Erste Corona-Fälle in Deutschland Die unglückliche Reise von Patientin null

Ende Januar brachte eine Geschäftsreisende das neue Coronavirus erstmals nach Deutschland. 16 Menschen infizierten sich in der Folge. Forscher haben die Ansteckungsketten nun im Detail nachvollzogen.
Wer hat hier wen angesteckt?

Wer hat hier wen angesteckt?

Foto: Orbon Alija/ Getty Images

Am 27. Januar wurde der erste Fall mit dem neuen Coronavirus in Deutschland nachgewiesen: Ein 33 Jahre alter Mann hatte sich beim Autozulieferer Webasto bei einer aus China angereisten Kollegin angesteckt. Er blieb nicht der Einzige.

Insgesamt 16 Menschen infizierten sich in der Region um München ausgehend von der Reisenden mit dem Virus. Die Infizierten sowie 241 Kontaktpersonen konnten identifiziert und, wenn nötig, isoliert werden. Die Infektionskette wurde gestoppt.

Heute erforschen Wissenschaftler den Ausbruch, um herauszufinden, unter welchen Umständen sich Menschen mit dem Coronavirus anstecken. Ein Team um Merle Böhmer sowie Andreas Zapf vom Bayrischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit hat sämtliche Infektionen des sogenannten Webasto-Clusters nachvollzogen. Auch Christian Drosten von der Charité in Berlin war an der Studie beteiligt.

Wie nah kamen sich die Personen, die sich angesteckt haben? Wer infizierte sich nicht, obwohl er engen Kontakt hatte? Inwiefern steckten sich die Familien von Infizierten an? Die Studie zeigt, wie aufwendig die Kontaktverfolgung im Detail werden kann.

Die Infektion von Patientin null

Seinen Anfang nahm der Ausbruch bei Webasto mit einer Geschäftsreisenden aus Shanghai: Patientin null. Sie reiste am 19. Januar per Flugzeug für drei Tage nach München und gab im Büro in Gauting bei München Workshops. Außerdem nahm sie an Meetings teil.

Was sie nicht wusste: In den Tagen zuvor hatte sie sich offenbar bei ihren Eltern mit dem neuen Coronavirus Sars-CoV-2 angesteckt. Diese waren aus Wuhan zu Besuch gewesen, wo die Corona-Pandemie ihren Ursprung hatte. Beide berichteten rückblickend unspezifische Symptome und wurden später positiv auf das Virus getestet.

In den Tagen, nachdem die Frau in München gelandet war, spürte sie ungewöhnliche Brust und Rückenschmerzen und nahm Paracetamol. Während ihres Aufenthalts fühlte sie sich müde, führte das jedoch auf den Jetlag zurück, schreiben die Forscher im Fachmagazin "The Lancet Infectious Diseases" .

Typische Covid-19-Symptome wie Fieber und Husten entwickelte die Frau allerdings erst nach ihrer Rückkehr nach Shanghai. Eine Woche später wurde sie positiv auf das neue Coronavirus getestet. Zu der Zeit hatte sie bereits vier Kollegen in Deutschland und einen mitreisenden Kollegen angesteckt.

Ansteckung in einem winzigen Raum nicht garantiert

Webasto erfuhr am Morgen des 27. Januar von dem positiven Befund und fing daraufhin an, Kontakte zu identifizieren. Die neue Studie zeigt nun, dass nur zwei der vier in Deutschland infizierten Mitarbeiter tatsächlich sehr engen Kontakt zu Patientin null hatten: Patient eins und Patientin vier.

Patient eins saß bei einer Besprechung am 20. Januar in einem etwa zwölf Quadratmeter kleinen Raum direkt neben der Infizierten aus China. Allerdings ist der Aufenthalt im gleichen Raum offenbar keine Garantie für eine Ansteckung: Zwei andere Kollegen, die bei dem Treffen dabei waren und am gegenüberliegenden Tischende gesessen hatten, infizierten sich nicht.

Patientin vier traf den Gast aus China während dessen dreitägigen Aufenthalts mehrfach und löste am 22. Januar in der Webasto-Kantine eine Kettenreaktion aus. Obwohl sie zu dem Zeitpunkt noch keine Symptome hatte, steckte sie einen Kollegen an: Patient fünf. (Anm: Aus der Studie geht lediglich hervor, dass die Reisende aus China sowie zwei weitere Personen in der Infektionskette weiblich waren. Wo das Geschlecht unklar ist, nutzen wir die männliche Form, obwohl es zwei weitere weibliche Infizierte gab.)

Die beiden saßen Rücken an Rücken an verschiedenen Tischen, allerdings drehte sich Patient fünf einmal um, um sich einen Salzstreuer zu leihen. Eine Auswertung der Virussequenzen der beiden Infizierten legt nahe, dass das für eine Ansteckung gereicht hat.

Kantinentreffen mit Folgen

Diese eine unglückliche Begebenheit war letztlich entscheidend dafür, dass der Ausbruch bei Webasto so große Kreise zog. Fünf der 16 Infektionen stehen im direkten Zusammenhang mit Patient fünf, wenn man ihn selbst mitzählt. Insgesamt infizierten sich in der Ansteckungskette um ihn neun Personen, ihn selbst eingeschlossen.

Nichtsahnend infizierte Patient fünf auf der Arbeit zwei Kollegen: Patient sieben und acht. Patient sieben erwischte es wohl bei einem eineinhalbstündigen Treffen, obwohl 1,5 Meter Abstand zum Infizierten bestand. Er steckte daraufhin weitere zwei Kollegen und eine Person im eigenen Haushalt an.

