Evolutionsbiologie Auch indigene Völker können kranke Europäer erkennen

Tiere sind in der Lage, kranke Artgenossen am Aussehen zu identifizieren. Eine kleine Studie zeigt nun: Das scheint auch eine grundmenschliche Fähigkeit zu sein, die hilft, Ansteckungen zu verhindern.
Die Illustration zeigt grafisch übereinandergelegt Porträts der Teilnehmer, die mit Placebo (links) oder mit E. coli-Bakterien behandelt wurden

Die Illustration zeigt grafisch übereinandergelegt Porträts der Teilnehmer, die mit Placebo (links) oder mit E. coli-Bakterien behandelt wurden

Foto: Artin Arshamian / Karolinska Institutet / dpa

Menschen können am Gesicht von Erkrankten ablesen, dass diese nicht gesund sind. Auch indigene Völker, die westliche Gesichter kaum oder gar nicht kennen, können mit großer Sicherheit kranke Westeuropäer identifizieren. Zu diesem Schluss kommt eine in der Fachzeitschrift »Proceedings of the Royal Society B«  veröffentlichte Studie des Karolinska-Instituts in Stockholm.

Es ist bekannt, dass Säugetiere die Fähigkeit besitzen, kranke Artgenossen zu erkennen. Das ist entscheidend, um Ansteckungen zu verringern und die eigenen Überlebenschancen zu erhöhen.

Ein internationales Forscherteam um Artin Arshamian hat sich nun angeschaut, inwieweit Menschen das auch können. Vor allem wollten sie wissen, ob sie dazu auch bei Erkrankungen von Personen aus anderen Kulturkreisen in der Lage sind, mit denen sie bisher kaum oder keinen Kontakt hatten. Letztlich haben sie damit untersucht, ob die Fähigkeit zur Erkennung von Kranken eine universelle menschliche Eigenschaft ist.

Probanden absichtlich infiziert

Für die Studie infizierten die Fachleute ein gutes Dutzend schwedischer Testteilnehmerinnen und Teilnehmer mit Bakterien oder gaben ihnen ein wirkungsloses Placebo. Zwei Stunden später wurden die Gesichter der Teilnehmer fotografiert. Diese Aufnahmen wurden dann 53 anderen Teilnehmern aus Schweden sowie mehr als hundert Menschen aus fünf anderen Bevölkerungsgruppen in aller Welt vorgelegt. Sie sollten angeben, hinter welchen der Gesichter sich kranke und hinter welchen gesunde Menschen verbargen.

Bei drei Gruppen handelte es sich um kleine Jäger-Sammler-Völker aus Thailand, Malaysia und Mexiko. Sie leben demnach in Regenwäldern und der Wüste, Zugang zum Fernsehen oder Internet haben sie kaum oder gar nicht. Die weiteren Teilnehmer waren Stadtbewohner aus Thailand und Mexiko.

Gewohnheit hilft nicht

»Es gab Gruppenunterschiede, aber westliche Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die Gesichter aus ihrer eigenen Gemeinschaft beobachteten, waren nicht systematisch besser als nicht westliche Teilnehmer«, schreibt das Forscherteam. Anders gesagt: Alle Gruppen konnten eine kranke Person mit hoher Trefferwahrscheinlichkeit identifizieren.

Das Ergebnis sei überraschend, erklärte Arshamiane. Man habe angenommen, dass diejenigen, die an westeuropäische Gesichter stärker gewöhnt waren, einen Vorteil gegenüber den anderen Gruppen hätten. »Aber das ist überhaupt nicht der Fall gewesen«, so Arshamian.

Die schwedische Testgruppe sei nicht besser als all die anderen Gruppen gewesen, obwohl sie ihr Leben lang gesunde und schwedische Gesichter kennengelernt habe. In weiteren Projekten wollen die Wissenschaftler nun unter anderem untersuchen, ob Kranke und Gesunde auch anhand ihrer Bewegungen unterschieden werden können.

jme/dpa
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