Christian Stöcker

Facebook Zuckerbergs Theorem

Alle Facebook-Nutzer sind Teil eines gigantischen Experiments, das auf einer halbgaren Theorie des Unternehmensgründers basiert. Jetzt erklärte Zuckerberg seine Abkehr von dieser Theorie. Aber warum?
Facebook CEO Mark Zuckerberg.

Facebook CEO Mark Zuckerberg.

Foto: Aaron Bernstein/ REUTERS

"We don't currently have a strong reputation for building privacy protective services." Mark Zuckerberg (2019)

Was Untertreibungen angeht, steht das in etwa auf einer Stufe mit "die Sicherheitsvorkehrungen auf der Titanic waren nicht ganz optimal" oder "Beethoven ist gesundheitlich derzeit etwas angeschlagen". Aber Mark Zuckerberg hat das wirklich so aufgeschrieben  diese Woche: "Wir haben derzeit keinen besonders guten Ruf, was den Aufbau von Diensten angeht, die die Privatsphäre schützen." Es gibt Leute, die formulieren das anders.

"Zuckerberg scheint von dem Berg, den sein Unternehmen aus Fake News, Belästigung, Genozid und Datenskandalen gebaut hat, herabgestiegen zu sein, um zu verkünden, dass er in Sachen Privatsphäre die Religion entdeckt hat", heißt es zum Beispiel beim US-Branchendienst "Venturebeat" .

Die Frage ist, woher die Erleuchtung kam, aber dazu später.

"Mangel an Integrität"

Hier sind zwei Sätze, die Mark Zuckerberg im Jahr 2010 dem Buchautor David Kirkpatrick ("The Facebook Effect") gesagt hat: "Die Ära, in der man für Freunde am Arbeitsplatz oder Kollegen ein anderes Image pflegte als für andere Leute, wird vermutlich ziemlich bald enden. Zwei Identitäten zu haben ist ein Beispiel für einen Mangel an Integrität."

Zuckerberg war damals Mitte 20, und da ist die eigene Vorstellung von der Welt und den eigenen Mitmenschen vielleicht noch nicht so ganz ausgereift. Auch, wenn man mal in Harvard Psychologie studiert hat.

Gut, von dem einen oder anderen Buch hätte man vielleicht schon gehört haben können. Zum Beispiel "The Presentation of Self in Everyday Life"  des Sozialpsychologen und Soziologen Erving Goffman, erschienen 1956. Es gilt als eines der wichtigsten soziologischen Werke des 20. Jahrhunderts.

Verrutschte Rollen = Sitcom-Material

Goffman formuliert darin die These, dass menschliche Interaktionen grundsätzlich Darbietungen für ein Publikum sind. Der deutsche Titel des Buches lautet "Wir alle spielen Theater". Die Rollen, die wir einnehmen, hängen von der Situation und dem Publikum ab. Wenn dabei etwas schiefgeht, wird es peinlich - oder witzig. Amerikanische Sitcom-Autoren haben mit Rollenverschiebungen ganze Serienstaffeln gefüllt.

Daran, dass es möglich und erstrebenswert sein könnte, als Mensch möglichst unveränderlich und "echt" zu sein, glauben heute höchstens Influencer, die dafür bezahlt werden, dass sie auf Instagram "authentisch" Produkte konsumieren.

Wahrscheinlich kam Zuckerberg einfach nicht dazu, sich mal mit der Fachliteratur auseinanderzusetzen. Er war ja damit beschäftigt, das größte unkontrollierte soziotechnische Experiment der Weltgeschichte zu leiten.

Move fast and break things.

Es ist absolut in Ordnung, wenn Mittzwanziger noch an ihrer eigenen Identitätskonstruktion arbeiten. Nicht so günstig ist, wenn ihre improvisierten Theorien über die menschliche Natur zur Basis von Design-Entscheidungen werden, die Hunderte Millionen Menschen betreffen. Ich habe Mark Zuckerberg im Jahr 2008 einmal getroffen. Er wirkte nett, fröhlich, ehrgeizig und schien aufrichtig überzeugt von der Idee, dass all das "Sharing" alles automatisch besser machen werde.

