Aktualisierte WHO-Leitlinie Alle Messstellen an Straßen in Städten überschreiten Stickstoffdioxid-Richtwerte

Die WHO hat eine neue Leitlinie zur Luftqualität veröffentlicht. Hierzulande werden die Richtwerte für Feinstaub und Stickstoffdioxid vielerorts überschritten. Das könnte demnächst auch rechtlich zum Problem werden.
Autos in Berlin: Durch ihre Nutzung gelangen Feinstaub und Stickoxide in die Luft

Autos in Berlin: Durch ihre Nutzung gelangen Feinstaub und Stickoxide in die Luft

Foto: Florian Gaertner / Photothek / Getty Images

Laut der Europäischen Umweltagentur EEA ist Luftverschmutzung die größte von der Umwelt ausgehende Gesundheitsgefahr in Europa. Atmen Menschen dauerhaft Schadstoffe ein, steigt ihr Risiko für Herz-Kreislauf- und Lungenerkrankungen. Die meisten EU-Staaten tun sich dennoch schwer damit, geltende Grenzwerte einzuhalten.

In der Mehrzahl der Länder überschritt 2019 mindestens ein Wert die gesetzlich festgelegten Grenzwerte, zeigt ein Bericht vom Dienstag. Deutschland hatte in der Vergangenheit insbesondere Schwierigkeiten, Stickoxid-Grenzwerte einzuhalten. Im Juni 2021 verurteilte der Europäische Gerichtshof (EuGH) den Staat, weil die Stickstoffdioxidwerte zwischen 2010 und 2016 in 26 Städten »systematisch und fortdauernd« überschritten worden waren.

Zwar sinkt die Stickoxidbelastung hierzulande seit Jahren, der geltende EU-Grenzwert wird teils aber noch immer überschritten. Nun kommt zusätzlicher Druck von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die gesundheitliche Risiken durch Luftverschmutzung bewertet. Sie hat am Mittwoch ihre neue Leitlinie zur Luftqualität vorgelegt.

Diese enthält deutlich geringere Richtwerte für die empfohlene Maximalbelastung mit Feinstaub und Stickstoffdioxid (NO2) als zuvor. Zwar sind die Angaben rechtlich nicht bindend, sie könnten aber bald in EU-Regelungen aufgenommen werden. Eine Analyse des Science Media Center zeigt, dass die Belastung mit Luftschadstoffen in Deutschland an sehr vielen Stellen über den empfohlenen Grenzen der neuen WHO-Leitlinie liegt.

Alle Messstationen überschreiten neue Stickstoffdioxid-Grenze

Die größte Veränderung gibt es ausgerechnet bei der Grenze für die in Deutschland immer wieder diskutierte Stickstoffdioxid-Belastung. Stickstoffdioxid reizt die Atemwege und kann etwa für Asthmatiker zum Problem werden. Es entsteht bei Verbrennungsprozessen, etwa in Dieselmotoren. Zudem reagiert der Stoff mit Bestandteilen der Luft, wobei sogenannter sekundärer Feinstaub entsteht.

Zum Schutz der Gesundheit gilt für Stickstoffdioxid eine gesetzliche Grenze von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft im Jahresmittel. Das entsprach bislang der WHO-Leitlinie. Die Organisation hat den Wert nun aber deutlich gesenkt und empfiehlt nur noch maximal zehn Mikrogramm pro Kubikmeter im Jahresdurchschnitt.

Schadstoff

WHO 2005*

WHO 2021

EU-Grenzwert

PM2,5

10 µg/m³

5 µg/m³

25 µg/m³

PM10

20 µg/m³

15 µg/m³

40 µg/m³

NO2

40 µg/m³

10 µg/m³

40 µg/m³

*Zuletzt gültige WHO-Leitlinie zur Luftqualität

Alle 252 Stickstoffdioxid-Messstationen, die an Straßen in Städten in Deutschland stehen, hätten diesen neuen WHO-Richtwert im Mittel der Jahre 2019 und 2020 überschritten – obwohl der Verkehr in der Coronapandemie zwischenzeitlich deutlich zurückging. Auch an 98 von 109 Messstationen in Städten, die abseits von Straßen stehen, wäre der Wert gerissen worden und selbst zahlreiche Messstellen im ländlichen Umfeld hätten ihn nicht eingehalten.

Zum Vergleich: Der frühere und offizielle Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft wurde 2019 an 51 Messstationen überschritten – das betraf immer verkehrsnahe, städtische Messpunkte. Im Pandemiejahr 2020 war der Wert an sieben Messstationen zu hoch. Das Jahr läuft allerdings außer Konkurrenz, weil damals deutlich weniger Verkehr auf den Straßen war als sonst üblich.

