Ende der Fastenzeit Wie Essen als Seelentröster wirkt

Die Lieblingsgerichte dürfen wieder auf den Tisch, die Stimmung steigt. Warum aber heben manche Speisen überhaupt die Laune? Es hat mit Belohnungssystemen im Gehirn zu tun - und mit der Kindheit.

Meghan Oneill/ EyeEm/ Getty Images

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Wenn er niedergeschlagen ist, bereitet sich Nobuyuki Matsuhisa, einer der berühmtesten Köche der Welt, eine Nudelsuppe mit Buchweizennudeln zu. Harald Wohlfahrt vom Restaurant Schwarzwaldstube gönnt sich bei schlechter Laune eine Schlachtplatte, deren Genuss ihn an seine Kindheit auf dem Bauernhof erinnert. Und Jamie Oliver kredenzt sich Hühner-Curry, Burger, Pasta aller Art sowie Torten, wenn seine Stimmung mies ist.

"Trostessen" nennt man das. Die meisten Menschen greifen in Momenten der Traurigkeit oder unter Stress allerdings zu weniger herzhaften Nahrungsmitteln als die drei Star-Köche. Vor allem Schokolade gilt als verlässlich wenn es darum geht, in dunklen Stunden Glück zu stiften. Doch warum kann Essen überhaupt zum Stimmungsumschwung führen? Und wieso freut den einen eher Süßes, wo der andere seine Seele mit dem Verzehr von Nudeln streichelt?

Schon beim ersten Bissen wird das Belohnungssystem aktiviert

Essen ist überlebenswichtig. Was wie eine Binsenweisheit klingt, wird wichtig, wenn man die enge Verbindung zwischen Essen und Emotionen verstehen will: Damit der Mensch von alleine darauf achtet, sich stets ausreichend Energie zuzuführen, arbeiten im Gehirn ausgeklügelte Regelkreise.

So melden Hormone aus dem Magen-Darmtrakt, der Bauspeicheldrüse und dem Fettgewebe an das Gehirn, ob es Zeit für Nahrungsaufnahme ist. Schon beim ersten Bissen wird dann über den Geschmack der Speisen sehr schnell das Belohnungssystem aktiviert - Endorphine und Dopamin strömen ins Blut. Besonders gut funktioniert dieser Effekt bei süßen und fetten Speisen, weil diese dem Körper anzeigen, dass ihn etwas sehr Kalorienreiches und damit besonders Wertvolles erreicht hat.

Auch die Konsistenz der Nahrung spielt eine Rolle. Cremig, zartschmelzend, leicht zu essen oder zu knuspern - all das hat einen so genannten "sensorisch-affektiven Effekt". Trost wird laut der Wiener Psychologin Helene Karmasin darum häufig bei Nahrungsmitteln gesucht, die dem Typ "süßer Brei" ähneln. "Trinken aus Fläschchen tröstet, was unter anderem den Erfolg von Smoothies ausmacht", sagt Karmasin.

Auch positive Assoziationen spielen eine Rolle

Erinnerungen spielen eine wichtige Rolle dabei, welches Nahrungsmittel als Trostessen empfunden wird. Sie werden durch spezifische Geschmäcker und Gerüche hervorgerufen, etwa wenn der Duft von Apfelkuchen oder frischen Erdbeeren mit glücklichen Tagen in der Kindheit assoziiert werden. Wer als Kind im Krankenbett stets mit Grießbrei gesund gepflegt wurde, wird diese Speise sein ganzes Leben mit elterlicher Fürsorge verbinden.

Dass Trostessen so schnell seine Wirkung entfaltet, liegt auch daran, dass bestimmte Speisen symbolisch das Konzept sozialer Beziehungen im Gehirn repräsentieren. Jordan Troisi, Psychologe an der State University of New York, hat in einer Studie aus dem Jahr 2011 gezeigt, wie Comfort Food Gefühle der Anspannung und Einsamkeit verjagen kann. Warme Speisen wie Suppe, Kartoffelbrei oder Milchreis aber auch Tee eigenen sich dafür besonders gut, da Wärme zusätzlich für Entspannung steht, während etwa ein Apfel eher mit Kälte, Leistung und Stress assoziiert wird.

