Wissenschaft in Gefahr "Den Fressnapf der Forscher verschoben"

Die ständige Frage an Wissenschaftler nach dem Nutzen ihres Tuns beschneidet massiv die Freiheit der Forschung, sagt Gerd Folkers, Professor an der ETH Zürich. Die Praxis der Förderung von Staat und Stiftungen berge die Gefahr, der Findung des Neuen entgegen zu wirken.

Verzweifelte Suche: Der Zwang zu nutzen zerstört den Geist der Forschung
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Verzweifelte Suche: Der Zwang zu nutzen zerstört den Geist der Forschung


Am Ende des berühmten Artikels zur Entdeckung der Doppelhelix, die den Forschern James Watson und Francis Crick später den Nobelpreis einbrachte, befindet sich ein bemerkenswerter Satz: "Es ist unserer Aufmerksamkeit nicht entgangen, dass die von uns vorgeschlagene Basenpaarung einen unmittelbar anwendbaren Kopiermechanismus für das genetische Material nahelegt." (Nature, 1953)

Eine Notiz, beispielhaft für die Schlussbemerkungen von Generationen in wissenschaftlichen Veröffentlichungen und Forschungsanträgen. Bewusst wird herausgestellt, wie groß der Nutzen der gemachten Entdeckung ist. Aber sind diese Marketingstrategien nötig?

Der aktuell immer stärkere Trend zu Utilitarismus, zur ewigen Frage "Wozu soll das gut sein?", beschneidet massiv die positive Freiheit eines Forschers, seine eigenen Ideen zu verfolgen. Der Utilitarismus tut nämlich so, als wisse er, was zu erwarten und was am Erwarteten vernünftig ist. Rankings und Budgetziele, Disziplinen und Evaluationen, Prüfungen und Karrieren verstärken diesen Trend.

Die Kategorie "Neu" reicht nicht

In diesen Bewertungsprozessen geht es um die Zuschreibung von Bedeutung. Der Akt wird kompliziert durch die Tatsache, dass es sich bei wissenschaftlichen Befunden in der Regel um etwas Neues handelt, das zu beurteilen ist. Neues ist akategorial. Es entzieht sich vorläufig noch einer Zuordnung - außer der Kategorie "Neu" selbst natürlich.

Im Gegensatz zu den Kategorien des täglichen Gebrauchs ist die Kategorie "Neu" aber völlig unbestimmt, sie führt nicht zu einer Verwendung oder Einordnung in ein normales Handeln und Denken. "Neu" braucht erst die Korrespondenz, um "Neu" wirken zu können. Erst dann wird es als "Neues" gebraucht und eingesetzt; und dann wird ihm das Prädikat "innovativ" verliehen. Dieser in unzähligen "Innovationsprogrammen" strapazierte Nützlichkeitsgedanke ist fast ideologisch verknüpft mit der konstruierten Gegenüberstellung von "Grundlagenforschung" und "Angewandter Forschung."

Die Datenlage widerspricht jedoch klar der Vorstellung von diesen Gegenpositionen. In der Wissenschaftsgeschichte lassen sich zahlreiche Beispiele dafür finden, wie aus Grundlagenforschung ökonomisch äußerst erfolgreiche Produkte für die Gesellschaft entstanden sind, wie auch aus der angewandten Forschung sich fundamentale Probleme für die Grundlagenforschung herauskristallisierten. Als ein Beispiel sei der Plasmonresonanzeffekt genannt. Die Beobachtung wurde in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts detailliert beschrieben, wurde aber bereits um die letzte Jahrhundertwende entdeckt. Es dauerte also etwa 100 Jahre, um die Anwendbarkeit der physikalischen Effekte zu einer Innovation zu bringen.

Erst die Entwicklung moderner Computertechnologie wirkte als evolutionärer Faktor, und heute steckt der Effekt in vielen medizinischen Messgeräten. Und auch die gerade verliehenen Nobelpreise in Medizin demonstrieren auf das Schönste wie sich rein wissenschaftliche Neugier nach 40 Jahren in eine Chance zur therapeutischen Anwendung verwandelt.