Patient acht infizierte sich den Forschern zufolge, als Patient fünf noch keine oder lediglich erste Symptome hatte - ein weiterer Beleg dafür, dass das neue Coronavirus bereits ansteckend ist, bevor es Infizierte krank macht.

Drei von vier Familienmitglieder steckten sich an

Patient fünf verteilte das Virus außerdem in seiner fünfköpfigen Familie. Nachdem feststand, dass er sich infiziert hatte, wurden alle Familienmitglieder in einem Raum im Krankenhaus isoliert. Zwei Beteiligte steckten sich dabei offenbar direkt bei Patient fünf an, ein weiteres Familienmitglied erhielt das Virus wiederum von einem dieser Infizierten.

Demnach steckten sich drei von vier Familienmitgliedern in der Isolation auf engem Raum an - das entspricht einem Infektionsrisiko von 75 Prozent. Experten sprechen auch von der Secondary Attack Rate - der sekundären Befallsrate.

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

"Obwohl es sich um eine Einzelbeobachtung handelt, zeigt die Studie das hohe Risiko für enge Haushaltskontakte, die ein Zimmer teilen", schreiben die Forscher. Demnach müssten Maßnahmen getroffen werden, um solche Übertragungen zu vermeiden, insbesondere wenn vorerkrankte Menschen anwesend seien.

Wie entscheidend die Enge des Kontakts für das Infektionsrisiko im Haushalt ist, zeigen auch die weiteren Ergebnisse der Studie: Von 20 weiteren Haushaltskontakten der Patienten steckten sich nur zwei an, bevor die Infizierten isoliert wurden. Das entspricht einer Rate von zehn Prozent.

Unter den 217 Kontakten außerhalb der Haushalte infizierten sich elf, das sind ungefähr fünf Prozent. Die geringe Rate könne allerdings auch damit zusammenhängen, dass die Infizierten schnell isoliert und der Webasto-Standort am 11. Februar geschlossen wurde.

Infektion bei der gemeinsamen PC-Arbeit

Kleinere Infektionsketten gab es auch im Zusammenhang mit den Webasto-Mitarbeitern Patient zwei und drei. Zwar kann sich keiner der beiden erinnern, engen Kontakt mit Patientin null gehabt zu haben. Genetische Analysen deuten aber darauf hin, dass sich Patient zwei direkt bei der Frau angesteckt hat. Er infizierte später auch eine Person im eigenen Haushalt, die als einzige in der Untersuchung keine Symptome entwickelte.

Patient drei arbeitete am 24. Januar kurzzeitig zusammen mit Patient eins am gleichen Computer und fing sich das Virus wohl dabei ein. Damit haben sich drei der vier Erstinfizierten direkt bei Patientin null angesteckt.

Virus nach Spanien mitgenommen

Nachdem sich Patient drei bei Patient eins angesteckt hatte, hatte er eine private Verabredung mit Patient zwölf. Ungefähr 90 Minuten lang saßen die beiden nebeneinander - wo sie sich trafen, ist nicht klar.

Anschließend gingen sie zu Patient drei nach Hause und verbrachten den restlichen Abend zusammen mit dessen Partner oder Partnerin. Er oder sie steckte sich dabei übrigens nicht an, Patient zwölf aber schon.

Drei Tage später flog Patient zwölf in den Urlaub nach Teneriffa und wurde dort zwei Tage später im Krankenhaus isoliert. Damit war der Urlaub wohl gelaufen. Auch der chinesische Kollege, der mit Patientin null nach Deutschland gereist war, entwickelte Symptome wie Husten und wurde positiv getestet.

Im Zusammenhang mit beiden Flügen wurde im Nachhinein nach möglichen Infektionen gesucht. Bekannt geworden sind jedoch keine.

Den Infizierten von damals geht es heute gut

Inzwischen sind alle Infizierten des Webasto-Clusters wieder gesund. Zwei der sechzehn Patienten haben Zeichen einer Lungenentzündung entwickelt, berichten die Forscher. Beim Rest verlief die Erkrankung mild.

Das dürfte auch damit zusammenhängen, dass die Betroffenen jung und gesund sind. Das mittlere Alter liegt bei 35 Jahren. Vier Frauen und zwölf Männer steckten sich an, wobei das Virus bei Webasto vermutlich auch auf mehr Männer traf. In der Studie wurde das Geschlechterverhältnis nicht näher erläutert.

"Das klinische Gesamtbild wäre in einer Gruppe mit älteren Menschen oder chronischen Erkrankungen möglicherweise ein anderes gewesen", schreiben die Forscher.

Ihre Studie zeigt auch, dass der Corona-Test nicht immer ein sicheres Ergebnis liefert. Eine Patientin wurde zunächst zweimal negativ getestet, obwohl sie bereits Symptome hatte. Möglicherweise kann es sich lohnen, Personen mit klaren Symptomen mehrfach zu testen. Insgesamt habe sich der Test aber als zuverlässig erwiesen, so die Forscher.

Die Tatsache, dass es mehrfach Ansteckungen gab, obwohl Infizierte keine, leichte oder unspezifische Symptome hatten, könnte in der Bekämpfung der Pandemie zum Problem werden, warnen sie. "Obwohl der Ausbruch unter Kontrolle gebracht und damit wertvolle Zeit vor einer breiten Infektionswelle in Deutschland gewonnen wurde, könnte es schwierig werden, das Virus langfristig global einzudämmen."