Forscher über die neue Virusvariante Trickst Omikron die Immunabwehr aus?

Auch in Deutschland sind die ersten Omikron-Fälle aufgetreten. Was Wissenschaftler wie Christian Drosten zu der Corona-Mutation sagen. Wie gefährlich sie sein könnte. Und was das für Impfungen bedeutet.
Charité-Forscher Christian Drosten

Charité-Forscher Christian Drosten

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MICHAEL KAPPELER/ AFP

Erst war es nur ein Verdachtsfall in Hessen, nun bestätigte die Landesregierung: Ein Patient sei an der aus Südafrika stammenden Omikron-Mutation des Coronavirus erkrankt. In den Niederlanden, wo am Drehkreuz in Amsterdam viele Flugzeuge landen, nannten die Behörden die Zahl von 13 Omikron-Infizierten, die im Laufe der Woche mit Flügen aus Südafrika eingetroffen seien.

DER SPIEGEL

Auch Frankreich, Österreich und Australien schlagen Alarm. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier rief dazu auf, einen Lockdown durch freiwillige Kontaktbeschränkungen zu verhindern, und appellierte an alle, sich impfen zu lassen. 58 Prozent der Bürgerinnen und Bürger halten unterdessen die aktuellen Maßnahmen für nicht ausreichend, so eine Umfrage für »Bild am Sonntag«.

Bei den am Wochenende aus Südafrika und Namibia zurückgekehrten Passagieren gab es allerdings nach SPIEGEL-Informationen nur sehr wenige Verdachtsfälle der neuen Virusvariante. Am Flughafen in Frankfurt am Main schlugen bei lediglich drei einreisenden Passagieren aus dem südlichen Afrika entsprechende Schnelltests an, sie wurden umgehend in ein nahe gelegenes Hotel gebracht.

Das zuständige Gesundheitsamt teilte am Sonntag mit, nur ein sehr viel genauerer PCR-Test könne klären, ob die einreisenden Passagiere wirklich mit Covid-19 infiziert seien. Und erst dann können die Experten durch aufwendige Sequenzierung feststellen, ob sie sich mit der neuen Mutante des Virus angesteckt haben oder nicht.

Seit dem Wochenende gelten für Direktflüge aus mehreren Ländern im südlichen Afrika strenge Einreisevorschriften. So dürfen Lufthansa oder Eurowings grundsätzlich nur deutsche Staatsbürger transportieren. Alle müssen vor der Reise einen frischen negativen PCR-Test vorweisen; in Deutschland folgt dann eine 14-tägige Quarantäne.

Krisenstab: Variante wohl nicht mehr einzudämmen

Das Gesundheitsamt hatte am Wochenende mehrere Teams an den Frankfurter Flughafen geschickt. Direkt nach der Ankunft der Direktflüge aus Südafrika oder Namibia stellen die Mitarbeiter sicher, dass alle einreisenden Passagiere einen Corona-Schnelltest machen. Die Maßnahme gilt auch für sogenannte Umsteiger, die in Südafrika oder Namibia gestartet waren und über Drittländer wie Äthiopien oder die Golf-Emirate nach Deutschland kamen.

In der Bundesregierung wurde am Wochenende diskutiert, ob man ankommende Passagiere in Hotels in eine kontrollierte Quarantäne schicken soll. Diese Zwangsisolierung gilt in China ebenso wie in Großbritannien seit Monaten. Die Idee wurde aber verworfen, da eine Internierung in einer Kaserne oder einem Hotel rechtlich nicht vorgesehen ist.

Aus dem Corona-Krisenstab hieß es nach einigen Telefonkonferenzen, die Ausbreitung der neuen Variante sei vermutlich nicht mehr einzudämmen. Trotzdem müsse die Einhaltung der Quarantäne bei Rückkehrern aus Afrika streng kontrolliert werden, dies solle den lokalen Gesundheitsämtern noch einmal eingeschärft werden.

Was sagen Wissenschaftler?

Noch ist die neue Mutation nicht ausreichend erforscht. Vieles bei Omikron erinnert aber an die Anfangsphase von Delta. Auch bei dieser Variante waren zunächst nur wenige Fälle bekannt, schon bald darauf bestimmte sie vielerorts das Infektionsgeschehen. Könnte es bei Omikron genauso laufen – oder schlimmer?

Passagiere in einer Maschine am Amsterdamer Flughafen

Passagiere in einer Maschine am Amsterdamer Flughafen

Foto: JEFFREY GROENEWEG / AFP

Wie gefährlich die Omikron-Mutation für Geimpfte und Ungeimpfte ist, wird noch untersucht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stufte die Variante bereits als »besorgniserregend« ein. Auch die Daten aus Südafrika lassen erste Einschätzungen von Wissenschaftlern und Gesundheitsexperten zu. Ein Überblick wichtiger Stimmen aus Deutschland und weltweit:

Christian Drosten, Chefvirologe der Berliner Charité: Durch die Mutation des Virus sei eine höhere Ansteckungsrate zwar denkbar, lasse sich aber bislang nicht nachweisen. Aus den Zahlen in Südafrika allein könne man nicht zwingend auf eine erhöhte Übertragbarkeit schließen, auch weil das Infektionsgeschehen dort zuletzt stark reduziert gewesen sei und neu auftretende Ausbrüche vor einem kleinen Hintergrund übergroß erscheinen könnten.