Zwei Jahre später veröffentlichte der IBM-Mitarbeiter Matt McKeon eine vielzitierte Grafik mit dem Titel "The Evolution of Privacy on Facebook" . Sie zeigt, welche Aspekte eines Facebook-Profils - Posts, Fotos, Kontaktdaten, Geburtsdatum, Freundesliste und so weiter - standardmäßig öffentlich gezeigt wurden. Von 2005 bis 2010. Blaue Flächen stehen in der Grafik für öffentliche Informationen. 2010 ist fast die gesamte Abbildung blau.

Zweckentfremdete Telefonnummern

Diese Designentscheidungen hatten gleich zwei Konsequenzen, die sich heute von Washington bis Myanmar bemerkbar machen: Die Verfügbarkeit von privaten Informationen, Neigungen, Interessen, gepaart mit Sortier-Algorithmen, ermöglichten erst all das Targeting, all die kommunikative Zersplitterung und Radikalisierung der letzten Jahre. Und die Illusion des Authentischen erleichterte Propaganda, Desinformation, Manipulation.

Das Zuckerbergsche Theorem von 2010 aber muss längst tief verwurzelter Bestandteil der Unternehmenskultur sein. Anders sind die fortgesetzten Ungeheuerlichkeiten nicht zu erklären, die sich Facebook weiterhin ständig leistet. Etwa der gerade wieder heftig diskutierte Missbrauch von eigentlich für einen Sicherheitsmechanismus abgefragten Telefonnummern  für gänzlich andere Zwecke.

Intim! Privat!

Und jetzt schreibt Zuckerberg solche Sätze: "Eine großartige Eigenschaft von Messaging-Diensten ist, dass persönliche Gespräche und Gruppen privat bleiben, auch wenn die eigene Kontaktliste wächst. So wie Ihr Freundeskreis sich über die Zeit entwickelt, entwickeln sich Messaging-Dienste elegant mit und bleiben dabei intim."

Intim! Privat! Noch so ein Satz: "Ich glaube, dass die Zukunft der Kommunikation sich zunehmend hin zu privaten, verschlüsselten Diensten verschieben wird, wo die Leute darauf vertrauen können, dass das, was sie zueinander sagen, sicher ist und Inhalte nicht ewig verfügbar bleiben."

Man kann das auch so lesen: Zuckerberg erklärt das Experiment Facebook, an dem im Moment zwei Milliarden Menschen teilnehmen, für gescheitert.

Wäre es ihm ernst, müsste Facebook in seiner jetzigen Form dichtmachen. Aber das geht natürlich nicht, schließlich haben wir es mit einer der wertvollsten Aktiengesellschaften der Welt zu tun. Wie aber soll Facebook weiterhin Geld verdienen, wenn es nicht mehr primär die Aufmerksamkeit seiner möglichst gläsernen Nutzer aufsaugen, portionieren und weiterverkaufen will?

Zuckerberg sagt, man wolle sich jetzt, nach dem Vorbild des 2014 hinzugekauften Dienstes WhatsApp, "auf das grundlegendste und privateste Anwendungsszenario konzentrieren", nämlich private Nachrichten. Mit Zusatzfunktionen, "darunter Anrufe, Video-Chats, Gruppen, Stories, Geschäfte, Bezahldienste, Handel und am Ende eine Plattform für viele andere Arten privater Dienstleistungen."

Dieses Unternehmen gibt es bereits - wenn man den Begriff "privat" weglässt. Es hatte Ende 2018 schon über eine Milliarde Nutzer und heißt WeChat. Allein über WeChats Smartphone-Bezahldienst  werden jährlich Transaktionen im Wert von mehreren Billionen - kein Schreibfehler - Euro abgewickelt.

Mit anderen Worten, und das dürfte der eigentliche Hintergrund des Zuckerberg-Manifests sein: Die erfolgreichsten Social Media-Innovationen kommen längst nicht mehr aus dem Silicon Valley - sondern aus China. Und das ist schon wieder ein Grund zur Sorge.