Erstes Quartal 2022 Starker Rückgang bei Organspenden – Mediziner überrascht

In Deutschland gab es in den ersten drei Monaten des Jahres deutlich weniger Spenden als 2021. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation ist vor allem besorgt wegen der Ursache für die sinkenden Zahlen.
Organspendeausweis

Organspendeausweis

Foto: Thomas Trutschel / photothek / IMAGO

Die Zahl der Organspenden ist in den ersten drei Monaten dieses Jahres massiv zurückgegangen. Nachdem die Organspendezahlen im vergangenen Jahr weitgehend stabil geblieben waren, sanken sie im ersten Quartal 2022 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 29 Prozent, wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO)  am Freitag in Frankfurt am Main mitteilte. Laut DSO kam der Einbruch unerwartet. Ein Hauptgrund seien offensichtlich die hohen Coronazahlen zu Jahresbeginn.

Von Januar bis März spendeten demnach 176 Menschen ihre Organe – im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es 249 gewesen. Die Zahl der nach dem Tod entnommenen Organe ging von 778 auf 562 zurück.

Insgesamt konnten in deutschen Transplantationszentren im ersten Quartal 600 Organe übertragen werden, die über Eurotransplant an die Patientinnen und Patienten auf den Wartelisten vermittelt wurden. Das waren 194 Transplantationen weniger als im Vorjahr.

Personalausfall als möglicher Grund

»Vor dem Hintergrund, dass jedes einzelne Organ zählt und Leben retten kann, stehen wir vor einer dramatischen Entwicklung für die rund 8.500 Patienten auf den Wartelisten«, sagte Axel Rahmel, Medizinischer DSO-Vorstand.

Der Einbruch kam völlig unerwartet, zumal Deutschland laut DSO bisher im Vergleich zu den meisten anderen Ländern ohne größere Einbußen durch die Pandemie gekommen war. Als möglichen Grund für die drastische Abwärtsentwicklung der Organspendezahlen nannte die DSO die steigenden Covid-19-Fallzahlen zu Beginn des Jahres und den damit einhergehenden erhöhten Personalausfall auf den Intensivstationen. Es bestehe die hohe Wahrscheinlichkeit, dass dadurch weniger Organspenden realisiert wurden, als unter normalen Umständen möglich gewesen wären.

Auch gab es demnach weniger Zustimmungen zur Organspende. Die Ablehnung einer Organspende sei in Akutsituationen auf Intensivstationen um 11 Prozent gestiegen.

Zudem seien in mehr Fällen Organspenden aufgrund medizinischer Befunde ausgeschlossen worden, etwa wenn bei Patientinnen und Patienten als Zufallsbefund eine Coronainfektion festgestellt wurde. Bis vor Kurzem seien Coronainfizierte noch von einer Organentnahme ausgeschlossen gewesen, heißt es von der DSO. Mittlerweile zeigten aber internationale Erfahrungen, dass eine Spende auch bei einem positiven Coronabefund unter bestimmten Voraussetzungen möglich sei. Seit März würden im Einzelfall deshalb auch Organe von positiven Spenderinnen und Spendern im Eurotransplant-Verbund angeboten. Die Entscheidung über die Transplantation erfolge dann unter sorgfältiger Abwägung der Nutzen und Risiken für den Empfänger, der entsprechend aufgeklärt wird.

Ein weiterer wesentlicher Grund für den Einbruch war den Expertinnen und Experten zufolge ein vorzeitiges Herzkreislaufversagen bei potenziellen Spendern, was eine Organspende unmöglich macht. In 44 Prozent mehr Fällen kam es bei Patienten zu einem Zusammenbruch der Herzkreislauffunktion, bevor der Hirntod festgestellt wurde. Normalerweise werden die Organe eines verstorbenen Spenders bis zur Operation durch intensivmedizinische Maßnahmen funktionsfähig gehalten.

Im gesamten vergangenen Jahr spendeten 933 Menschen nach ihrem Tod mindestens ein Organ. Die Zahl der Spender stieg damit leicht um 2,2 Prozent, gleichzeitig sank jedoch die Zahl der in Deutschland entnommenen Organe um 1,2 Prozent.

mar/dpa/AFP
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