Grundlagenforschung ist ökonomisch erfolgreich

Den umgekehrten Fall, wo sich aus anwendungsorientierter Forschung grundlegende Erkenntnisse ergeben, zeigt die Erkenntnis der Spiegelbildlichkeit der Moleküle durch Louis Pasteur im Jahre 1848. Er konnte seine aus der mikroskopischen Untersuchung an Kristallen abgeleiteten Lehrsätze zur Stereochemie nur dank seiner angewandten Erforschung der Weinsäure im Zusammenhang mit der elsässischen Gerber- und Färberindustrie begründen.

Diese beiden Beispiele fügen sich sehr gut in die US-amerikanischen Statistiken zur Komplementarität von Grundlagen- und angewandter Forschung aus den 1990er Jahren. Drei Viertel aller Originalpublikationen, die bei Patentanmeldungen angeführt wurden, entstammen Forschungsprojekten, die staatlich finanzierte Grundlagenforschung betrieben. Umgekehrt erwiesen sich mehr als der Hälfte der als anwendungsorientierte Forschung deklarierten Projekte als Problemstellungen für die Grundlagenforschung.

Den Fressnapf der Forscher verschoben

Leistungsvereinbarungen, Ziele und milestones, wie wir sie aus der Geschäftswelt kennen, sind in diesem Gewebe von Grundlagenforschung und angewandter Forschung kaum geeignet, Erfolge zu erzwingen. Trotzdem zeigen die beiden letzten Dekaden, dass genau diese Mechanismen nicht nur in der Vergabe staatlicher Förderungsgelder, sondern vor allem auch in der Förderung durch private Stiftungen praktisch zur Regel geworden sind. Auch Letztere haben sich vom Mäzenatentum verabschiedet und unterwerfen sich einem Peer-Review-System, das eingegangene Projektbeschreibungen innerhalb nützlichkeits-orientierter Themen evaluiert und Gelder zuspricht.

Da staatliche Förderung und Stiftungen aber die hauptsächlichen Finanzquellen für eine unabhängige akademische Forschung sind, stellt sich zunehmend die Frage nach ihrer tatsächlichen Unabhängigkeit. Durch das Projekt-/Peer-Review-System, laufen sie zumindest teilweise Gefahr der Findung des Neuen entgegenzuwirken.

Ein eklatantes Beispiel für das Unabhängigkeitsdilemma von Fördergeldern ist die Tatsache, dass mehr als die Hälfte aller amerikanischen Forschungsprojekte in der Physik vom amerikanischen Militär gefördert wird. Die Leiterin des Stanford Linear Accelerator Center beantwortete die Frage, warum die Forschenden diese Abhängigkeit nicht stärker hinterfragen, indem sie die Forschenden mit eigenwilligen Katzen verglich, die zu "erziehen" es nur eine Lösung gebe: "we move the food." (: "Wir verschieben den Fressnapf"). Es stellt sich die Frage, ob die Wissenschaftler tatsächlich frei forschen können und sich sich durch Zufallsbefunde von ihren eingeschlagen Pfaden ablenken lassen können.

Der glückliche Fund fehlt

In kaum einem Gebiet ist dieser zufällige, glückliche Fund (Serendipity) so mächtig wie in der Arzneimittelforschung. Bekannte Beispiele für solche Entdeckungen sind die Entdeckung des Penicillins und des Viagra. Wir wären, auch retrospektiv, kaum in der Lage gewesen, diese hochwirksamen Arzneistoffe zu finden, die durch zufällige, glückliche Befunde heute in allen Therapiegebieten zur Verfügung stehen. Das zeigen die leeren pipelines der Arzneimittelkonzerne, die alles getan haben, um sich der serendipity zu entledigen.