Der geografische Ursprung von Omikron müsse nicht in Südafrika liegen, erklärt Drosten: »Angrenzende Länder, die starke Reiseverbindungen mit Südafrika unterhalten, haben eine geringer ausgeprägte Virusüberwachung als Südafrika.« Zudem liege der Flughafen Johannesburg in der Provinz, in der das Virus in Südafrika zuerst bemerkt worden sei.

Und was ist mit dem Impfschutz? »Nach derzeitigem Ermessen sollte man davon ausgehen, dass die verfügbaren Impfstoffe grundsätzlich weiterhin schützen«, so Drosten. Gerade der Schutz gegen schwere Erkrankungen sei besonders robust gegen Virusveränderungen.

»Die Genomveränderungen weisen darauf hin, dass dieses Virus einen Immun-Escape zeigen könnte«, erklärt Drosten. Auch das Fallgeschehen in Südafrika lasse plausibel erscheinen, dass Omikron eine gegen andere Sars-CoV-2-Versionen aufgebaute Immunabwehr umgehen könnte: Die derzeit nachgewiesenen Infektionen fänden in sehr großem Maße bei vorher bereits Genesenen statt – es steckten sich also Menschen an, die schon mit Delta oder einer anderen Variante infiziert gewesen seien.

Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), sagte: »Alle Menschen, die sich impfen lassen, fangen nicht bei null an, wenn sie sich mit einer neuen Variante infiziert haben.« Sie hätten auf jeden Fall schon einen gewissen Impfschutz, das sei entscheidend zu wissen.

Leif Erik Sander, Infektionsimmunologe an der Charité: Omikron habe zwar viele Veränderungen an Stellen, an denen gerade die besten Antikörper binden könnten. »Aber unser Körper bildet eine Unmenge an verschiedenen Antikörpern.« Hinzu kämen spezielle Zellen der Immunabwehr, die in der Regel ganz andere Stellen erkennen würden als die Antikörper. »Also, wir haben immer ein Netz und einen doppelten Boden«, sagte der Immunologe.

Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie (DGFI): Aussagen über den Krankheitsverlauf seien derzeit nicht möglich, »dazu haben wir momentan einfach zu wenige Fälle«, sagt Watzl. Südafrika habe andere Grundvoraussetzungen – etwa eine andere Altersstruktur – als Länder wie Deutschland. Hinzu komme, dass sich in Südafrika großteils Menschen infizierten, die schon von einer anderen Variante genesen seien, also schon einen gewissen Immunschutz hätten.

Karl Lauterbach, Arzt und SPD-Gesundheitsexperte: Der Epidemiologe hält angesichts der Informationen aus Südafrika einen leichten Krankheitsverlauf von Omikron für möglich. »Es wäre ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk, wenn Omicron leichter verliefe«, schrieb Lauterbach bei Twitter. »Bei so vielen Mutationen wäre es aber denkbar.«

Lauterbach verwies auf einen Artikel in der britischen Zeitung »Telegraph«: Die südafrikanische Ärztin Angelique Coetzee gab an, dass die Symptome der neuen Virusvariante zwar ungewöhnlich, aber mild ausfielen. Coetzee ist auch Vorsitzende des südafrikanischen Ärzteverbands. Sie war nach eigenen Angaben die Erste, die auf die Möglichkeit einer neuen Virusvariante hinwies, nachdem Patienten in Pretoria ihre Praxis mit bis dahin eher ungewöhnlichen Coronasymptomen aufgesucht hatten.

Ran Balicer, Corona-Chefberater der israelischen Regierung: Angesichts der Wissenslücken rund um die neue Mutation sei es besser, »frühzeitig und strikt zu handeln«, sagte der Wissenschaftler im israelischen Radio.

Anthony Fauci, Berater von US-Präsident Joe Biden, wäre nicht überrascht, wenn die Omikron-Variante bald die USA erreichte. »Wir haben sie noch nicht entdeckt, aber wenn ein Virus dieses Ansteckungslevel aufweist, wird es sich letztendlich fast immer überall verbreiten«, sagte der Experte für Infektionskrankheiten im US-Fernsehsender NBC.

Großbritannien verschärfte unterdessen bereits die Vorschriften für das Tragen von Masken und für Tests bei internationalen Einreisenden, nachdem zwei Omikron-Fälle festgestellt worden waren. Spanien kündigte an, ab dem 1. Dezember keine ungeimpften britischen Besucher mehr aufzunehmen. Derzeit dürfen sie mit einem negativen Coronavirus-Test einreisen.

fww/dpa/AFP/Reuters
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