs eine Rolle spielte.

Die Mitarbeiterin des Partyservices war den Testergebnissen zufolge mit dem lebensbedrohlichen Keim infiziert, als sie Speisen für eine Familienfeier in Niedersachsen zubereitete. Sie hatte aber noch keine Krankheitssymptome gezeigt. Den Erkenntnissen zufolge übertrug sie den Keim auf mehrere Lebensmittel. Später erkrankte sie an der durch Ehec verursachten Komplikation Hus (hämolytisch-urämisches Syndrom), das nach der Feier auch bei 20 von 65 Gästen nachgewiesen wurde. Bei Hus können unter anderem Nierenschäden und neurologische Störungen auftreten.

Anders als in diesem Fall ist die Zahl der gemeldeten Neuerkrankungen in Deutschland laut Robert Koch-Institut aber seit etwa einer Woche rückläufig. Bis zum Donnerstag wurden demnach 3408 Fälle von Erkrankungen an Ehec oder Hus gemeldet. Aus Nordrhein-Westfalen wurde am Freitag ein weiteres Todesopfer gemeldet, es war der 39. Tote seit dem Ausbruch der Epidemie.

Zudem wurde der aggressive Ehec-Erreger O104:H4 am Freitag in einem Bach in Frankfurt nachgewiesen. Der Erlenbach liegt wenige hundert Meter von einem Hof entfernt, auf dem jüngst der Ehec-Erreger auf Salatproben entdeckt wurde, wie ein Sprecher des hessischen Umweltministeriums sagte. Eine Verbindung des Bachs zur Trinkwasserversorgung bestehe aber nicht. Zwei an das Gewässer angrenzende Höfe nutzen das Wasser jedoch für die Bewässerung von Kartoffeln, Zuckerrüben und Stärkekartoffeln. Das wurde den Höfen nun untersagt. Kleingärtner aus dem Umfeld des Bachs wurden aufgefordert, mit Bachwasser gewässertes Obst und Gemüse nicht zu verzehren.

Wie die Keime in den Bach gelangten, ist laut Ministerium noch unklar. Da die Proben in der Nähe einer Kläranlage entnommen wurden, sei nicht auszuschließen, dass er von dort in das Bachwasser gekommen sei. Untersuchungsergebnisse von zwei weiteren aus dem Bach entnommenen Proben sollen erst in zwei bis drei Tagen vorliegen. Vom Baden in Hessens Bächen und Flüssen raten die Behörden grundsätzlich ab. Auch zum Trinken sei deren Wasser ungeeignet. Es sei aber noch unklar, ob in Fließgewässern überhaupt bedeutende Konzentrationen des Erregers erreicht werden.

Keine zentralisierte Lebensmittelüberwachung

Der wegen Ehec-Sprossen gesperrte Biohof im niedersächsischen Bienenbüttel bleibt weiterhin geschlossen. "Bevor wir ihn wieder freigeben, müssen alle Proben ausgewertet werden", sagte ein Sprecher des Agrarministeriums in Hannover. Dies werde "mindestens einige Tage bis einige Wochen" dauern. Noch ist unklar, wie der lebensbedrohliche Erreger auf die Sprossen des Biohofs gelangt ist. Das Bundesinstitut für Risikobewertung rät weiter vom Verzehr roher Sprossen ab, ebenso von selbstgezogenen rohen Sprossen und Keimlingen.

Dass der Erreger ausgerechnet auf einem Bio-Bauernhof gefunden wurde, bedeutet nach Ansicht von Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) keinen Rückschlag für die Bio-Landwirtschaft. "Aber es war schon immer klar: Bio-Lebensmittel sind nicht per se gesünder oder sicherer", sagte Aigner der "Berliner Zeitung".

Die durch die Ehec-Krise aufgekommene Forderung nach Zentralisierung der Lebensmittelüberwachung wies Aigner zurück. "Wer so etwas fordert, hat keine Ahnung." Es sei wichtig, dass Behörden die zu überprüfenden Betriebe genau kennen. Dafür müssten sie vor Ort arbeiten. Für die Bewältigung einer Krise sei es entscheidend, dass die Informationen intern gut weitergeben würden. Aigner räumte aber ein, dass es lohnenswert wäre, "die Kommunikation nach außen zu überdenken".