Aber Nahrung wirkt auch noch auf anderen Wegen auf unser Gemüt. "Allein durch die Sättigungswirkung von Essen, die etwa über Insulin oder Leptin vermittelt wird, kann sich ein Gefühl der Zufriedenheit einstellen", sagt André Kleinridders vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE).

Auch führen kohlenhydratreiche Mahlzeiten wie Nudelgerichte zu erhöhter Tryptophan-Konzentration im Blut, dieses kann die Blut-Hirn-Schranke überwinden und zu vermehrter Bildung des Glückshormons Serotonin führen. Auch Stoffe wie Koffein oder Theobromin, die in Schokolade stecken, haben einen stimmungsaufhellenden Effekt, die allerdings erst zeitverzögert, etwa 30 Minuten bis eine Stunde nach der Mahlzeit einsetzen.

Trostessen wird gefährlich, wenn daraus Fressattacken werden

"Das Trostessen ist solange nicht bedenklich, solange es nicht dazu führt, dass man sich langfristig nur noch von ungesunden Snacks ernährt", sagt Kleinridders. Wenn also bei Ärger, Frustration oder Sorgen und Ängsten keine alternativen Bewältigungsstrategien zur Verfügung stehen und regelrechte Fressattacken entstehen, ist das irgendwann schlecht für die Gesundheit. Der Zuckerstoffwechsel gerät aus den Fugen, Fettpolster wachsen. Rund jeder vierte Deutsche gehört laut der TK-Ernährungsstudie 2017 zu diesen so genannten Stressessern.

Einige Forscher vermuten, dass die frühe Mutter-Kind-Interaktion von Bedeutung ist, wenn Menschen sich nur mit Essen trösten können. Wenn ein Kind immer dann gefüttert wird, wenn es unzufrieden ist, wird die natürliche Beruhigungswirkung von Essen verstärkt. Michael Macht, Psychologe an der Universität Würzburg hält dies jedoch nicht für bewiesen. Es fehlten dazu empirische Belege.

"Sicher wird emotionales Essen jedoch im Laufe des Lebens erlernt", so Macht. Möglicherweise hat es etwa auch einen Einfluss, wenn Kinder mit Nahrung belohnt oder bestraft werden. "Auch lernen Kinder von Vorbildern", sagt Macht. Sind also Mutter oder Vater Stressesser, schauen sie sich das von den Eltern ab.

Doch auch im Erwachsenenalter ist man nicht gefeit, ein emotionaler Esser zu werden. Wenn man in einer schwierigen Situation die Erfahrung macht, dass Essen über den ersten Kummer hinweg hilft, kann es zur Gewohnheit werden. Anstatt Diät ist hier dann eher Stressmanagement angesagt.


Zusammengefasst: Jeder hat eine Lieblingsspeise, die Kummer und Stress verjagt. Dabei spielen physiologische und psychologische Prozesse eine Rolle. Gesundheitsschädlich wird das nur, wenn chronischer Stress ausschließlich mithilfe von süßen und fetten Snacks bekämpft wird.

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insgesamt 2 Beiträge
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dasfred 19.04.2019
1. Klingt zwar logisch aber.....
Dieses eine Lieblingsessen kenne ich nicht. Ich koche täglich selbst und höre morgens beim Einkaufen schon auf meinen Körper. Der sagt mir, welches Gemüse er heute will, ob und welches Fleisch oder Fisch, warme oder kalte Küche. Ich kann nicht feststellen, dass ich in bestimmten Gemütslagen ein Lebensmittel bevorzuge, eher zu einer Geschmacksrichtung tendiere oder eine Konsistenz benötige. Mein "Lieblingsessen" gibt es nur für den Moment.
mirage122 19.04.2019
2. Das pure Glück!
Allein dieses Bild des Schoko-verschmierten Kindes ist ein Grund dafür, warum unsere Familie nicht fastet. Einfach den Körper fragen, was er möchte und was ihm gut tut. Ich habe z.B. einen Enkel, der absolut nichts Süßes isst. Ist er deshalb ein Fall für den Psychiater? Nein, er ist putz-gesund und immer guter Dinge. Und manche Eltern wären froh, wenn sie so ein Kind hätten - aber andere rennen deswegen zum Kinderarzt!
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