Beim Versuch, einen vollständig rationalen Pfad einzuschlagen, wird in der Regel übersehen, dass eine Lösung der Aufgabe von Wissenselementen abhängig sein kann, die sich weit ausserhalb des Pfades befinden und von bislang unbekannten Sachverhalten abhängen. Forschenden ist es häufig nicht erlaubt, diese Nebenpfade entlang von zufälligen Befunden zu betreten und auf "verschlungenen Wegen" vielleicht zu einem lohnenderen Ziel zu kommen.

Die äußeren Einschränkungen dieser Freiheit sind im Wesentlichen die zeitlich und mengenmässig limitierten Budgets und die auf ökonomischen Analysen und Vorhersagen basierenden Risikoabwägungen innerhalb des Forschungsmanagements. Dieses Phänomen trifft inzwischen für industrielle Forschung ebenso zu wie vermehrt auch für staatlich geförderte oder durch private Stiftungen finanzierte Forschungsvorhaben.

Überbetonung des Nützlichen

Bedingt durch die äußeren Zwänge und oft mangelnder innerer Freiheit zeigt sich in vielen Gebieten ein Trend unkritischen Forschungsverhaltens. Anstatt die Risiken des radikal Neuen zu suchen, präsentieren viele Forschungsprojekte unendliche Optimierungen des bereits Gefundenen.

Das allerdings erscheint in einem völlig anderen Licht wenn es "nützlich" ist. Denn die Nützlichkeit hat einen hohen medialen Stellenwert. In einer Gesellschaft, in der scheinbar das Zitiertwerden und Häufigkeit des öffentlichen Auftretens das Mass aller Dinge zur Leistungsbeurteilung sind, fördert ein hohe mediale Präsenz die eigene Karriere. Sorgfältiges, langwieriges Mühen an einem (noch) unpopulären Thema bleibt oft zulange unbeachtet. Die Ankündigung des Nützlichen dagegen findet sofort Aufmerksamkeit.

Als publication bias bezeichnet man die im Grunde nicht verblüffende Feststellung, dass besonders in den Naturwissenschaften good news aus dem Labor, besonders wenn sie mit Visionen zur Anwendung verbunden sind, schneller in die führenden wissenschaftlichen Journale und in die Tagespresse kommen. Die schwierige aktuelle Diskussion darüber, wie wissenschaftliche Befunde, besonders in der Medizin, erfolgreich umzusetzen wären, zeigt die ganze Problematik der Nützlichkeitsverspechen auf.

Die Überbetonung des Nützlichen wird gespeist von Expertensystemen, Persistenz von Konzepten, "was nicht sein kann, das nicht sein darf", Angst (auch als Element von Karriere), Prominenz, Neugier in der Lesart der Gier nach Neuem, Netzwerken, Marketinginteressen und Forschungsfinanzierung, einer komplizierten Gemengelage, die es dringend zu überdenken und zu reformieren gilt.

Der vorliegende Text ist Teil eines umfassenderen Aufsatzes zur "Freiheit der Forschung" initiiert durch die Academia Engelberg in der Schweiz.

