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01. März 2012, 11:12 Uhr

Fukushima

Krebsangst frisst Seele auf

Von Cinthia Briseño und Heike Sonnberger

Seit der Reaktorkatastrophe in Fukushima leben viele Japaner mit der Angst vor Krebs. Doch Experten fällt es schwer abzuschätzen, wie viele Menschen tatsächlich erkranken werden. Sie fürchten vor allem die psychischen Folgen des Atomdesasters.

Mitten durch das kleine Dorf Katsurao läuft die Grenze der Sperrzone. Manche Anwohner mussten nach der Atomkatastrophe in Fukushima ihre Häuser verlassen. Ihre Nachbarn, die nur eine Straße weiter wohnen, durften bleiben. Aber sie wollen nicht. Die Angst vor der unsichtbaren Gefahr, vor der Strahlung, vor Krebs ist viel zu groß.

Jetzt leben die Menschen von Katsurao in provisorischen Siedlungen, etwa eine Stunde Autofahrt entfernt von ihrem früheren Zuhause. Tomoko Matsumoto kennt ihre Ängste. Mit einem vierköpfigen Team betreut die Krankenschwester die Dorfbewohner. "Besonders junge Leute machen sich Sorgen", sagt die 36-Jährige. "Und alle Mütter! Sie haben Angst, dass ihre Kinder Schilddrüsenkrebs oder Leukämie bekommen könnten."

Ob ihre Angst berechtigt ist, ist wissenschaftlich jedoch umstritten. Selbst wenn frühere Einwohner Katsuraos in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren an Krebs erkranken, wird man voraussichtlich nicht beweisen können, was die Ursache war. Denn neben dem Fukushima-Desaster kommen viele andere Faktoren in Frage: Veränderungen im Erbgut, Rauchen, Alkoholkonsum, ungesunde Ernährung oder eine Virusinfektion.

Das durchschnittliche Risiko für einen Japaner, im Laufe seines Lebens an Krebs zu erkranken, liegt ohnehin bei etwa 40 Prozent. Der WHO zufolge wurden im Jahr 2000 mehr als 500.000 neue Krebsfälle diagnostiziert, 2010 waren es etwa 610.000 Fälle. Für das Jahr 2022 rechnet die WHO mit 670.000 Krebsdiagnosen.

Bei wie vielen Krebsfällen wird die erhöhte Strahlung der Auslöser sein? Wie die meisten Strahlenexperten geht der US-Radiologe Fred Mettler, Mitglied des wissenschaftlichen Strahlenschutzkomitees der Vereinten Nationen (UNSCEAR) davon aus, dass Fukushima das allgemeine Krebsrisiko in Japan nicht erhöhen wird. Und falls doch, sei es zu klein, um messbar zu sein, sagte Mettler kürzlich der Nachrichtenagentur AP.

Viele Menschen verzichten auf einheimische Lebensmittel und Leitungswasser

Die japanischen Behörden haben inzwischen mit ersten Langzeitstudien begonnen, um mögliche gesundheitliche Folgen zu erfassen. Insgesamt zwei Millionen Bewohner der Präfektur Fukushima sollen über die kommenden 30 Jahre beobachtet werden. Detaillierte Fragebögen, wo sich die Betroffenen nach der Katastrophe aufgehalten haben, radiologische Ganzkörper- und Schilddrüsenuntersuchungen - der Aufwand solcher Studien ist immens, die Auswertung der Massendaten ebenfalls.

Die ersten Ergebnisse haben 60 internationale Strahlenexperten Anfang Februar in Wien diskutiert. Demnach fällt die radioaktive Belastung, der die Bevölkerung nach dem Reaktorunfall ausgesetzt war und in den kommenden Jahrzehnten sein wird, in die Kategorie "Niedrigstrahlung", berichtete der Leiter des Uno-Komitees UNSCEAR, Wolfgang Weiss vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS). Das Problem: Über die Langzeiteffekte der Niedrigstrahlung wissen Forscher bisher noch zu wenig.

Während das Strahlenrisiko kaum quantifizierbar ist, ist für die Betroffenen von Fukushima die Angst davor real - und bestimmt ihren Alltag. Viele Menschen meiden einheimische Lebensmittel, trinken kein Leitungswasser mehr. Verunsicherung darüber, was gut oder was schlecht ist, herrscht überall. Edwin Lyman von der atomkritischen Union of Concerned Scientists sieht es so: Selbst wenn eine erhöhte Krebsrate nicht auszumachen sei, bedeute das nicht, dass es keine Krebsfälle gebe, und dass sie keine Rolle spielten.