Wichtige Meldungen kommen per Post, nicht per E-Mail

Als Konsequenz aus der Ehec-Epidemie will Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) das Meldesystem verbessern. "Wir müssen das Meldeverfahren an die modernen Kommunikationsmöglichkeiten anpassen, damit die Informationen darüber, wie sich die Zahlen der Erkrankten entwickeln, schneller verfügbar sind", sagte der FDP-Politiker der "Rheinischen Post". Es sei unverständlich, warum wichtige Meldungen in einer solchen Situation per Post verschickt worden seien. Das Meldesystem für Ehec soll ein Thema der Gesundheitsministerkonferenz am 29. und 30. Juni sein.

Kritik am Krisenmanagement der Politik wies Bahr aber zurück. Die Arbeit der Ministerien und ihrer Fachinstitute lobte er ausdrücklich für ihre "sachlich begründeten Empfehlungen und Informationen." Auch die Gesundheitsversorgung in den Krankenhäusern habe gut funktioniert.

Verunsicherung im Ausland

Unterdessen wurden aus Russland schwere Vorwürfe gegen die deutschen Behörden erhoben. Diese seien bei dem Versuch gescheitert, "die Quelle des hochansteckenden E.coli in der menschlichen Nahrungskette nachzuweisen", hieß es aus der staatlichen Veterinäraufsicht nach Angaben der Agentur Interfax in Moskau. Wegen Ehec hatte Russland Anfang Juni ein Importverbot für Gemüse aus allen 27 EU-Staaten beschlossen. Die Veterinäraufsicht zeigte sich "ernsthaft besorgt" und will deutsche Tierärzte zu Gesprächen über die Gründe für die Seuche nach Moskau bitten. Mögliche Termine für die Gespräche seien der 27. und 28. Juni, hieß es.

Aus Frankreich wurde am Freitag dagegen teilweise Entwarnung gegeben. Mindestens sieben Kinder sind dort nach dem Verzehr von Hamburger-Bratlingen an schweren Durchfällen erkrankt und werden nun auf Symptome einer E.coli-Infektion untersucht. Die als Quelle der Infektion ausgemachten Bratlinge wurden in Frankreich produziert und von Lidl vertrieben. Es gebe jedoch keine Verbindung zu den Ehec-Fällen in Deutschland, hieß es von den Behörden. Das italienische Gesundheitsministerium ließ trotzdem mehr als 97 Tonnen von Hamburger-Bratlingen und Fleischklößchen, die von der italienischen Zweigstelle von Lidl vertrieben wurden, konfiszieren und hat Laboruntersuchungen angeordnet.

Entspannung bei den Verbrauchern

In der Lebensmittelindustrie könnte die Ehec-Krise ein Umdenken eingeleitet haben. Man bemerke ein gestiegenes Interesse an neuen Behandlungstechniken für Nahrungsmittel, sagte Volker Heinz, Direktor des Deutschen Instituts für Lebensmitteltechnik in Quakenbrück, der Nachrichtenagentur dpa. Nach seinen Worten denken Fleischwarenhersteller beispielsweise über die Investition in ein Verfahren nach, mit dem man rohe Lebensmittel mittels Hochdruck ohne Erhitzung keimfrei machen kann. Bisher ist dieses Verfahren wegen seiner relativ hohen Kosten in Deutschland kaum verbreitet.

Das in Quakenbrück schon seit einigen Jahren getestete Hochdruckverfahren soll Keime töten und Viren unschädlich machen. "Die Frische-Charakteristik der Ware bleibt erhalten", sagt der Wissenschaftler. Man könne sich auch vorstellen, Sprossen, die als Quelle der Epidemie in Verdacht stehen, einer solchen Behandlung zu unterziehen.

In Deutschland haben die Meldungen über den Rückgang der Neuinfektionen an Ehec derweil offenbar bei den Verbrauchern für Entspannung gesorgt. Einer Umfrage des Emnid-Instituts im Auftrag der "Bild am Sonntag" zufolge isst eine große Mehrheit der Deutschen (85 Prozent) jetzt wieder Gurken, Salat und Tomaten. Weil diese Gemüse zeitweilig im Verdacht standen, Überträger der Seuche zu sein, wurden sie zeitweilig verschmäht. Nur 15 Prozent der 500 Befragten verzichten weiterhin grundsätzlich auf die Gemüse.

mak/dpad/dpa

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