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insgesamt 21 Beiträge
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Thinal 10.10.2012
1. Genau das ist der Grund...
... wieso ich auch der Forschung ausgestiegen bin. Es ist auf Dauer anerträglich, bei allen Anträgen ständig mögliche Anwendungen und Geldquellen mit im Auge zu behalten und dazu verführt zu werden, viel mehr zu versprechen, als unter optimistischer Betrachtung möglich ist und die Arbeit dann mehr einem Entschuldigungsschreiben gleicht als einer wissenschaftlichen Arbeit. Schade, weil mir die Arbeit selbst eigentlich Spaß gemacht hat.
strixaluco 10.10.2012
2. Besser machen ist besser als wegrennen!
Es wird Zeit, dass sich mehr Leute mit deutlichen Worten und Taten gegen dieses System wehren. Ganz besonders in der Pflicht sehen sehe ich ältere, etablierte Wissenschaftler, die nicht mehr auf Zeitverträgen sitzen und sich offenen Widerspruch leisten können. - Es mag sein, dass das jetzige System gerade für diese Gruppe noch akzeptabel funktioniert hat, aber für Jüngere ist es so aufreibend, dass sie eine Abstimmung mit den Füßen betreiben - wenn das Fach einen Gang in die Wirtschaft denn zulässt. Siehe oben! - Und die, die gehen, sind selten von ihrer Arbeit frustriert, sie gehen mit den besten Noten und immer noch sehr viel Überzeugung für die Sache. Schade!
Lapsus 10.10.2012
3. endlich!
Es hat lange gedauert, bis diese Kritik endlich an die Öffentlichkeit getragen wurde. Warum ist man eigentlich in den vergangenen 20, 30 Jahren unkritisch auf jeden Benchmark-Unsinn aufgesprungen, wenn vom ersten Tag an in jedem Labor lautstark über den Schwachsinn geschimpft wurde? Ganz einfach: Forschungsglück ist schwer kalkulierbar. Selbst brillante Ideen und hoher Einsatz garantieren keine spektakulären Ergebnisse. Da war es einfach sicherer und planbarer, sich auf die Position in Rennlisten zu konzentrieren oder von Drittmittelgebern am Nasenring führen zu lassen. Welchem betriebswirtschaftlich eingenordeten Forschungsmanager lässt sich denn verständlich machen, dass in der Forschung der Weg (also das Belauschen der Natur) einen wesentlichen Teil des Ziels ausmacht?
nervmann 10.10.2012
4. Bis dass der Groschen fällt
In der heutigen Zeit der metrics für Alles und Jenes Zeit zum Denken und für Kurioses haben zu wollen ist vermessen. Forschungsknete gibt es zumeist nur noch für Sachen, die "was bringen", z.B. die Credits für ein Artikel in NATURE oder SCIENCE, in zwei Jahren zu "erwirtschaften". Was erwartet man da?? Allerdings, die Freiheit der Forschung gab es nie. Wenn es nicht das Geld ist, dann sind es die Gutachter, die bestimmen. Entweder man gehört dann zur Szene/Schule/Mainstream oder man schaut in die Röhre. Ein "Ich weiß zwar nicht, wozu das gut sein soll, aber es hört sich interessant an." findet man selten. Es muss aber auch Wissenschaft geben, die sich mit der Lösung von angewandten Problemen beschäftigt. Geistige Großzügigkeit ist angesagt.
spiegelak2 10.10.2012
5. is halt was passiert wenn Ami Bizness-idiotie das Sagen hat
Zitat von sysopCorbisDie ständige Frage an Wissenschaftler nach dem Nutzen ihres Tuns beschneidet massiv die Freiheit der Forschung, sagt Gerd Folkers, Professor an der ETH Zürich. Die Praxis der Förderung von Staat und Stiftungen berge die Gefahr, der Findung des Neuen entgegen zu wirken. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/forschung-warum-der-utilitarismus-die-freiheit-der-forschung-bedroht-a-860141.html
Das ist ja wirklich nicht so kompliziert: wenn die MBAs die Fuehrung sind, oder Direktverbindung zur Fuehrung haben, und mit ihrem Gestoehne von Shareholder-value jede Frage von langfristiger Planung oder Gemeinwohl uebertoenen koennen, dann kriegt man halt solche Resultate. Alles auf Gewinn heute getrimmt ? Jeder soll als Biznessmen denken, nachdem wir doch fuer eine Bizness arbeiten ? Dann wird halt Dreck gefressen. Diese Resultate sind als Existenzbeispiel haeufig in der Wirtschaft aktuell zu beobachten. Die andere Seite davon, Foerderung durch oeffentliche Gelder, glaubt das wenn sie auch schoen Bizness stoehnen oder als CEO regieren, dann werden sie zauberhaft effizient. Passiert aber nicht. Sie produzieren nur noch weniger. Leutchen, es funktioniert halt eben nicht, dass wir alle als anstrebenswertes Ziel haben, 'upscale' zu werden, also uns zu versichern dass wir von der erhabenen Klasse sind und nicht stattdessen von der verlierer-Klasse. Dass produziert den Muell den wir jetzt durchsortieren, 30 Jahre wert genau gesagt.
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