Bislang ist es vor allem gelungen die Stickstoffdioxid-Belastung dort zu senken, wo sie sehr hoch war. Mittlere Werte weiter zu reduzieren, war allerdings kaum möglich. Um den WHO-Grenzwert einzuhalten, müsste demnach weitreichender gegengesteuert werden.

An vielen Stellen auch zu viel Feinstaub

»Um Verbesserungen der Luftqualität zu erreichen, sind umfassende und ambitionierte Maßnahmen in allen Sektoren – etwa Verkehr, Energie, Industrie, Landwirtschaft, Wohnen – und auf allen Ebenen – international, national, lokal – erforderlich«, erklärt Tamara Schikowski, Arbeitsgruppenleiterin am Leibniz-Institut für umweltmedizinische Forschung der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Politik und Automobilindustrie müssten umdenken.

Auch der neue WHO-Wert für Feinstaub der Fraktion PM2,5 liegt deutlich unter dem gesetzlichen EU-Grenzwert von 25 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft im Jahresmittel. Hier gab es schon länger eine Diskrepanz zwischen der WHO-Leitlinie und dem EU-Recht. Die WHO empfahl bislang einen Maximalwert von zehn Mikrogramm pro Kubikmeter Luft im Jahresmittel, den hat sie nun auf fünf Mikrogramm pro Kubikmeter abgesenkt.

Messstelle für Luftschadstoffe in Berlin-Neukölln

Messstelle für Luftschadstoffe in Berlin-Neukölln

Foto: Thomas Trutschel / Photothek / Getty Images

Die EU-Vorgaben wurden 2019 und 2020 in Deutschland an allen Messstationen erfüllt. Nimmt man allerdings die bisherige WHO-Leitlinie zur Grundlage, hätten 2019 53 von 67 verkehrsnahen, städtischen Stationen zu hohe Belastungen registriert. Das entspricht etwa 80 Prozent. 2020 entspannte sich die Lage durch die Pandemie deutlich. Legt man allerdings die neue WHO-Empfehlung zugrunde, überschritten selbst damals alle Messstationen außer einer den Richtwert.

PM2,5 beschreibt Feinstaub mit einem aerodynamischen Durchmesser kleiner als 2,5 Mikrometer. Durch seine geringe Größe kann er tief in die Atemwege vordringen, sich dort festsetzen und Lungenschäden verursachen.

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Ein ähnliches, aber nicht ganz so düsteres Bild wie bei PM2,5 ergibt sich bei Feinstaub der Größe PM10. Damit sind Partikel gemeint, deren aerodynamischer Durchmesser unter zehn Mikrometern liegt. Auch sie können die Atemwege belasten. Feinstaub entsteht bei Verbrennungsvorgängen – etwa in Motoren von Autos und Lkw.

Der gesetzlich festgeschriebene Grenzwert für das Jahresmittel von Feinstaub der Größe PM10 liegt bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Die neue WHO-Empfehlung gibt einen Wert von 15 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft vor, zuvor waren es 20. Den EU-Grenzwert für PM10 haben in den vergangenen zwei Jahren alle Messstationen in Deutschland im Jahresmittel eingehalten.

Setzt man jedoch den Wert aus der neuen WHO-Leitlinie an, hätten 2019 fast alle Stationen mit verkehrsnahem, städtischen Standort den empfohlenen Maximalwert überschritten, insgesamt 113 von 119 Messstellen. Bezogen auf den früheren WHO-Richtwert, gab es in dem Jahr 39 Stationen mit höheren Werten.

WHO-Werte könnten ins Gesetz übernommen werden

Von Bedeutung ist die neue WHO-Leitlinie insbesondere auch mit Blick auf einen Beschluss des Europäischen Parlaments vom März 2021. Demnach sollen die EU-Luftqualitätsnormen anhand der neuen Einschätzung der WHO aktualisiert werden. Geplant ist das derzeit für das dritte Quartal 2022.

»Die WHO zeigt mit den Richtwerten, dass auch geringe Konzentrationen von Luftschadstoffen, die weit unter den bisherigen empfohlenen Richtwerten liegen, schwerwiegende Gesundheitseffekte auslösen können«, so Barbara Hoffmann, Leiterin der Arbeitsgruppe Umweltepidemiologie am Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Die WHO geht davon aus, dass wenn ihre Richtwerte für Feinstaub PM2.5 eingehalten werden würden, 80 Prozent der auf diesen Schadstoff zurückzuführenden vorzeitigen Todesfälle vermieden werden könnten. Insbesondere bei durch Luftschadstoffe belasteten jungen Menschen ließe ich dadurch viel Lebenszeit und -qualität gewinnen.

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