Unklar ist laut UNSCEAR-Chef Weiss, was in den Wochen nach dem Unglück mit dem radioaktiven Iod 131 passiert ist. Wie hat es sich in der Umwelt verteilt? Und welchen Effekt wird es möglicherweise auf die Schilddrüsen der Betroffenen haben?

Aus der Katastrophe von Tschernobyl weiß man: Es gibt einen eindeutigen Zusammenhang zwischen dem Reaktorunfall 1986 und dem Anstieg diagnostizierter Krebserkrankungen der Schilddrüse. Zurückführen ließen sich die Schilddrüsenkarzinome hauptsächlich auf den Verzehr von Milch und Blattgemüse, die mit radioaktivem Iod 131 kontaminiert waren. Strahlenexperte Weiss vermutet, dass man bei Fukushima einen derartigen kausalen Zusammenhang nicht finden wird: Bei einem Massenscreening wurden die Schilddrüsen japanischer Kinder untersucht, und die gemessenen Werte seien sehr gering, so Weiss. Zudem tritt Schilddrüsenkrebs vermehrt erst ab einem Alter von 40 Jahren auf.

Insgesamt sollen 360.000 Kinder untersucht werden, die zum Zeitpunkt der Katastrophe jünger als 18 Jahren waren. Anschließend sollen sie alle zwei Jahre bis zu ihrem zwanzigsten Lebensjahr erneut zum Test, danach alle fünf Jahre.

Auch in Dörfern wie Katsurao waren die Menschen von Anfang an vor allem um die Gesundheit der Kinder besorgt. Krankenschwester Tomoko Matsumoto erzählt, jedes Kind unter 15 Jahren sei im Herbst mit einem Dosimeter ausgestattet worden, um die Gesamtstrahlenbelastung zu messen. Doch bisher hätten die Geräte keine bedenklichen Werte angezeigt, sagt Matsumoto. "Ich frage mich, ob manche Mütter nicht vielleicht überempfindlich reagieren."

Die Lehren aus Tschernobyl

Strahlenexperten wie Weiss und Mettler stützen ihre Aussagen auf Studien zur Tschernobyl-Katastrophe. Im April 2011 stellte die UNSCEAR die aktualisierte Auflage ihres Berichts vor. Der Report basiert auf Untersuchungen von mehr als 500.000 Liquidatoren, die während und nach dem Unfall auf dem AKW-Gelände eingesetzt wurden. Ebenso wurden die Schilddrüsenwerte von etwa 100 Millionen Einwohnern verzeichnet. In mehr als 6000 Fällen konnte ein direkter Zusammenhang zwischen der Tschernobyl-Katastrophe und Schilddrüsenkrebs von Kindern und Jugendlichen hergestellt werden, definitive Beweise für andere Krebsarten gab es aber nicht.

Um Kritikern wie der Vereinigung Internationaler Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) oder Greenpeace zu begegnen, die die UNSCEAR-Daten anzweifeln, soll eine möglichst breite Untersuchung zur Reaktorkatastrophe in Japan durchgeführt werden. Vier UNSCEAR-Gruppen wurden eingesetzt:

"Die Begutachtung der Daten wird das wichtigste und kritischste Instrument sein", sagt Weiss. Nach der desaströsen Informationspolitik der japanischen Regierung zu Beginn der Katastrophe will man seitens der Uno für Transparenz und Unabhängigkeit sorgen. Im Mai will UNSCEAR einen ersten Bericht veröffentlichen, für Mai 2013 ist ein großer zusammenfassender Bericht geplant.

In einem sind sich die Experten einig: Die psychischen Folgen der Atomkatastrophe sind für die Bevölkerung ein größeres Problem als das Strahlenrisiko. Das ist auch eine Erkenntnis aus der Tschernobyl-Katastrophe. Viele Vertriebene litten unter Stress und Depressionen und ernährten sich nach dem GAU ungesünder, rauchten und tranken mehr - Faktoren, die das Krebsrisiko steigern können.

Auch Krankenschwester Matsumoto sagt: Das größte Problem der Flüchtlinge aus Katsurao sei derzeit nicht die Strahlung, sondern mangelnde Bewegung. Die meisten Dörfler seien Bauern und hätten früher viel gearbeitet. Jetzt säßen sie in den Notunterkünften, ernährten sich von fettreichen Fertiggerichten statt von selbst angebautem Gemüse und hätten mit steigenden Cholesterin- und Blutzuckerwerten zu kämpfen.

"Manche leiden bereits an Depressionen", sagt Matsumoto. Es belaste sie sehr, dass sie ihr Heim und ihre Arbeit verloren hätten. "Und dass sie nicht wissen, wie es weitergehen soll."

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