Lesen Kinder lernen langsamer unter Fluglärm

Je stärker der Lärm, desto langsamer lernen Kinder lesen - das ergab eine Untersuchung in 29 Schulen im Rhein-Main-Gebiet. Schon zehn Dezibel mehr wirken sich deutlich aus.
Passagierflugzeug über Wohnhäusern in Flörsheim: Monate im Rückstand beim Lesenlernen

Passagierflugzeug über Wohnhäusern in Flörsheim: Monate im Rückstand beim Lesenlernen

Foto: Arne Dedert/ picture alliance / dpa

Lärm kann sich stark auf die Gesundheit auswirken - das gilt seit langem als bewiesen. Jetzt besagt eine Studie, dass der Krach an Flughäfen auch das Lernvermögen von Kindern beeinträchtigt.

Die sogenannte Norah-Lärmstudie (Noise-Related Annoyance, Cognition, and Health) wurde am Dienstag in Frankfurt vorgestellt. Die Autoren fanden heraus: Je stärker die Lärmbelastung, desto langsamer lernen Kinder lesen. Wächst der Dauerschallpegel um zehn Dezibel, sind Kinder in den lärmbelasteten Schulen im Vergleich zu anderen einen Monat im Rückstand beim Lesenlernen, bei 20 Dezibel mehr sind es zwei Monate.

Dabei fällt auf, dass sich dieser Effekt bei Kindern deutlicher zeigte, deren Eltern aus Deutschland stammen. Bei Kindern zugewanderter Eltern hingegen war er kaum messbar. "Der statistische Effekt ist klein", sagte Studienleiterin Maria Klatte. Man wisse aber nicht, sich der relativ kleine Effekt auf die weitere Entwicklung der Kinder auswirke.

Für die Studie wurden im Frühjahr 2012 Tests, Befragungen und Messungen an 29 Schulen in 85 Schulklassen im Rhein-Main-Gebiet rund um den Frankfurter Flughafen unternommen. Die Schulen lagen in vier unterschiedlich betroffenen Gebieten - ihr Dauerschallpegel reichte tagsüber von 39 Dezibel bis 59 Dezibel. Gesprochen haben die Wissenschaftler mit 1243 Zweitklässlern, 1185 Eltern und 85 Lehrern, die auch nach ihrer eigenen Einschätzung der Lärmbelastung gefragt wurden.

"Basis für eine sachlich fundierte Diskussion"

Für den Vorsitzenden der Frankfurter Fluglärmkommission, den Raunheimer Bürgermeister Thomas Jühe (SPD), ist das Ergebnis der Studie in der Debatte um Lärmbelastung ein "Riesenfortschritt". Die hessische Landesregierung kündigte "wirksame Maßnahmen" an. Mit der Reduzierung des Fluglärms müsse "das Übel an der Wurzel" gepackt werden, sagte Regierungssprecher Michael Bußer (CDU). Außerdem müsse darüber nachgedacht werden, wie die Lesedefizite der betroffenen Kinder kompensiert werden könnten. Dies könne an den Schulen geschehen oder auch über verstärktes Vorlesen der Eltern.

Der Flughafenbetreiber Fraport sieht den Einfluss von Fluglärm als weniger gravierend als sozioökonomische Einflüsse oder Rahmenbedingungen des Unterrichts. So hätten Kinder aus Haushalten mit wenigen Kinderbüchern sogar einen Leserückstand von dreieinhalb Monaten, teilte Fraport in einer Reaktion mit.

Die Luftfahrtwirtschaft empfindet die Studie als hilfreich für die Debatte: "Die Ergebnisse haben die Basis für eine sachlich fundierte Diskussion zu den Auswirkungen von Lärm auf Zweitklässler geschaffen", sagte Klaus-Peter Siegloch, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft laut Mitteilung. Es habe sich auch gezeigt, dass die Luftfahrt mit ihren bisherigen Lärmschutz-Maßnahmen auf dem richtigen Weg sei.

boj/dpa
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